Tierreich

Jean-Baptiste Del Amo gilt als einer der bedeutenderen lebenden französischen Schriftsteller. Doch nicht nur das: Er ist auch Veganer und aktiver Tierrechtsaktivist. Sein vierter Roman, der in diesem Jahr nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, kommt einem „Manifest der Tierrechts und Tierbefreiungsbewegung“ gleich, wie ein Rezensent in einer deutschen Zeitung geschrieben hat. Wir haben den Roman gelesen, den Autor getroffen und ihm einige Fragen gestellt.

Eigentlich hatte Jean-Baptiste Del Amo gar nicht vor, einen „Tierrechtsroman“ zu schreiben, wie er sagt – seine Intention sei gewesen, im Rahmen einer Familiengeschichte darzustellen, wie Gewalt über mehrere Generationen hinweg still weitergegeben wird. Zu Recherchezwecken – die Familiensaga handelt von einer Schweinezüchter-Dynastie – besuchte er allerdings einige Schweinemastanlagen. „Ich habe einige dieser Betriebe besucht, aber es hat Monate gedauert, bis mir endlich Zugang gewährt worden ist. Diese Farmen werden immer mehr geschützt und die Züchter wollen nicht, dass jemand hereinkommt, weil sie kein Interesse daran haben, uns die Möglichkeit zu geben, die Realität dieser Fabriken zu sehen. Ich habe außerdem auch viele Dokumente und Studien gelesen“, erzählt er.

Vegan geworden sei er vor etwa fünf Jahren: „Zunächst wurde ich durch die Umweltauswirkungen der Fleischindustrie sensibilisiert und entschied mich, meinen Verbrauch zu reduzieren. Gleichzeitig musste ich zur Recherche für meinen Roman einige Schweinefarmen besuchen. Als ich zum ersten Mal eines dieser Gebäude betrat, änderte sich meine Sichtweise auf Tiere grundlegend. Ich habe selbst Nachforschungen über die Fleischindustrie angestellt und die Ermittlungen der französischen antispeziesistischen Organisation L214 verfolgt. Ab da gab es kein Zurück mehr: Ich musste aufhören, tierische Produkte zu essen, und ich musste mich als Aktivist engagieren.“ L214 éthique & animaux ist eine französische Tierrechtsorganisation, deren Mission es ist, „die Realität dessen, was in den Schlachthöfen vor sich geht, zu zeigen“. Inzwischen ist Del Amo selbst Mitglied von L214 und hat ein Buch über die Geschichte der Organisation und der antispeziesistischen Bewegung in Frankreich mit dem Titel „L214: Une voix pour les animaux“ geschrieben. Er sagt: „Ich versuche auch, meine Stimme als Schriftsteller zu nutzen, um in der Öffentlichkeit über Tierrechte zu sprechen.“

SYSTEMATISCHE GEWALT

Geboren 1981 in Toulouse, wuchs Del Amo im Südwesten Frankreichs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf – ohne Teilhabe an Kunst und Kultur. Seinen Zugang zur Welt habe er sich in seiner Kindheit primär über die Sinneseindrücke und das Körperliche erschlossen. Dies merkt man seiner naturalistischen, aber poetischen Sprache und seinen eindrücklichen Beschreibungen an. Nachdem er für seinen Debütroman Die Erziehung (2008) den Prix Goncourt du premier roman erhielt, wurde er für seinen vierten Roman Règne Animal mit dem Prix du livre Inter ausgezeichnet. In Frankreich erschien das Buch bereits 2016, in diesem Jahr ist nun endlich die von Karin Uttenhöfer ins Deutsche übertragene Fassung erschienen – unter dem Titel Tierreich.

Als Leitmotiv des Romans könnte man die Frage bezeichnen: Was macht die systematische Gewalt, die Tieren in unserer Gesellschaft angetan wird, mit den Menschen, die diese Gewalt ausüben und von ihr profitieren? Das über 430 Seiten umfassende Werk erzählt die Geschichte einer Familie von Schweinezüchtern vom Jahr 1898 bis in die 1980er-Jahre – und das Leben von Éléonore, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von ihren Eltern einen Hof erbt, den die Familie im Laufe der Zeit zu einer regelrechten Tierfabrik ausbaut. Als Tochter eines wortkargen Vaters, den die ständige Schufterei auf dem Hof krank gemacht hat, und einer gefühlskalten Mutter lernt sie von Anfang an, dass Gewalt gegen Menschen und Tiere in dieser Welt zum Leben dazugehört. Anfangs handelt es sich lediglich um einen kleinen Hof mit ein paar wenigen Tieren:

Im hintersten Winkel des Schweinestalls bilden vier gemauerte Steinwände einen engen Verschlag, der für die Mast eines Stück Viehs angelegt wurde und in den nie Tageslicht fällt. Eine niedrig angebrachte Tür aus Eichenholzlatten ermöglicht den Zugang zu einem Trog, in den die mit dieser Aufgabe betraute Éléonore morgens und abends den braunen Sud aus noch mit Erde verklebten, abgekochten Kartoffeln, grobem Futterschrot und Küchenabfällen schüttet. Das Tier wächst hinter dieser niedrigen Tür heran, in nahezu totaler Dunkelheit. Durch einen Spalt zwischen den Holzlatten dringt manchmal ein dünner Lichtstrahl, der das Teerpech des Verschlags durchschneidet, doch das Schwein, dessen Augen mit den braunen Pupillen unablässig die alles umfangende Nacht absuchen, flieht ihn bis in den hintersten Winkel seines Universums.

Eindrücklich werden die körperlichen Manipulationen, die Zurichtungen der Körper der Schweine für den menschlichen Gebrauch, beschrieben – beispielsweise, wenn eine für die Mast bestimmte Sau kastriert wird. Dazu kann etwa die Spitze eines Metalltrichters in die Vulva des Tieres eingeführt werden, über dessen Öffnung Bleischrot eingefüllt wird; die kleinen Metallkugeln setzen sich dann in der Gebärmutter und den Eierstöcken fest. Manchmal entscheiden sich die Männer aber auch fürs „Aufmachen“:

Die Sau wird dafür in einen engen Holzkäfig gesperrt, dessen Lattenabstand gerade so groß ist, dass ein Mann bequem mit der Hand durchfassen kann. Brisard legt sich sein Lederetui zurecht, aus dem er eine spitze Klinge zieht, mit der er die Flanke des Tieres durchsticht, welches schreit und sich, von den Wänden des Käfigs fest eingezwängt, vergeblich zu wehren sucht. Der Mann mit dem Klumpfuß drückt seinen Zeigefinger in die Wunde und durchsucht das Bauchfell, bis er die geschwollene Oberfläche der Eierstöcke ertastet, an denen er zieht, um sie mithilfe seines auf die Flanke drückenden Daumens hin zur Wundöffnung zu befördern. Aus dem Etui nimmt er eine Fadenspule, trennt ein Stück Faden ab und bindet damit zunächst die Arterie und die Vene des Eierstocks ab, ehe er diesen durchtrennt, den Stummel wieder tief hineindrückt und den Bauch der Sau vernäht.

BLOSSES MATERIAL

Einen Einschnitt im Geschehen bildet der Erste Weltkrieg. Schonungslos wird beschrieben, wie sowohl Menschen als auch Tiere als bloßes Material herhalten müssen, das im Zuge des Kriegsgeschehens verheizt wird. Die Viehtransporte zur Versorgung der Armee reißen nicht ab: Die Tiere werden an den Bahnhöfen verladen und dann, nur wenige Kilometer von der Front entfernt, in Gehege im offenen Feld getrieben:

Der Geruch ist sauer und eisenhaltig. Eine Mischung aus den Ausdünstungen eines Schlachthauses, eines stinkenden Stalles und eines Massengrabes. Das Gedränge der Tierleiber ist unvorstellbar. Ihre Exkremente und Pisse tränken den von unzähligen Hufen gehämmerten Erdboden. Diese Jauche fließt stoßweise als eine fäkale Lava über die Umzäunung der Gehege. Die den Tieren beim Transport zugefügten Verletzungen entzünden sich und eitern. Mücken und Stechfliegen verdunkeln den Himmel und fallen stürmisch wie die vierte Plage über Ägypten über das Vieh her, kleben sich an die Ränder der Schnittwunden, weiden sich am Schweiß, Blut und an den Kuhfladen, sobald die ausgeladenen Tiere hin zu den Tränken eilen. Die schwächsten unter ihnen kämpfen vergeblich um einen Trinkplatz, und ihre Augen rollen umso heftiger. (…) Der Schlachtrhythmus ist so, dass keiner der Männer, nicht einmal diejenigen, die in den Städten in Schlachthöfen gearbeitet haben, jemals Vergleichbares erlebt hätte. Die zwei Kühe, das Kalb und die Mutterschweine werden unter die Schlachtzelte gebracht, an Seilen festgeschnürt oder von Brettern eingezwängt, sie werden bewusstlos geschlagen, ihnen werden die Kehlen durchgeschnitten, manchmal aufgebohrt, ehe man sie ausbluten lässt, dann zersägt und erlegt. Dem Tier, das sich in einem letzten Anfall von Überlebenswillen wehrt, muss man Fußfesseln anlegen, es etliche Male mit dem Knüppel schlagen, bis man die Schweißnaht der Knochen seines Schädels löst, das Gehirn zu einem Brei zerstößt, der aus dem Ohr hervorquillt, während das Tier auf die Seite fällt und, auf seinem Bett aus noch warmen Därmen, unter Krämpfen stirbt.

