Frankensteins veganes Monster

Der 30. August ehrt mit dem „Frankenstein-Tag“ den Geburtstag der britischen Schriftstellerin Mary Shelley. Sie wurde am 30. August 1797, vor genau 222 Jahren, in London geboren. Ihr berühmter Roman „Frankenstein or The Modern Prometheus“ wurde im Jahr 1818, zunächst anonym, veröffentlicht. Was wenig bekannt ist: Mary Shelley und ihr Mann, der Dichter Percy Shelley, vertraten, ihrer Zeit weit voraus, einen radikalen Vegetarismus, den sie explizit politisch verstanden wissen wollten. Das hat auch Spuren im Roman hinterlassen.

Die Bedingungen, die im Jahr 1816 am Genfer See zur Entstehung des Romans Frankenstein führten, sind längst selbst zur Legende geworden. Es handelte sich um das „Jahr ohne Sommer“: Auf der Insel Sumbawa, östlich von Java gelegen, war der Vulkan Tambora ausgebrochen – mit einer unvorstellbaren Sprengkraft von 170.000 Hiroshima-Bomben. Hunderte Kilometer weit verdunkelte sich der Himmel fast vollständig, ein Schleier legte sich um den Erdball; dann kam der vulkanische Winter. Schwere Un­wetter tobten, in der Schweiz schneite es plötzlich mitten im Sommer. Missernten und Hungers­nöte waren die Folge, Chronisten erzählen, dass „die Kinder oft im Gras geweidet haben wie die Schafe“. Mary Shelley erinnerte sich später:

Die Jahreszeit war kalt und regnerisch, und an den Abenden drängten wir uns um ein loderndes Kaminfeuer und vertrieben uns gelegentlich mit ein paar deutschen Gespenstergeschichten, die wir zufällig entdeckt hatten, die Zeit. Diese Geschichten weckten einen spielerischen Wunsch zur Nachahmung.

Im Alter von nur 18 Jahren schuf sie mit ihrem Roman ein literarisches Werk von Weltrang, das heute gleichermaßen als Höhepunkt der Gothic Novel und Geburtsstunde des Science-Fiction-Genres gilt. Es handelt von einem Naturforscher namens Victor Frankenstein, der aus Leichenteilen und Teilen geschlachteter Tiere ein künstliches Wesen schafft, das sich schließlich gegen seinen Schöpfer wendet und dessen Existenz zerstört. Heute ist der Name „Frankenstein“ so fest im kollektiven Bewusstsein verankert, dass die bloße Erwähnung genügt, um eine Kette von Assoziationen auszulösen: „Unwillkürlich sehen wir sofort Bilder aus dem Filmklassiker von James Whale vor uns: Wir erinnern uns an Boris Karloff, der mit merkwürdig flachem Schädel und schwarzumrandeten Augen unbeholfen durch die Pappkulissen tappt“, merkt Alexander Pechmann im Nachwort der von ihm neu übersetzten und 2013 herausgegebenen Urfassung von Frankenstein an. Die Popkultur habe den Frankenstein-Mythos ganz und gar vereinnahmt und immer neue Variationen und Parodien hervorgebracht: „Frankenstein wurde zum Inbegriff des verrückten Wissenschaftlers, der gegen die göttliche Ordnung verstößt und dafür konsequent bestraft oder zum Besseren bekehrt wird. Wie wenig dies mit der Radikalität der ursprünglichen Romanvorlage zu tun hat, offenbart sich erst durch einen Vergleich mit der Urfassung von 1818.“ Denn Mary Shelleys Werk ist weit mehr als eine Parabel über die ethische Verantwortung der Wissenschaft – als Zeugnis des radikalen Lebensentwurfes der jungen Autorin hat der Roman eine dezidiert politische Dimension.

Als Tochter von Mary Wollstonecraft und William Godwin waren Mary Shelley progressive politische Ansichten gewissermaßen in die Wiege gelegt: Mit A Vindication of the Rights of Woman (1792) war Wollstonecraft zur Begründerin der radikalen Frauenrechtsbewegung geworden; Godwin gilt aufgrund seines Werkes Enquiry Concerning Political Justice (1792), in dem er die Abschaffung der Nationen und Regierungen, der Klassenunterschiede, der Ehe und der etablierten Religion forderte, als einer der Begründer des Sozialismus im Allgemeinen sowie des politischen Anarchismus im Besonderen. Sein Name stand, wie es in einer Biografie über Mary Shelley heißt, „für atheistisches Freidenkertum und damit für ein Höchstmaß an politischer Subversion“.

