Ist Fleischkonsum schuld am Corona-Virus?

Seit vermutet wird, dass die Pandemie, die auf das neuartige Corona-Virus zurückzuführen ist, von einem Wildtiermarkt in China ihren Ausgang genommen hat, kursieren in der veganen Szene Meinungen wie: In einer veganen Welt gäbe es solche Krankheiten nicht. Stimmt das?

Am 15. März veröffentlichte der vegane Influencer Ed Winters, der in den sozialen Medien unter dem Namen „Earthling Ed“ bekannt ist, eine Grafik, auf der zu lesen war, dass „COVID-19 durch den Verzehr von Tieren verursacht wurde“. Der Beitrag listete noch verschiedene andere Krankheiten auf, die Epidemie- und Pandemie-Niveau erreicht haben, und Winters behauptete, „das einzige, was sie alle gemeinsam haben“, sei, dass sie ihren Ursprung in der Ausbeutung von Tieren hätten. Wäre die Welt vegan, würde COVID-19 nicht existieren. Die Grafik, die auf Winters‘ Instagram-Account weit über 66.000 Likes erhalten hatte, ist dort inzwischen nicht mehr zu sehen – andere Accounts aber haben sie weiterverbreitet, beispielsweise findet man sie auf der Instagram-Seite der Dokumentation „Cowspiracy“. Ruft man sie dort auf, ist sie allerdings zunächst verdeckt von einer grauen Fläche, auf der steht: „Teilweise falsche Informationen – von unabhängigen Faktenprüfern bewertet.“ Die Grafik sieht man erst, wenn man auf „Beitrag ansehen“ klickt. Als Faktenprüfer werden USA Today sowie die Seite politifact.com angegeben.

RESULTIEREN ZOONOSEN AUS TIERHALTUNG?

Der „Faktencheck“ von USA Today wurde am 18. März unter dem Titel „Is COVID-19 caused by human consumption of animals?“ veröffentlicht. Auf Nachfrage der US-amerikanischen Tageszeitung erklärte Winters, nicht alle Zoonosen würden entstehen, weil wir Tiere ausbeuten, aber es sei „unbestreitbar, dass die Ausbeutung von Tieren Umgebungen schafft, in denen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Übertragungen deutlich erhöht ist, und wenn wir keine Tiere als Nahrungsmittel verwenden würden, hätten wir keine Situationen geschaffen, in denen viele dieser Krankheiten, einschließlich des jüngsten Coronavirus, auf den Menschen übergegangen wären“. USA Today schreibt dazu, viele Viren, Bakterien und Parasiten, die in der Vergangenheit schwere Krankheiten verursacht hätten, seien zoonotisch gewesen – sie hatten ihren Ursprung also bei Tieren. Winters‘ Grafik nenne Vogelgrippe, Ebola, HIV, Schweinegrippe, SARS und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die beim Menschen alle nach Infektionen durch andere Arten entstanden sind. „Die meisten der in der Grafik genannten Krankheiten sind unter Bedingungen entstanden, unter denen Tiere gejagt oder für den menschlichen Verzehr aufgezogen wurden“, so die Zeitung. Im vergangenen Jahrhundert habe es Epidemien gegeben, die durch Stämme der Vogel- und Schweinegrippe verursacht worden seien; die Spanische Grippe von 1918, die mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung infizierte und 50 Millionen Menschen tötete, sei durch ein H1N1-Virus verursacht worden, das laut Historikern „vermutlich von einer Hühnerfarm in Kansas“ stamme. Ein H1N1-Stamm, der 2009 in den Vereinigten Staaten und Mexiko Pandemiewerte erreichte, habe seinen Ursprung wahrscheinlich in den Schweinepopulationen beider Länder gehabt. Ebola und HIV seien von Primaten wie Schimpansen und Gorillas auf den Menschen übertragen worden.

