Vegetarisch in Wien um 1900

Die Historikerin Birgit Pack forscht zur Geschichte des Vegetarismus und Veganismus in Wien. Sie betreibt den Blog „Vegetarisch in Wien um 1900“, wo sie ihre Forschungsergebnisse laufend aktualisiert vorstellt, und arbeitet an einem Buch zum Thema. Gefördert wird sie vom Wissenschaftsreferat der Kulturabteilung der Stadt Wien. Für uns stellt sie ihre Arbeit in folgendem Artikel vor.

Titelbild: In seiner 1936 erschienenen Autobiografie erinnert sich Friedrich Eckstein an seine Zeit als junger Vegetarier im Wien der 1870er-Jahre. Viele der „eifrigen Verkünder der reinen Pflanzenkost“ hätten ihr Haar bis auf die Schultern wachsen und sich Vollbärte wachsen lassen, Eckstein selbst ging, „nach den Thesen des Pythagoras, Sommer und Winter stets ganz in Leinen gekleidet“, heißt es dort. Mehr über Eckstein gibt es hier.

Vielen Dank an VEGAN INFO für die Gelegenheit, hier mein Forschungsprojekt „Vegetarisch in Wien um 1900“ vorzustellen. Ich forsche seit drei Jahren zu diesem Thema. Ergebnisse zu Organisationen, Veranstaltungen, Restaurants, Publikationen und dergleichen präsentiere ich auf meinem Blog veggie.hypotheses.org am Blogportal von hypotheses. Darüber hinaus sind auch bereits Artikel über mein Projekt veröffentlicht worden, beispielsweise in der österreichischen Tageszeitung Die Presse.

Forschungsinteresse und Quellen

Die Anfänge reichen weit zurück: Als ich begann, in Wien Geschichte zu studieren, war ich Vegetarierin. Im Laufe der folgenden Jahre wurde ich vegan, engagier(t)e mich in der Tierschutz- bzw. Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung und begann, mich mit Texten zur Tierethik auseinanderzusetzen. Da war es naheliegend, auf der Uni Referate oder Seminararbeiten zu diesen Themen anzufertigen, wenn sich die Gelegenheit ergab, zum Beispiel in Lehrveranstaltungen zur Ernährungsgeschichte zu Vegetarismus. Schnell wurde klar: Die Literatur zur Geschichte des Vegetarismus im deutschsprachigen Raum ist recht überschaubar: Einige Grundlagentexte geben einen guten Überblick vor allem über die Entwicklung in Deutschland, viele Einzelaspekte sowie Regionen, besonders in Österreich, sind jedoch bislang unerforscht. Mein Interesse war geweckt und in der Folge sammelte ich parallel zu Studium, Diplomarbeit und ersten Jobs Literatur und Quellentexte. Zwei volle Kartons mit unsystematisch zusammengestelltem und ungeordnetem Material später, begann ich konkret zu überlegen, in welcher Form ich die Veggie-Geschichte bearbeiten und präsentieren könnte. Wichtig war mir, mich nicht nur wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen, sondern vor allem einen Beitrag zu leisten, damit die beinahe vergessene Geschichte der Wiener Vegetarier/innen der Zeit um 1900 bekannter wird. Es folgte eine lange und frustrierende Phase der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten. Für mein favorisiertes Projekt einer Ausstellung konnte ich bis heute keine Geldgeber finden, von der Stadt Wien bekam ich allerdings eine Förderung für ein Forschungsprojekt.

Mein Anliegen dabei ist primär, erstmals eine Bestandsaufnahme zu erstellen: Wer waren die Wiener Vegetarier/innen in der Zeit zwischen 1870 (dem Jahr der ersten Vereinsgründung) und 1938 (als die Nationalsozialisten mit Diktatur und Krieg der „ersten“ vegetarischen Bewegung ein Ende bereiteten)? Wie organisierten sie sich? Was war ihre Motivation, kein Fleisch mehr zu essen und in welchem gesellschaftlichen Kontext standen sie damit? Wie setzten sie diese Entscheidung im Alltag um und gab es eine nennenswerte vegetarische Infrastruktur? Die Quellenlage zu diesen Fragen ist recht unterschiedlich: Vom Wiener Vegetarierverein sind leider keine Mitgliederverzeichnisse oder Sitzungsprotokolle (oder andere Dokumente) erhalten. Abgesehen von Flugblättern (die großteils nicht überliefert sind) hatten die Wiener Vegetarier/innen selbst kaum Publikationen angefertigt, sondern Texte deutscher Vegetarier zur Untermauerung ihrer Argumentation verwendet. Sehr umfangreich dokumentiert sind hingegen in Tageszeitungen angekündigte Veranstaltungen des Vereins sowie die mediale Reaktion auf vegetarische Aktivitäten vor mehr als hundert Jahren. Einige Kochbücher geben zudem Einblick in die Motivation und den kulinarischen Alltag der Wiener Vegetarier/innen.