Éléonores Cousin Marcel, der nach dem Tod des Vaters die Führung des Hofes übernommen hatte, kommt als Krüppel aus dem Krieg zurück – Gesicht und Körper sind deformiert, Geist und Gemüt verunstaltet von den Schrecken des Schlachtfelds. Als Ehepaar gelingt es den beiden, mittels harter Arbeit und – nach deren Tod – den Ersparnissen der Mutter den landwirtschaftlichen Betrieb auszubauen und die Grundlagen für den späteren Schweinemastbetrieb zu legen. Nun macht die Romanhandlung einen Sprung, 64 Jahre in die Zukunft. Marcel ist lange tot – man erfährt, dass er sich beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erschossen hat –, Éléonore ist eine alte Frau. Die Schweinezucht wird von ihrem gemeinsamen Sohn Henri weitergeführt, zusammen mit seinen beiden Söhnen, die wiederum bereits Frauen und Kinder haben. Sie erleben „den langsamen Verfall des Gehöfts, seine Zersetzung, seine Fäulnis, während im selben Zeitraum die Schweinezucht zu gedeihen und immer mehr zu produzieren schien und ihren Einsatz wie auch ihre Gewalt entsprechend anfachte“, wie es im Roman heißt. Im Jahr 1981 leben vier Generationen auf dem Gelände, der gesamte Familienclan – oder, wie dieser Teil des Buches überschrieben ist, „das Rudel“. Diese Überschrift deutet bereits an, wie die Grenzen zwischen Menschlichem und Tierischem im Werk zunehmend verschwimmen, und dass das Schicksal der Familienmitglieder jetzt untrennbar mit jenem der Tiere verbunden ist, bis hin zum Untergang. Ihr gesamtes Leben ist geprägt von den Verrichtungen im Betrieb, der Geruch der Schweine ist zum eigenen geworden, zu einem, den man nicht wieder los wird.

DAS LEIDEN ERTRAGEN

Henris Söhne, Serge und Joël, tun das, was der Vater, um dessen Anerkennung sie ringen, ihnen vorgelebt und eingebläut hat. „In einer seiner ersten Erinnerungen an Henri sieht er, wie dieser Kätzchen gegen die Wand des Schuppens schleudert und wie die zerborstenen oder aufgeplatzten Kadaver zu dessen Füßen auf den nackten Beton fallen“, heißt es über Joël, und: „Nur dafür hat Henri die Söhne erzogen, maß ihren Charakter und ihre Mannhaftigkeit an ihrer Fähigkeit, das Leiden der Tiere zu ertragen.“ Auch Jérôme, dem jüngsten Spross der Familie, soll die natürlich empfundene Empathie mit Tieren früh ausgetrieben werden – etwa, wenn er Vater und Onkel dabei beobachtet, wie diese die „Missgebildeten und Lebensunfähigen“ in den Ställen „an den Hinterbeinen packen, über ihren Kopf schwingen und gegen die Kastenstangen oder direkt auf den Boden schmettern, lange Schlieren eines schreienden Rots auf dem Beton hinterlassend, und die sie der Sicherheit halber noch einmal zertrümmern und deren zerbrechliche Schädel spalten; einige Ferkel explodieren buchstäblich unter der Gewalt der ihnen zugefügten Schläge. Dann pfeffern sie die angeschwollenen Kadaver in Eimer oder eine Schubkarre, wo einige noch herumzappeln und schließlich verbluten, während andere, die bereits tot sind, ihre zerschmetterten Organe in kleinen, zarten Bändchen absondern.“ Die Züchter sagen dazu nur: „Ausschuss gibt es in jeder Produktion.“ Der Schweinestall ist insgesamt zweitausend Quadratmeter groß – die immer gleichen Buchten messen zwei mal drei Meter und beherbergen jeweils fünf bis sechs Schweine, „die scheißen und sich in ihren Ausscheidungen wälzen“. Die Familie hat einen „himmlischen oder teuflischen Kreislauf erschaffen, in dem Scheiße und Fleisch nicht mehr voneinander zu trennen sind“:

Die Schweine pissen und scheißen den ganzen Tag in der Enge der Buchten, in denen sie sich kaum bewegen können und so gezwungen sind, an Ort und Stelle unter sich zu machen, in ihren Exkrementen zu waten, sich darin auszustrecken, sich darin zu wälzen, bis der Urin, der schallend aus den Scheiden und Vorhäuten spritzt, den verklumpten Kot, die ausgeschiedenen Haufen aufweicht und alles zu einem Schlamm zusammenläuft, in dem sie umherstampfen und reflexartig mit ihren verstörten und nutzlosen Rüsseln wühlen. Diese Kotbrühe läuft und sickert durch den kleinsten Spalt, die geringste Lücke ab, fließt in jede kleinste Schräge im Boden entlang und bildet in Senken und Ebenen große schwarze Pfützen. Jeden Tag aufs Neue kämpfen die Männer gegen die Scheiße an. Zu Beginn jeder Woche müssen sie mittels Wasserstrahl, Drahtbesen und Schaber die Fäkalflut zurückdrängen, die sich aus den Schweinen ergießt, den Beton tränkt, der sich vollsaugt, Blasen bildet und schließlich unter dem Druck des Kärchers explodiert und in Krusten und Inselchen zerfällt, die auf den schwarzen Wassern die Rinnen hinunterströmen und dann außerhalb der Gebäude in der Güllegrube verschwinden. Die Jauche zerfrisst langsam, aber sicher die Mauern des Schweinestalls, und sie würden gewiss einstürzen, aufgelöst, aufgeweicht, wenn nicht die Männer sich unablässig bemühten, das Bauwerk zu flicken wie ein altes Schiff, in dessen Laderaum Wasser eindringt und das die Seeleute mit Schöpfeimern zu retten suchen.

Die tagtäglich gegen die Tiere, gegen sich selbst und die untereinander verübte Gewalt prägt die Protagonisten und verfolgt sie bis in ihre Träume, wo „der Geruch und der Schrei der Schweine auf sie lauern“, wie Del Amo schreibt. „Sie hat mitansehen müssen, wie die Männer Schlachtsauen zur Verladeplattform führten, manche von Mastdarm- und Scheidenvorfällen geplagt, Eingeweidesäcke, durch die Geburten aus dem Anus gepresst, hinter sich herziehend, andere unfähig, selbst zu laufen, von Arthrosen, der aufgezwungenen Bewegungslosigkeit gelähmt oder durch das eigene Gewicht, das die Glieder nicht mehr tragen konnten“, heißt es über Catherine, die Frau von Serge. Der versucht sich zu betäuben, flüchtet in Alkoholexzesse. Sein Bruder Joël zweifelt insgeheim am blutigen Geschäft mit den Schweinen, fragt sich, „ob es die Schweinezucht war, die ihre Monstrosität gezeugt hat oder ob im Gegenteil sie es waren, die jene der Schweinezucht hervorgebracht haben“.

EFFIZIENZ UND PROFITMAXIMIERUNG

Doch ein Entkommen gibt es nicht – der Betrieb ist ihre Lebensgrundlage, die Zeiten sind hart, und sie sind dazu verdammt, auf Gedeih und Verderb das Familiengeschäft weiterzuführen, so lange, bis ihnen die Zurichtung der Tierkörper nach den Kriterien der Effizienz und der Profitmaximierung selbst zum Verhängnis wird. Denn die moderne Zucht hat „SPF-Ferkel“ erschaffen, Tiere, „die, am Ende eines langen Selektionsprozesses, ohne irgendwelche Abwehrkräfte, Spezifiziert Pathogen Frei, also modifiziert – Henri bevorzugt den Ausdruck: optimiert – auf die Welt kommen, selbst jener Keime beraubt, die bei Schweinen eigentlich natürlicherweise vorkommen, aber in dem Lageruniversum Schweinestall eine Epidemie auslösen können“.