VEGANE KOMMUNE

Ihren späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley lernte die junge Mary Wollstonecraft Godwin kennen, als der Dichter im November 1812 die Verlagsbuchhandlung ihres Vaters in der Skinner Street in London besuchte. Shelley war fasziniert von den politischen Theorien Godwins und versuchte, sie in eine politische Praxis zu überführen. So beteiligte er sich etwa an Protestkampagnen für inhaftierte Radikaldemokraten; in Dublin riefen er und seine erste Frau Harriet mit selbst verfassten Flugblättern die Iren zum Aufstand gegen England auf. In seinem ersten großen Gedicht Queen Mab (1813), das Harriet gewidmet ist, versuchte Shelley, wie der Schriftsteller Wolfgang Koeppen einmal anmerkte, „das Godwinsche Vernunftevangelium in Poesie zu übersetzen“. Rüdiger Hillgärtner, dessen akademische Lehrer unter anderem Max Horkheimer und Theodor W. Adorno waren, schreibt in Bürgerlicher Individualismus und revolutionäre Moral: Percy Bysshe Shelley (1974):

Das gesamte Werk Shelleys ist direkt oder indirekt zentriert um die Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die – in Produktionsorganisation und Verkehrsweisen kapitalistisch – sich im Übergang befand zur entwickelten industriellen Produktion und damit zugleich im Übergang zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung der Arbeiterklasse als Proletariat und als potentielles revolutionäres Subjekt.

Was ihre politischen Überzeugungen, ihr Engagement und ihren persönlichen Lebenswandel angeht, waren Percy und Mary sehr fortschrittlich. Sie zählten nicht nur in Bezug auf die Proklamation der freien Liebe und die Emanzipation der Frauen, nicht nur, was die Solidarität mit der Arbeiter- und mit Revolutionsbewegungen angeht, zu den progressiven Kräften ihrer Epoche – sie vertraten auch, ihrer Zeit weit voraus, einen radikalen Vegetarismus, den man heute wohl als Veganismus bezeichnen würde. In seinem 2018 erschienenen Buch über Veganismus schreibt der bekannte Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann:

Das Zeitalter der Industrialisierung begann Ende des 18. Jahrhunderts. Hier tauchen auch die ersten Veganer auf, eine Gruppe Gleichgesinnter, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts ausschließlich von Pflanzen ernährten. Dazu zählten der Arzt William Lambe (1765-1847), der Schriftsteller John Frank Newton (1770-1825) und der Dichter Percy Bysshe Shelley (1792-1822).

Der Lon­don­er Arzt Lambe hatte bereits 1809 sein erstes Buch über vegane Ernährung als Therapie für bestimmte Er­krankung­en veröffentlicht – später verfasste er noch ein zweites Buch darüber. Newton war ein Patient Lambes und schrieb selbst auch ein Werk zum Thema, The Return to Nature, or, a Defence of the Vegetable Regimen, das 1811 erschien. Im selben Jahr gingen Percy und Harriet zur „vegetable diet“ über, inspiriert vor allem durch Newtons Buch sowie von der Lektüre antiker griechischer und römischer Schriften. Im Jahr darauf schlossen sie sich der Kommune Newtons in Berkshire an, welche eine Kombination aus Nudismus und konsequentem Vegetarismus nach Lambe praktizierte. In seinen Anmerkungen zu Queen Mab, die auch gesondert unter dem Titel A Vindication of Natural Diet (1813) gedruckt wurden, begründete Percy Shelley, der unter anderem dafür bekannt war, auf Londons Märkten Fluss­krebse zu kaufen, um sie wieder in die Themse zu entlassen, seinen radikalen Vegetarismus, der eng mit seinen politischen Überzeugungen zusammenhing. So führte er beispielsweise die Verschwendung von Ackerflächen, die für die intensive Produktion von tierischem Eiweiß genutzt werden und so für die Ernährung ärmerer Schichten verloren gehen, und den daraus resultierenden Hunger auf das auf Fleisch- und Wollgewinnung ausgerichtete englische Ernährungssystem zurück, sah also klar den Zusammenhang zwischen den Veränderungen im Ernährungsbereich und der Entwicklung der Produktionsverhältnisse von einer agrarischen Subsistenzwirtschaft zu einer industriell orientierten Woll- und Lammfleischproduktion. Die Schafe würden, so Shelley, pro Mahlzeit einen Morgen nutzbares Ackerland auffressen. Unter Bezugnahme auf Newton und den Autor von Paradise Lost (1667), den großen revolutionären Dichter John Milton, der ebenfalls Vegetarier war, empfahl Shelley in A Vindication of Natural Diet ein „vegetable system“ als Grundlage für einen „Zustand der Gesellschaft, in der alle Energien des Menschen in die Schaffung gänzlichen Glücks gelenkt werden sollen“.