VEGETARISMUS IN der Habsburgermetropole

Auf der Basis all dieser Dokumente kann ich ein durchaus umfassendes (wenn auch bei weitem nicht vollständiges) Bild des vegetarischen Lebens in der Habsburgermetropole entwerfen. Ab der Zeit um 1870 entschlossen sich regelmäßig Wiener (und in kleinerer Zahl Wienerinnen), kein Fleisch mehr zu essen. Der Anlass waren oft gesundheitliche Probleme, die in Publikationen und bei Vorträgen dargelegten Argumente hatten jedoch eine weitaus umfangreichere Bandbreite: Das Töten von Tieren wurde um der Tiere willen als falsch betrachtet, aber auch als verrohend für Menschen kritisiert und in Zusammenhang mit einer angestrebten Reduktion von Gewalt innerhalb der Gesellschaft abgelehnt. Dabei spielten nicht immer, aber manchmal religiöse oder spirituelle Überzeugungen eine Rolle, wie die Vorstellung eines friedlichen Urchristentums oder der Glaube an die Seelenwanderung. Vereinzelt fand sich aktuell anmutende Kritik an der Intensivierung der Tierhaltung, die im letzten Drittel des 19. Jahrhundert vor allem durch die Mast mit Kraftfutter erfolgte. In Zusammenhang mit den Debatten über das Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Verschwendung von Boden für den Anbau von Futtermittel beanstandet. Vegetarismus wurde zudem als billige und damit für alle leistbare Kostform beworben. Außerdem hatte das Engagement der Wiener Vegetarier/innen auch eine politische Komponente.

Der Großteil der städtischen Bevölkerung war jedoch den damals so genannten „Zwangsvegetariern“ zuzurechnen: Arbeiter/innen, die sich nur sehr selten Fleisch leisten konnten und deren Ernährung von Mangel geprägt und keinesfalls ausgewogen vegetarisch war. Auch wenn es vereinzelt proletarische Vegetarier/innen gab – es gab auch vegetarische „Volksküchen“ –, hatte die Mehrheit der Bevölkerung kein Interesse und Verständnis für den freiwilligen Verzicht auf Schnitzel und Brathendl. Die Wiener Vegetarier/innen rekrutierten sich hauptsächlich aus dem Bürgertum, in dem zu dieser Zeit oft mehrmals am Tag Fleisch gegessen wurde. Im Gegensatz zu heute ernährten sich mehr Männer als Frauen vegetarisch, was unter anderem mit der in Bezug auf Frauen noch wesentlich stärker ausgeprägten Tabuisierung von allem Körperlichen und der sehr eingeschränkten Selbstbestimmung von (bürgerlichen) Frauen zu tun hatte. Die vegetarischen Aktivitäten spiegelten die soziale Herkunft wider: Vegetarische Vereine (der erste bestand 1870 lediglich für ein Jahr, von 1877 bis zur NS-Zeit hatten die Wiener Vegetarier/innen eine kontinuierliche Interessensvertretung) unterschieden wenig zwischen Spender/innen und Aktivist/innen, sondern verlangten von allen Mitgliedern den aktiven Einsatz für die Verbreitung der vegetarischen Idee, was finanzielle, zeitliche und fachliche Ressourcen voraussetzte. Vorträge waren das zentrale Medium zur Rekrutierung neuer Gesinnungsgenoss/innen. Einen oft höheren Anteil an den Vereinsaktivitäten hatten gesellige Veranstaltungen wie Restaurantbesuche, Musikabende und Feste oder gemeinsame Wanderungen. Berichten aus einzelnen Jahren zufolge lag die Zahl der Mitglieder im Vegetarierverein immer im zweistelligen Bereich, gleiches galt für die Besucher/innen von Vorträgen, außer bei Auftritten überregional bekannter (meist deutscher) Redner/innen.