Viele zoonotische Krankheiten seien jedoch nicht das Ergebnis von Tierhaltung, wie etwa Malaria oder die Pest. Pandemische Krankheiten müssten nicht unbedingt von Tieren ausgehen, die von Menschen verzehrt würden. „Es gibt eine Handvoll von durch Lebensmittel übertragenen parasitären Krankheiten, die man nur durch den Verzehr von nicht ausreichend gekochtem oder rohem Schweinefleisch bekommen kann. Wenn Sie also ganz aufhören würden, Schweinefleisch zu essen, müssten Sie sich um keine dieser Krankheiten Sorgen machen“, zitiert die Zeitung Dr. Stephen Felt vom Stanford University Medical Center, und weiter: „Aber sicherlich wäre es, was Zoonose-Erreger angeht, die nicht durch die Einnahme von infiziertem Fleisch übertragen werden, schwierig, mit Sicherheit zu behaupten, dass das Auftreten dieser Krankheiten reduziert würde, wenn der Mensch weniger tierische Produkte konsumieren würde.“ Dr. Homayoon Farzadegan, ein Professor, der Epidemiologie an der Bloomberg School of Public Health der Johns Hopkins University lehrt, meint: „Der Konsum von weniger Tierprodukten könnte helfen. Aber allein das Leben in unmittelbarer Nähe von Tieren, die das potenzielle Reservoir für zoonotische Viren sind, kann zu neuen Übertragungen führen.“

Man vermutet, dass das neue Coronavirus seinen Ursprung auf einem „Wet market“ im chinesischen Wuhan hat. Ob COVID-19 ohne die Existenz von solchen Wildtiermärkten und ähnlichen Veranstaltungen entstanden wäre, lasse sich, so USA Today, nicht feststellen. Es stimme allerdings, „dass solche Märkte die Voraussetzungen dafür schaffen, dass solche Krankheiten entstehen und den Menschen infizieren“. So sei etwa SARS das Ergebnis einer Virusübertragung zunächst von Fledermäusen auf Zibetkatzen und dann auf Menschen. SARS, 2003 entdeckt, sei auf einem Wildtiermarkt entstanden, der jenem ähnelte, von dem man heute vermute, dass er der Ursprung von COVID-19 ist. Wie viele Zoonosen in einer Welt entstehen würden, in der Menschen kein Fleisch essen würden, sei schwer zu bestimmen. Doch selbst mit den präventiven Maßnahmen im US-amerikanischen Ernährungssystem, wie der Fütterung von Nutztieren mit Antibiotika und pathogenreduzierenden Behandlungen wie der Chlorwäsche von Fleisch, lasse die Nähe zu Tieren immer noch die Möglichkeit zu, dass Krankheiten durch direkten Kontakt zwischen Mensch und Tier übertragen werden könnten. So sei die Verringerung des menschlichen Kontakts mit Tieren wahrscheinlich der effektivste Weg, um das Risiko der Übertragung von pandemieverursachenden Viren und Bakterien von Tierpopulationen auf den Menschen zu senken.

Die Aussage, dass COVID-19 durch den menschlichen Verzehr von Tieren verursacht wurde, bewertet die Zeitung daher als „teilweise falsch“: „Es stimmt zwar, dass viele Infektionskrankheiten, die verheerenden Schaden unter den Menschen angerichtet haben, von Tieren stammen, aber es ist nicht ganz richtig, dass ein Ende des Verzehrs von Tieren diesen Krankheiten ein Ende setzen würde. Eine Einschränkung des Kontakts mit Tieren, selbst wenn sie nicht vom Menschen verzehrt werden, wäre notwendig, um die Chancen zu verringern, dass Viren und andere Krankheitserreger zwischen den Arten übertragen werden und den Menschen infizieren.“

KEIN BEWEIS FÜR FLEISCH ALS QUELLE

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Politifact, ein US-amerikanisches journalistisches Recherche- und Überprüfungs-Projekt, wo Reporter und Autoren Aussagen von Mitgliedern des US-Kongresses, des Weißen Hauses und von Lobbygruppen einem „Faktencheck“ unterziehen. Auf dem entsprechenden Beitrag auf der Seite heißt es, Ed Winters beziehe sich auf die Aussage des Centers for Disease Control and Prevention (CDC)  – eine Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums –, dass „3 von 4 neuen oder neu auftretenden Infektionskrankheiten bei Menschen von Tieren stammen“ sowie auf eine Warnung der Weltgesundheitsorganisation, dass der Verzehr „roher oder nicht ausreichend gekochter tierischer Produkte, einschließlich Milch und Fleisch“, ein potentielles Risiko für eine Infektion durch das MERS-CoV, ein weiteres Coronavirus, berge, aber keine der beiden Aussagen unterstütze „die Verbindung, die der Aktivist zwischen COVID-19 und dem Fleischkonsum herstellt“. Weiter heißt es in dem Beitrag:

Es gibt eine Fülle wissenschaftlicher Literatur, die menschliche Coronaviren mit Fledermäusen und anderen wilden Tieren in Verbindung bringt, insbesondere mit Hufeisenfledermäusen in China. Diese Studien stellen jedoch fest, dass „Zwischenwirte“ zwischen Fledermäusen und Menschen erforderlich sind, damit sich die Krankheit ausbreiten kann – und Fleisch ist nicht unbedingt Teil der Gleichung. […] Eine der ersten Studien, die von chinesischen Forschern über COVID-19 veröffentlicht wurde, ergab, dass das Virus von denselben Fledermäusen stammen könnte, die 2003 die Ursache für den SARS-Ausbruch waren. Die Forscher gaben jedoch zu bedenken, dass es „wahrscheinlich ist, dass es in der Übertragungskaskade von Fledermäusen auf den Menschen einen oder mehrere Zwischenwirte gibt“. Neuere Studien zu COVID-19 legen nahe, dass Pangoline, schuppige Ameisenbären, dieser Zwischenwirt sein könnten. Die Tiere sind in China trotz eines weltweiten Verbots wegen ihres Fleisches und ihrer Schuppen sehr begehrt. Die Wissenschaftler haben jedoch noch keinen schlüssigen Beweis dafür gefunden, dass die Schuppentiere für das Coronavirus verantwortlich sind. Und bis jetzt gibt es keinen Beweis dafür, dass der Verzehr von Fleisch die Quelle der COVID-19-Pandemie ist.

Bei Pangolinen handelt es sich um eigentlich streng geschützte Säugetiere; dennoch zählen sie zu den meist gehandelten Wildtieren der Welt. Sie werden in den Wäldern Asiens und Afrikas gejagt. In China und Vietnam werden sie aufgrund ihrer Schuppen und ihres Fleisches illegal gehandelt. „Auf diese Weise könnten Menschen in engen Kontakt mit den Tieren gekommen sein und sich bei ihnen infiziert haben, mutmaßen die Forscher“, berichtete auch das deutsche Magazin Spiegel schon am 7. Februar. Den chinesischen Forschern zufolge gleiche das Erbgut der neuartigen Coronaviren zu 99 Prozent dem Erbgut von Coronaviren, die sie in Pangolinen entdeckt haben. Damit seien die Tiere der wahrscheinlichste Zwischenwirt. Dirk Pfeiffer, Professor für Tiermedizin an der Hong Kong City University, warnte aber vor voreiligen Schlüssen: Bis bewiesen sei, dass tatsächlich Schuppentiere die Viren auf den Menschen übertragen haben, sei es noch ein langer Weg.

In einem Time-Artikel mit dem Titel The West Blames the Wuhan Coronavirus on China’s Love of Eating Wild Animals. The Truth Is More Complex, der bereits am 24. Januar erschienen ist, heißt es, Wissenschaftler hätten bestätigt, dass COVID-19, wie etwa 70 Prozent der neuen menschlichen Krankheitserreger, zoonotisch war, also von einem Tier übertragen wurde; um welches Tier es sich genau handle, sei aber noch nicht sicher. Forscher hätten die chinesische Vorliebe für den Verzehr von Wildtieren, und ob dieser eine Rolle bei dem Ausbruch gespielt hat, im Blick – schließlich sei die SARS-Pandemie von 2002 und 2003 auf Zibetkatzen zurückzuführen, die auf einem Wildtiermarkt in der südlichen Provinz Guandong verkauft worden seien. Es sei aber nicht immer so einfach. Während Wissenschaftler etwa zunächst gedacht hätten, dass Ebola mit dem Verzehr von Fledermausfleisch in einem Dorf im Südosten Guineas begonnen hätte, würden sie inzwischen glauben, dass das zweijährige Mädchen, das als „Child Zero“ bekannt ist, wahrscheinlich durch Fledermauskot infiziert wurde, der einen Gegenstand, den sie in ihren Mund gesteckt hatte, kontaminierte. MERS sei auch hauptsächlich von lebenden Kamelen auf Menschen übergegangen, und nicht durch den Verzehr von Kamelfleisch. Dennoch solle man, so der Artikel, die mit den Wildtiermärkten verbundene Problematik nicht herunterspielen: „Eine Mischung aus Urin, Kot und anderen Körperflüssigkeiten von lebenden, wilden Tieren vermischt sich schließlich mit Blut von geschlachteten Tieren, was ideale Möglichkeiten für das Gedeihen von Viren und Bakterien bietet.“