UNKONVENTIONELLE LEBENSWEISE

Am 26. Juni 1814 erklärten sich Percy und Mary am Grab von Mary Wollstonecraft ihre Liebe. Wegen seiner unkonventionellen Lebensweise – Percy war auf dem Papier noch immer mit Harriet verheiratet – sah sich das junge Paar massiven Anfeindungen ausgesetzt. „Mann und Frau sollten so lange verbunden sein, wie sie einander lieben: Jedes Gesetz, das sie auch nur für einen Augenblick zum Zusammenleben zwingt, nachdem ihre Zuneigung erloschen ist, wäre völlig unerträgliche Tyrannei“, lässt die Filmemacherin Haifaa Al Mansour Percy Shelley in ihrer Filmbiografie A Storm In The Stars (2017) – der deutsche Titel lautet schlicht: Mary Shelley – sagen. Es handelt sich um ein Zitat aus seinen Anmerkungen zu Queen Mab. Gemeinsam mit Marys Stiefschwester Claire Clairmont beschlossen die beiden, vor allen sozialen Konventionen in die Schweiz zu fliehen. In Luzern zwang Geldmangel sie allerdings zur Aufgabe ihrer Pläne. Die Rückreise über Straßburg, Mannheim, Mainz, Bonn, Köln und Rotterdam sollte von Marys Romanheld Victor Frankenstein wiederholt werden. Frankenstein entstand im Zuge einer zweiten Reise in die Schweiz, wo das Trio den Dichter George Gordon Byron traf, der ebenfalls, seit seinem 23. Lebensjahr, vegetarisch lebte.

Byron, der bis heute nicht nur für seine literarischen Werke, sondern auch für seine Teilnahme an der Griechischen Revolution in den 1820er-Jahren bekannt ist, musste England im April 1816 aufgrund diverser Skandale um seine Person verlassen. Vier Jahre zuvor hatte ihn die Veröffentlichung der ersten beiden Gesänge von Childe Harold’s Pilgrimage (1812) – das poetische Tagebuch einer zweijährigen Reise, die ihn auf die Iberische Halbinsel, in die Türkei, nach Griechenland und nach Albanien geführt hatte – schlagartig berühmt gemacht. Im selben Jahr hielt er seine Antrittsrede im britischen Oberhaus, in der er die Lage der arbeitenden Klassen thematisierte: In Nottinghamshire, einem Zentrum der Textilindustrie, hatte im Jahr 1811 der Aufstand der Maschinenstürmer begonnen und schnell auch andere Grafschaften erfasst. Um die Aufstände niederzuschlagen, schickte London Soldaten – über 14.000 bis zur Jahresmitte. Byron hielt eine flammende Rede, in der er sich für die entlassenen Weber einsetzte, die Maschinen zerstört und Fabriken in Brand gesetzt hatten; doch der Frame Breaking Act, das Gesetz, das die Zerstörung von Webstühlen unter Todesstrafe stellte, wurde zu seiner großen Enttäuschung sowohl vom Oberhaus als auch vom Unterhaus angenommen. Auch Byrons Ehe mit Anne Isabella verlief nicht glücklich. Charakterliche Diskrepanzen, ständige Geldschwierigkeiten und Byrons exzessiver Genuss von Laudanum – einer zu dieser Zeit populären Opiumlösung, der auch Percy Shelley sehr zugetan war – führten im Jahr 1816 schließlich zur Trennung. Zu diesem Zeitpunkt soll Byron bereits ein Verhältnis mit Claire Clairmont gehabt haben. Als dann Gerüchte über ein inzestuöses Verhältnis Byrons zu seiner Halbschwester die Runde machten und einen Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit auslösten, musste er im April 1816 England in Richtung Schweiz verlassen. Im Juni mietete er die Villa Diodati am Genfer See, da er glaubte, dass John Milton sich 1638 dort aufgehalten hätte, wo ihn Percy, Mary und Claire dann im Sommer besuchten – und wo die Idee zu Frankenstein entstand.