Gesellschaftliche Wahrnehmung

Die meisten Veranstaltungen fanden in vegetarischen Restaurants statt: Das erste wurde in Wien im Jahr 1877 eröffnet, um 1900 verköstigten (bei hoher Fluktuation) rund fünf Veggie-Lokale nicht nur Vegetarier/innen, um 1930 stieg die Zahl nochmal leicht an. Die vegetarische Gastronomie ist als der in Wien erfolgreichste und kontinuierlichste (bzw. sogar wachsende) Sektor des Vegetarismus zu nennen. Die Lokale zogen auch Menschen, die sich nicht vegetarisch ernährten, an. Schwer zu fassen sind die nicht in Vereinen organisierten Vegetarier/innen. Die lebhaftesten und umfassendsten Schilderungen einer vegetarischen Subkultur jenseits des Vereinswesens existiert aus der Zeit um 1880, als vegetarisch zu leben von zahlreichen jungen Künstlern und Intellektuellen praktiziert wurde. Rebellion spielte dabei ebenso eine Rolle (auch ausgedrückt durch lange Haare und Bärte) wie der Kult um den Komponisten Richard Wagner (selbst kein Vegetarier, beschwor er die Utopie einer harmonischen vegetarischen Gesellschaft) oder die Suche nach einer Alternative zum Materialismus und Rationalismus. 

Gemessen an den niedrigen Zahlen der Vereinsmitglieder war die gesellschaftliche und mediale Wahrnehmung der „Vegetarianer“ (so die anfangs übliche und später spöttische verwendete Bezeichnung) durchaus beachtlich. Zeitungen berichteten über Aktivitäten und diskutierten das Für und Wider der vegetarischen Ernährung. Phänomene wie die Figur des Vegetariers in Theaterstücken und Romanen oder die Kostümierung als Vegetarier im Fasching zeigen die hohe Präsenz des Vegetarismus: Obwohl es wenig Zustimmung gab, war um 1900 in Wien bekannt, was Vegetarismus bedeutete. Die Akzeptanz der fleischlosen und gemüsebasierten Ernährung wuchs während des Ersten Weltkriegs und in den 1920er-Jahren vor allem durch neue Erkenntnisse der Ernährungsforschung: Hatten in den 1880er-Jahren Wissenschaftler noch sehr hohe Mengen an tierischem Eiweiß als lebensnotwendig erachtet, so wurden diese Werte nicht nur nach unten revidiert, sondern zudem die Vorzüge pflanzlicher Nahrungsmittel erkannt. Die Erforschung der Vitamine und Mineralstoffe sowie des Säure-Basen-Gleichgewichts und die rasche Popularisierung dieses Wissens in den 1920er-Jahren trug dazu bei, dass beispielsweise auf den Haushaltseiten der Tageszeitungen öfter vegetarische Mahlzeiten empfohlen wurden – was sich jedoch kaum im tatsächlichen Essverhalten der Wiener/innen niederschlug. Die Nahrungsmittelknappheit während und nach dem Zweiten Weltkrieg trug maßgeblich dazu bei, dass das Interesse am Vegetarismus schwand. Der Wiener Vegetarierverein hatte sich 1940 aus verschiedenen Gründen aufgelöst (Konflikte mit der NS-Diktatur spielten dabei ebenso eine Rolle wie interne Probleme) und trotz einiger Versuche gelang es in Wien nicht, nach dem Ende der NS-Herrschaft an die Aktivitäten der vorangegangenen siebzig Jahre anzuschließen. Erst ab den 1980er-Jahren etablierte sich wieder eine vegetarische Bewegung.

Vegetarische Erfolgsfaktoren

Ergänzend zu diesem Überblick über die vegetarische Bewegung bzw. Subkultur in Wien möchte ich für detailliertere Darstellungen auf meinen Blog verweisen und an dieser Stelle abschließend eine Frage behandeln, die aus einer gegenwärtigen vegetarisch-veganen Perspektive von Interesse ist: Welche Faktoren haben zum Erfolg des Vegetarismus zwischen 1870 und 1938 beigetragen?