MASSENTIERHALTUNG ALS BRUTSTÄTTE

Man kann also nicht mit Sicherheit behaupten, dass die derzeitige Pandemie auf den Verzehr von Tierfleisch zurückzuführen ist oder sie in einer veganen Welt nicht hätte entstehen können. Allerdings kann man festhalten, dass Forscher und Experten einen solchen Übertragungsweg durchaus für möglich und wahrscheinlich halten und teilweise bereits seit Jahren vor einer solchen möglichen Gefahr warnen. Ein Beispiel dafür ist der mit Sicherheit bekannteste deutsche Virologe Christian Drosten. Im Verlauf der COVID-19-Pandemie berät Drosten derzeit Politik und Behörden und ist in den Medien als Experte präsent – am 17. März schrieb der Stern, das Coronavirus habe den Virologen „zum wichtigsten Mann Deutschlands“ und „zum Star“ gemacht. Drosten, der zu den Mitentdeckern des SARS-assoziierten Coronavirus (SARS-CoV) gehört, warnt schon seit Jahren vor einer Unterschätzung von neuartigen Corona-Viren. So wird er etwa in einem Artikel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von 2011, der die Frage aufwarf, ob nach der Schweine- und Vogelgrippe in Zukunft „eine Fledermausgrippe“ drohe, mit den Worten zitiert: „Neuere Untersuchungen deuten an, dass gerade Coronaviren – im Gegensatz zu vielen anderen Zoonose-Erregern wie Tollwut, Ebola- oder Lassaviren – nach einem Wirtswechsel ein ganz besonders hohes Potenzial haben, sich epidemisch auszubreiten.“ In diesem Zusammenhang warnte Drosten davor, dass neue Epidemien in der Tierhaltung ihren Ausgang nehmen könnten. „Virologen haben durchaus Vorstellungen davon, woher und wie neue Viren ihren Weg zum Menschen finden. Eine große Rolle spielt dabei die Massentierhaltung. Ein besonders verdächtiges Virus ist dabei der MERS-Erreger, ein Coronavirus, das im Mittleren Osten vorkommt und seine Quelle im Kamel hat“, sagte er beispielsweise in einem Interview im Jahr 2017. „Überhaupt sind die Chancen bei der Massentierhaltung sehr groß, dass Viren zuschlagen, vor allen Dingen, wenn es sich um das Zusammensperren von Wildtieren in engen Sozialverbänden handelt“, meinte er 2016. SARS sei eine Folge von Massentierhaltung, so Drosten im April 2018 gegenüber dem Deutschlandfunk, und weiter: „Das ist immer wieder dasselbe Muster, ob es jetzt hier bei uns in der Gegend die Schweinezucht ist, die die Influenza antreibt, oder eben auch in China, diese wilden Karnivoren, die eigentlich nicht in landwirtschaftliche Zucht gehören, aber die zum Beispiel die Bekleidungsindustrie braucht, denn die Felle, die sie sehen an den Kapuzen, an den Winterjacken, das sind im Prinzip alles Marderhunde aus China.“

Auch in einem Stern-Interview, das erst vor wenigen Tagen – am 21. März – erschienen ist, benannte Drosten den Fleischkonsum und die Tierhaltung als Problem. Das Magazin fragte: „Die Gefahr für mehr Seuchen bezeichneten Sie früher bereits als ‚sehr wahrscheinlich‘. Als Auslöser vermuteten Sie Erreger über Nutztiere in der intensiven Landwirtschaft in den nächsten 100 bis 200 Jahren. Jetzt heißt es aber, dass die Übertragung des Virus auf einem Markt in China erfolgt sei, nicht durch Massentierhaltung von Rindern und Schweinen. Lagen Sie hier falsch?“ Darauf antwortete Drosten:

Zunächst einmal würde ich schätzen, dass der Markt in Wuhan nicht die Quelle war, sondern ein Verbreitungspunkt. Da wurde das Virus wahrscheinlich hineingetragen und zwar über einen Menschen. Das ist mein Bauchgefühl, ich habe keine Daten – erstaunlicherweise gibt es auch aus China noch keine. Das Virus verbreitet sich dort, wo Tiere gezüchtet werden. Und Händler gehen an solche Orte. […] Ich glaube schon, dass Massentierhaltung eine Rolle spielt, allerdings nicht, wie wir uns das im Westen vorstellen. Massentierhaltung – das ist im arabischen Raum auch das Kamel und in China der Marderhund für das Fell an der Kapuze. 2003 wurde eine Studie publiziert, die besagt, dass auf Märkten nicht nur in Schleichkatzen SARS gefunden wurde, sondern auch in Marderhunden. Ich vermute seit einiger Zeit, dass da ein Problem schlummert. Marderhunde werden massenhaft gezüchtet, daran hängt eine große Textilindustrie. Aber bislang kenne ich keine neue Studie aus China, die gezielt nach Viren in diesen Tieren gesucht hätte. […] Bei einem der vier Erkältungs-Corona-Viren, die wir bislang beim Menschen kannten, kann man fast mit Sicherheit sagen, dass es vor etwa 150 Jahren aus dem Rind zum Menschen kam. Als MERS ausbrach […], kam das Virus von Kamelen. Die wiederum tragen auch ein Rinder-Corona-Virus in sich, wie wir bei Untersuchungen festgestellt haben. Und zudem einen engen Vorfahren eines menschlichen Coronavirus. […] Der aktuelle Grund sollte jetzt sehr überzeugend sein, notwendige Veränderungen in Angriff zu nehmen. Das Problem ist der Fleischhunger in der sich ausweitenden Gesellschaft.“

FLEISCHKONSUM STEIGERT DAS PANDEMIE-RISIKO

Ganz ähnliche Einschätzungen sind derzeit auch andernorts zu lesen. Erst gestern erschien beispielsweise ein Artikel von Julia Köppe bei Spiegel Online, der feststellt: „Weil in China exotische Wildtiere gegessen werden, warnten Forscher schon vor Jahren vor einem erneuten Corona-Ausbruch. Doch auch europäische Gewohnheiten vergrößern die Gefahr.“ Der Artikel verweist auf eine Studie aus dem Fachblatt Clinical Microbiology Reviews, die im Jahr 2007 veröffentlicht wurde und die derzeit durch die sozialen Netzwerke geistere. In der Studie steht: „Das Vorkommen eines großen Reservoirs an SARS-CoV-ähnlichen Viren in Hufeisennasen-Fledermäusen, zusammen mit der Tradition in Südchina exotische Säugetiere zu essen, ist eine Zeitbombe“ – der Satz klinge „wie ein Corona-Orakel“. Die Warnung der Forscher befeuere nun eine Debatte, die von rassistischen und pseudowissenschaftlichen Fehlschlüssen geprägt sei. „Ich wünsche mir, dass bestimmte Volksgruppen mal aufhören Fledermäuse, Gürteltiere, Affenschädel und anderen Scheiß zu essen“, habe etwa ein CDU-Lokalpolitiker bei Twitter geschrieben und dazu ein Bild von Essstäbchen gepostet. Der Tweet sei inzwischen gelöscht, der Rassismus bleibe. Letzteren kann man sich wirklich sparen – denn, so Köppe: „Ob Gürteltier oder Schwein – Fleischkonsum steigert das Pandemierisiko.“ Ein Blick in die jüngste Pandemie-Geschichte verrate, dass längst nicht nur chinesische Essgewohnheiten Pandemien entfesselt hätten: „Selbst wer nur Tiere isst, die auf europäischen Speisekarten stehen, ist nicht sicher vor Krankheiten. Im Gegenteil: Eines der verheerendsten Viren sprang wahrscheinlich vom beliebtesten Speisetier der Deutschen auf den Menschen über, dem Schwein.“ Gemeint ist damit die Spanische Grippe. Dass hier, anders als bei USA Today, von Schweinen statt von Hühnern die Rede ist, ist nur scheinbar ein Widerspruch; in der Folge „Die nächste Pandemie“ der Netflix-Serie Explained heißt es dazu: „Experten sind sich nicht sicher, aber sie glauben, dass die Grippepandemie von 1918 anfing, als ein infizierter Vogel und ein infizierter Mensch das gleiche Schwein trafen.“ Übrigens wird auch in der Serie schon gewarnt: „Die menschliche Technologie hat die nächste Pandemie unvermeidlich gemacht. Abholzung bringt mehr wilde Tiere in Kontakt mit mehr Menschen. Und die Massentierhaltung treibt die Tiere näher zusammen, sodass sich ihre Viren zu einem verbinden, der uns infizieren könnte.“ – In den darauffolgenden Jahrzehnten, so der Spiegel-Artikel weiter, hätten die Viren vom Typ H1N1 weiter in Schweinen geschlummert und im Jahr 2009 eine weitere Pandemie ausgelöst: Die Schweinegrippe. Köppe schreibt: „Weltweit werden mehr als 18.400 Todesfälle mit dem Virus in Verbindung gebracht. Wann eine vergleichbare Pandemie ausbricht, ist nur eine Frage der Zeit. Insofern sind europäische Essgewohnheiten ebenso eine Zeitbombe wie chinesische.“