Joël hat schon Ferkel über den Boden kriechen sehen, den Hinterleib oder Schädel halb zerfressen von Maden, die permanent aus den unaufhörlich gelegten Fliegeneiern schlüpfen. Also füllen er und Serge Schubkarre auf Schubkarre mit Scheiße, die sie in den unersättlichen Grund der Güllegrube kippen, und schleusen die Sauen, bevor diese ihre Kleinen rauspressen, unter die Wasser- und Desinfektionspumpe, um sie von den Keimen zu befreien, die sie unaufhörlich befallen, unausweichlich, auch ihre Zitzen, die ihrerseits die Ferkel infizieren. Denn alles in der geschlossenen und stinkenden Welt der Schweinezucht ist nur eine riesige, von den Männern geduldig in Schach gehaltene und kontrolliere Verseuchung, bis hin zu den Kadavern, die der Schlachthof in die Supermärkte ausspeit und die, auch wenn sie mit Chlorbleiche gewaschen und in rosa Scheiben zerlegt und dann in Zellophan auf Polystyrol-Schälchen von makellosem Weiß verpackt sind, den unsichtbaren Schmutz des Schweinestalls tragen, winzige Spuren von Scheiße, Keime und Bakterien, gegen die sie einen Kampf führen, den sie im Voraus verloren wissen mit ihren leichten Kriegswaffen: Hochdruckstrahl, Kresole, Desinfektionsmittel für die Sauen, Desinfektionsmittel für die Wunden, Wurmmittel, Impfung gegen Grippe, Impfung gegen Parvovirose, Impfung gegen den Seuchenhaften Spätabort der Schweine, Impfung gegen das Circovirus, Eisenspritzen, Antibiotikaspritzen, Vitaminspritzen, Mineralstoffspritzen, Wachstumshormonspritzen, Abstimmung der Nahrungsergänzungsmittel – all das nur, um die von Menschenhand bewusst geschaffenen Mängel und Schwächen auszugleichen. Sie haben die Schweine nach ihrem Gutdünken geformt, sie haben schwächliche Tiere fabriziert, die, bei außergewöhnlichem Wachstum, mit monströsem Körperbau, fast kein Fett mehr, sondern ausschließlich Muskeln produzieren. Sie haben riesige und zugleich gebrechliche Wesen geschaffen, die nicht einmal mehr ein Leben haben, außer diese einhundertzweiundachtzig Tage, die sie im Halbdunkel des Schweinestalls dahinvegetieren, ihr Herz und die Lungen schlagen und versorgen das Blut mit Sauerstoff nur zu dem einen Zweck, immer mehr mageres Fleisch für den Verzehr zu produzieren.

Am Ende des Romans „vertiert“ der mit dem Betrieb überforderte Joël, wird den Schweinen gleich, es heißt: „Er kaut das für die Schweine bestimmte Getreide. Er pisst und scheißt wie sie mitten in die Gänge. Hinter den Gittern der Buchten schleppen sich todkranke Tiere dahin, leise, in einem Meer von Gülle.“ Er trifft die Entscheidung, sie zu töten, „fieberhaft, mit voller Wucht verpasst er ihnen mit der Spitzhacke Hiebe auf den Schädel“. Er verbrennt die Kadaver, die er hinter dem Stall zu einem Haufen gestapelt hat, dicke Säulen fettigen Rauchs steigen auf. Weil er nicht mehr die Kraft dazu findet, hört er auf, die Tiere zu füttern; ausgehungert und krank werden sie aggressiv. Auch die Ratten haben keine Scheu mehr, wagen sich zu Hunderten in die Buchten vor, schwimmen im Fäkalschlamm, den Joël nicht mehr einzudämmen vermag, und springen von Kadaver zu Kadaver. Alles endet in einer Katastrophe: Die Schweine sind mit Brucellose infiziert, laut Tierarzt bleibt nur „die Keulung des ganzen Tierbestands“. Joël begießt die Ställe mit Benzin und zündet alles an.

Del Amos Buch will nicht per se politisch sein, wie er sagt, nicht militant, es soll kein Roman über Tierrechte sein, sondern darüber, was unsere Menschlichkeit ausmacht. Aber: „Literatur ist im Wesentlichen politisch, solange sie eine subjektive Sicht auf unsere Welt vermittelt. Ich denke, dass die politische Tierbefreiungsbewegung in Europa am Wachsen ist.“ So lässt das Werk sich nicht nur als eine Anklage des Umgangs mit den Tieren in der menschlichen Gesellschaft verstehen, sondern auch als eine Kritik an jenen ökonomischen Prinzipien, die diesen zwingend erforderlich machen. Gegenüber uns sagt der Autor sagt dazu: „Die Ausbeutung von Tieren ist die zynischste und verheerendste Manifestation des Kapitalismus: Fühlende Lebewesen werden erschaffen, reproduziert, gezüchtet und getötet, als wären sie bloße Objekte, und das nur zum Vorteil einiger mächtiger Lobbys und Industrieller.“

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