Neben dem Konsum von Alkohol und Opium dienten dem Zirkel um Byron in dem verregneten Sommer des Jahres 1816 intellektuelle Diskussionen als Zeitvertreib. Eines der Gespräche zwischen Byron und Percy Shelley drehte sich um die Frage nach der Natur, der Grundlage des Lebens und darum, wie die Elektrizität damit zusammenhängt – eine Diskussion, die von Luigi Galvanis Experimenten angefacht worden war: Die Beine toter Frösche bewegten sich, nachdem der italienische Arzt sie mit einem geladenen Metallgegenstand berührt hatte. Galvanis Neffe, der Physiker Giovanni Aldini, führte solche Versuche an Leichen von Enthaupteten und Erhängten durch. So legte er etwa zwei Köpfe aneinander und setzte sie unter Strom. „Die Grimassen, die beide Gesichter einander machten, waren wunderbar und beängstigend“, sollte er später berichten – und dass bei diesem Anblick die ersten Zuschauer in Ohnmacht gefallen seien.

SCHRECKLICHER WACHTRAUM

In der Einleitung zur überarbeiteten Ausgabe von Frankenstein aus dem Jahr 1831 gab Mary Shelley die Überlegungen aus dem Gespräch am Kaminfeuer folgendermaßen wieder: „Vielleicht könnte man eine Leiche wiederbeleben; galvanische Experimente hatten für solche Dinge den Beweis geliefert: Vielleicht könnte man einzelne Teile einer Kreatur herstellen, zusammensetzen und mit Lebenswärme versorgen.“ Die zündende Idee für ihren Roman kam ihr dann durch einen, wie sie sich ausdrückte, „schrecklichen Wachtraum“:

Ich sah – mit geschlossenen Augen, aber scharfem geistigem Blick – ich sah den bleichen Schüler unheiliger Künste neben dem Ding knien, das er zusammengesetzt hatte. Ich sah das bösartige Phantom eines hingestreckten Mannes und dann, wie sich durch das Werk einer mächtigen Maschine Lebenszeichen zeigten und er sich mit schwerfälligen, halblebendigen Bewegungen rührte.

Frankensteins Monster war geboren. Zwei Jahre später erschien der Roman – anonym und, wie damals üblich, in drei Teilen, mit einem Vorwort von Percy Shelley. Er wurde zum Bestseller, auch wenn er bei den meisten Literaturkritikern überhaupt nicht gut ankam. „Gegen die Tagträume des Grauens, die von den unnatürlichen Reizen dieser neueren Schule erzeugt werden, müssen wir protestieren; und wir fühlen uns nach der Lektüre dieser drei geisteszermürbenden Bände genauso mitgenommen wie nach einer Überdosis Laudanum oder einem quälenden Alptraum“, hieß es etwa in The British Critic. „All diese monströsen Einfälle sind die Folgen der wilden und ungebührlichen Theorien unserer Zeit“, meinte der bekannte Verleger John Murray. Wir sprechen hier von der Epoche der Romantik; diese gilt insgesamt als die Zeit der Verinnerlichung politischer Konflikte. Über Percy Shelley schreibt Rüdiger Hillgärtner:

Shelleys Gesellschaftskritik erwuchs aus der Enttäuschung über den Ausgang der Französischen Revolution (Sieg der Bourgeoisie als neue herrschende Klasse) und über die ungebrochen mächtige Reaktion in England. Er hält an der Verwirklichung der Idee einer Gesellschaft der Freien und Gleichen fest, wie sie die Aufklärung entwickelt hatte, wendet sich jedoch gegen eine Wiederholung des in seinen Augen gescheiterten revolutionären französischen Experiments in England: Der Weg zur neuen Gesellschaft führt über die moralische Selbsterziehung des Einzelnen, nicht über politische Gewalt.