Betrachtet man die Entwicklung über mehrere Jahrzehnte, wird klar: Die Voraussetzungen für die Entstehung einer nennenswerten vegetarischen Bewegung waren große politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen wie ein Demokratisierungsschub durch die Verfassung von 1868, die Bürger/innen der Habsburgermonarchie die Versammlungs,- Presse- und Meinungsfreiheit zusicherte. Gleichzeitig war die Ernährungssituation relativ gesichert: Zumindest Hungerkatastrophen, wie noch um die Jahrhundertmitte, gehörten der Vergangenheit an und ein zunehmender Anteil der Bevölkerung konnte erstmals regelmäßig aus einem mehr als ausreichenden Angebot an Nahrungsmitteln wählen – die Voraussetzung dafür, sich für etwas Anderes als Fleisch zu entscheiden. Das zunehmende Bewusstsein für die eigene Gesundheit bzw. die Vorstellung, Verantwortung für das eigene Leben sowie die Mitgestaltung der Gesellschaft zu tragen, waren ebenso relevant wie eine gewisse Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen: Meist ging es nicht „nur“ darum, kein Fleisch zu essen, sondern der Vegetarismus war Teil einer (bzw. diverser, oft auch gegensätzlicher) Lebens- und Gesellschaftsvorstellungen. Vegetarisch wurden dabei hauptsächlich jene Menschen, die bei der Frage, wie gesellschaftliche Veränderung stattfinden kann und soll, unmittelbar einen Beitrag leisten wollten und nicht beispielsweise auf politische Institutionen und Gesetze setzten.

Ein durchaus überraschendes Ergebnis meiner Recherchen war für mich der hohe Stellenwert, den neue vegetarische Lebensmittel und die beginnende Konsumgesellschaft hatten: Spezielle Reformwaren wie Backmischungen für vegetarische Braten kamen um 1900 zunehmend auf den Markt und erleichterten es, sich fleischlos zu ernähren, ebenso wie neue für den Massenkonsum entwickelte Produkte wie Margarine und andere pflanzliche Fette (wie das schnell populär gewordene Kokosfett), Suppenwürfel oder günstig industriell hergestellte und fertig abgepackte Haferflocken. Diese Nahrungsmittel hatten einen beträchtlichen Anteil daran, dass sich Menschen unkomplizierter vegetarisch ernähren konnten. Um 1900 hatte sich Vegetarismus als städtischen Phänomen etabliert, was nicht nur an der Bevölkerungsstruktur (dem Bürgertum als Trägerschicht) lag, sondern ebenso an der vegetarischen Infrastruktur aus Vereinen, Restaurants und Reformhäusern, die den Austausch mit Gleichgesinnten erleichterten, was in biografischen Erinnerungen als zentraler hilfreicher Faktor am Weg zum Vegetarier beschrieben wird. Die lange Zeit ablehnende Haltung gesellschaftlicher Autoritäten wie der Kirche oder der Wissenschaft und medialer Spott waren hingegen mit Sicherheit hemmende Faktoren, die potentiell Interessierte davon abhielten, Vegetarier/in zu werden, denn jene, die bereit waren, für die Entscheidung zum Vegetarismus große Hindernisse, Schwierigkeiten oder Entbehrungen auf sich zu nehmen, waren in der Minderheit.

Auch wenn ich nicht denke, dass die Geschichte Handlungsanleitungen für die Gegenwart liefern kann (zu unterschiedlich sind die jeweiligen Zeiten und Räume), so hoffe ich doch, dass meine Skizze des Vegetarismus in Wien um 1900 nicht nur unterhaltsam zu lesen war, sondern auch die eine oder andere Idee und Inspiration für die Zukunft des Vegetarismus bzw. Veganismus liefern konnte.

Mehr unter veggie.hypotheses.org.

Wir sind unabhängig, werbefrei und gehen grundsätzlich keine Kooperationen mit kommerziellen Anbietern ein. Die Ergebnisse unserer Recherchen sollen für alle Interessierten ohne Entgelt zur Verfügung stehen. Selbstverständlich aber ist unsere Arbeit mit einigem Aufwand verbunden. Wenn Sie uns unterstützen wollen, freuen wir uns daher über eine Spende.

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