Dass die Tierhaltung zu Pandemien beiträgt, kann als sicher gelten. Der Wissenschaftler Kurt Schmidinger ist sogar der Meinung: „Fast alle wurden und werden durch den Verzehr von Tierprodukten oder die Haltung von Tieren für den Verzehr ausgelöst.“ Seine Forderung: „Statt uns von Pandemie zu Pandemie zu hanteln und multiresistente Keime zu züchten, sollten wir die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts nutzen: Die endgültige Abkehr von der industriellen Nutztierhaltung und von Wildtiermärkten!“ Schmidinger ist wissenschaftlicher Beirat der Tierrechtsorganisation Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, für die er den zitierten Text auch geschrieben hat. Doch längst nicht nur Tierechtler erkennen, dass sich dringend etwas ändern muss. „Um die Wahrscheinlichkeit künftiger Epidemien zu verringern, müssen wir grundsätzlich über unsere Lebensweise nachdenken“, fordert etwa der Epidemiologe Oliver Razum, Leiter der Arbeitsgruppe „Epidemiologie und International Public Health“ der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. „Epidemien werden durch den weltweit steigenden Fleischkonsum, die steigende Zahl der Tiere in der Massentierhaltung und die Tierzucht begünstigt, die nicht auf genetische Vielfalt, sondern auf möglichst leistungsstarke Tiere abzielt“, sagte er kürzlich gegenüber einer Tageszeitung – diese titelte daraufhin: Wie Fleischkonsum Epidemien begünstigt. „Erreger überspringen Artgrenzen, wenn wir natürliche Ressourcen respektlos ausbeuten. Machen wir so weiter, scheitern wir“, bringt auch Johannes Vogel das Problem in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel auf den Punkt. Laut Vogel, der Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde und Professor für Biodiversität und Wissenschaftsdialog an der Humboldt-Universität zu Berlin ist, schauen wir zu wenig auf die Tatsache, dass ein überhebliches Mensch-Natur-Verhältnis viele unserer Probleme befeuere, meist sogar verursache. Maßnahmen gegen den illegalen Handel mit Wildtieren durchzusetzen, sei genauso möglich, wie die natürlichen Ressourcen zum Wohle aller Menschen zu nutzen und dem Klimawandel Einhalt zu gebieten: Die Technik sei da, allein es mangele am Willen, gemeinschaftlich zu handeln. Vogel kommt zum Schluss: „Das Wirtschafts- und Wertesystem, das auf der Ausbeutung der Natur, ihrer nicht-nachhaltigen Nutzung beruht, wird scheitern. Jetzt wissen wir es sogar in der westlichen Welt: Ganz gleich, ob das neue Coronavirus nun über Schuppentiere, Fledermäuse oder andere Kreaturen zum Menschen kam, wir müssen neu definieren, wie wir uns zur Natur stellen. Es ist an Zeit zu begreifen, der Mensch ist und bleibt Teil der Natur und ist für sein Überleben elementar auf sie angewiesen. Wir brauchen einen Wertewandel – für Natur.“

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