Teilweise hat das zu Interpretationen geführt, die Mary Shelley unterstellen, sie habe Frankenstein in Auseinandersetzung mit den radikalen Theorien ihrer Eltern geschrieben und diese letztlich abgelehnt. Die Botschaft sei: Alle revolutionären Experimente gebären Monster; Frankensteins Kreatur stünde dann, so der Heidelberger Anglist Horst Meller, für die Angst der bürgerlichen Philanthropen vor der Hässlichkeit des im Prozess der Industrialisierung „aus Abfällen“ wie aus „gesellschaftlichem Unrat“ gebildeten Proletariats. Wolfram Sailer, ebenfalls Anglist, hat diesen Aspekt in seiner Studie Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (1991) ausführlich beleuchtet und widerspricht dieser Vorstellung entschieden: Der Versuch, Mary Shelley in eine nervöse Konservative zu verwandeln, werde der Sympathie mit dem Monster, die der Roman auch den Lesern vermittle, nicht gerecht. Für ihn spiegeln sich in dem Roman vielmehr die ersten Ansätze zu einer Selbstverständigung des englischen Proletariats als Klasse wider, die sich zum Zeitpunkt seiner Entstehung in Form der maschinenstürmenden Ludditen und der Chartisten zeigten. Percy Shelleys Schriften, so viel ist sicher, blieben politisch nicht unwirksam. Eleanor Marx, die jüngste Tochter von Karl Marx, stellte deren Bedeutung für die Arbeiterbewegung mit den Worten heraus: „Ich habe meinen Vater und Engels wieder und wieder darüber sprechen hören, und ich habe dasselbe von den vielen Chartisten gehört, die ich glücklicherweise als Kind kennenlernen durfte.“

Der Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel bildet die Grundlage für die kapitalistische Produktionsweise: Indem der Ackerbauer das Eigentum an Grund und Boden verliert, werden ihm seine Mittel zur Selbstversorgung entrissen, was ihn, in Marxscher Terminologie, „doppelt frei“ macht – frei, seine Arbeitskraft zu verkaufen, an wen er will, aber auch „frei“ von Eigentum an Produktionsmitteln; er wird zum Proletarier. Im Zuge des Aufschwungs der englischen Wollmanufaktur war das „Losungswort“, so heißt es im Kapital, „Verwandlung von Ackerland in Schafweide“. Zuvor hatte der Großteil der Bevölkerung aus selbst wirtschaftenden Bauern bestanden, die am Gemeindeeigentum beteiligt waren; nun wurden die Gemeingüter Privatbesitz, das Gemeindeland eingehegt, die Bauern gewaltsam enteignet. Im Roman wird darauf Bezug genommen. Frankenstein vergleicht seine Situation mit der eines enteigneten Bauern, als er über das Monster sagt:

Sollte ich ihn überwältigen, wäre ich ein freier Mann. Ach! Welche Freiheit? Die Freiheit, die der Bauer genießt, wenn seine Familie vor seinen Augen hingeschlachtet, sein Haus niedergebrannt, seine Ländereien verwüstet, und er auf die Straße gesetzt wird, ohne Heimat, ohne Geld und einsam, aber frei.

OPFER DER AUFKLÄRUNG

Das Monster wiederum entwickelt eine dezidiert kritische Sicht auf, wie es sagt, „das seltsame System der menschlichen Gesellschaft“, als es „von der Aufteilung der Besitzstände, von ungeheurem Reichtum, erbärmlicher Armut“ hört: „Ich erfuhr, dass der Besitz, den deine Artgenossen am meisten schätzen, eine noble und makellose Abstammung in Verbindung mit Reichtum war.“ Ein Mann könne vielleicht mit nur einer dieser Eigenschaften respektiert werden, aber ohne eine der beiden würde er als Herumtreiber und Sklave betrachtet, „der dazu verurteilt ist, seine Lebenskraft dem Profit einiger Auserwählter zu opfern“. Wolfram Sailer macht auf die Parallele zu dem im Zuge der Industrialisierung entstehenden Proletariat aufmerksam:

Das Monster wie das Proletariat sind kollektive und artifizielle Geschöpfe: das Monster, aus Leichenteilen von den Friedhöfen, Totenhäusern und Schlachtfeldern der instrumentalisierten Aufklärung bestehend, das Proletariat aus den im Zusammenbruch des feudalen Systems „frei“ gewordenen Landarbeitern und Kleinpächtern, die – in England durch die enclosures von ihrem Land vertrieben – sich in den Slums der neuen Großstädte des heraufdämmernden Industriekapitalismus zu jenem neuen Wesen zusammenfanden.

Karl Marx schrieb, das Kapital sei „verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit“. Die Angst, welche die von citoyens zu bourgeois degenerierten Aufklärer vor dem Kollektivwesen hatten, das sie doch selbst hervorgebracht hatten und für ihre Zwecke nutzten, gleiche, so Sailer, der Angst Frankensteins; sie sei die Furcht vor dem eigenen Totengräber: „Marx und Engels nennen in ihrem Kommunistischen Manifest das Proletariat den von der Bourgeoisie selbst produzierten Totengräber; Frankenstein nennt sein Geschöpf ,meinen eigenen Vampir, meinen eigenen Geist losgelassen vom Grabe und gezwungen, alles zu vernichten, was mir lieb war‘.“ Das Monster droht – wie die Arbeiterbewegung –, sollten seine Forderungen nicht erfüllt werden, unverhohlen mit der Umkehrung des Verhältnisses von Herr und Knecht. Indem Frankenstein den Torso der fast fertigen Partnerin zerstört, die sich das Monster gewünscht hat, um seiner Isolation zu entkommen, klärt er das Verhältnis zu seiner Kreatur für den Rest des Romans: Das Monster nennt seinen Schöpfer nun seinen Sklaven. Sailer merkt dazu an, die Entfremdungen, denen Frankenstein sich in seinem Arbeitsprozess unterwerfe, führten letztlich dazu, dass das Verhältnis des Produzenten zu seinem Produkt sich umkehre; die Entfremdung von der Natur reflektiere Frankensteins zerrissenen inneren Zustand, die Entfremdung von seinem Produkt entfremde ihn auch von sich selbst als produzierenden Menschen. Mary Shelley nehme „mit dieser Darstellung vorweg, was Karl Marx etwa dreißig Jahre später in seiner Entfremdungstheorie formulierte“.

Gerade auch in seinen Äußerungen zur Natur nehme Marx in wissenschaftlicher Form Mary Shelleys Ansätze auf, in welchen sie Frankensteins Versuche kritisiere, der Natur mit Gewaltmitteln der Naturwissenschaft auf die Schliche zu kommen. So zieht Sailer den Schluss: „Das Monster lässt sich als Metapher für die Opfer der Aufklärung (in wissenschaftlicher wie in politischer Hinsicht) lesen.“ Es stehe für die „Verdammten dieser Erde“ und allgemein für die innere und äußere Natur, die von Frankenstein als „Verkörperung eines männlich-zielgerichteten Prinzips“ unterdrückt werde. „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war“, schreiben Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung (1944), dem Hauptwerk der Kritischen Theorie, in dem sie eine Wissenschaft kritisieren, die in „scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren“ den „blutigen Schluss“ abzwingt.

Denn die Opfer der Aufklärung – oder, um mit den Worten Horkheimers und Adornos zu sprechen, der instrumentellen Vernunft – sind nicht nur Menschen. Das „Monster“, das in vielen Punkten menschlicher dargestellt wird als Frankenstein, zeichnet sich allgemein durch die Fähigkeit zur Empathie aus – so bricht es etwa, als es vom Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern hört, in Tränen aus –, und diese ist die Voraussetzung für Solidarität, die auch mit Tieren geübt werden kann. Horkheimer schrieb dazu einmal: „Eigentlich ist ja die Solidarität, die wir mit den Menschen in Not fühlen dieselbe wie die mit dem Tier, in der Qual erweist sich ihre Identität und das Weh fließt zusammen.“ Tatsächlich erwächst die politische Kritik, die das Monster übt, aus den basalen Wahrnehmungen von Lust und Schmerz; es sagt:

Ich habe von Männern gelesen, die sich um öffentliche Angelegenheiten kümmern und ihre Spezies regieren oder massakrieren. Ich verspürte die größte Begeisterung für die Tugend in mir und eine Abscheu vor dem Laster, soweit ich die Bedeutung dieser Begriffe verstand, da sie nach meiner Auffassung offenbar nur Lust und Schmerz entsprechen konnten.

UTOPISCHES MOMENT

Bald muss das Monster erkennen, dass es im von ihm erkannten Klassenraster noch nicht einmal auf der Stufe der Ärmsten der Armen steht, sondern noch unter ihnen: Es sei, so sagt es, „nicht einmal von derselben Art wie der Mensch“; sein größter Wunsch ist es, „nicht aus der Gesellschaft und vom Mitgefühl Ihrer Artgenossen“ ausgeschlossen zu werden – im Original heißt es: „not be driven from the society and sympathy of your fellow creatures“. Der Begriff geht zurück auf Kreise radikaldemokratischer Parlamentarier, die bereits während des Englischen Bürgerkrieges, also Mitte des 17. Jahrhunderts, ihren Dissens zum etablierten Luxus des Adels und ihren Protest gegen die Enteignungen der Bauern durch konsequenten Vegetarismus ausdrückten und „nach einer unblutigen Revolution riefen, um eine Gesellschaft der Gleichheit ohne Schlachtungen einzurichten“, wie der Historiker Tristram Stuart sich in seinem Buch The Bloodless Revolution (2006) ausdrückt. Sie bezeichneten auch Tiere als fellow-creatures, als Mitgeschöpfe. Menschen wie etwa Roger Crab, der ab 1641 eine vegane Lebensweise annahm, verstanden diese als einen Ausdruck ihrer Kritik an politischer und ökonomischer Ungerechtigkeit – Fleisch war ein Statussymbol der Besitzenden, auf seinen Verzehr zu verzichten bedeutete daher einen Akt der Solidarität mit den Unterdrückten.

Frankensteins Monster meint: „Sollte irgendeine Kreatur mir gegenüber Wohlwollen empfinden, dann würde ich es hundertfach und tausendfach vergelten. Wegen dieses einen Wesens würde ich Frieden mit seiner gesamten Spezies schließen!“ Doch dies wird ihm verwehrt. Die Autorin und Aktivistin Carol J. Adams schreibt dazu in ihrem Buch The Sexual Politics of Meat: A Feminist-Vegetarian Critical Theory (1990): „Frankensteins Geschöpf bezieht Tiere in seinen Moralkodex ein, wird jedoch hintergangen und zutiefst enttäuscht, als es danach strebt, in den Moralkodex der Menschen einbezogen zu werden. Es lernt, dass, ungeachtet seiner eigenen moralischen Maßstäbe, der Kreis der Menschen so gezogen ist, dass sowohl es selbst wie auch die anderen Tiere davon ausgeschlossen bleiben.“ Und allein das ist der Grund, warum es destruktiv wird – es sagt: „Ich trug, wie Satan persönlich, eine Hölle in mir, und da es niemanden gab, der Mitleid mit mir hatte, wollte ich die Bäume ausreißen, Chaos und Vernichtung um mich herum verbreiten.“ Kurz allerdings blitzt im Roman ein utopisches Moment der Versöhnung mit Mensch und Natur auf, wenn sich das Monster seine Zukunft mit einer zu ihm passenden Gefährtin ausmalt:

Meine Nahrung ist nicht die blutige der Menschen. Ich vernichte nicht Lämmer und Ziegen, um meinen Hunger zu stillen; Nüsse und Beeren genügen mir. Da meine Genossin ebenso beschaffen sein wird wie ich, wird auch sie mit der gleichen Nahrung vorlieb nehmen.

Zu Frankenstein sagt es: „Das Bild, das ich dir beschreibe, ist friedlich und menschlich, und du musst spüren, dass du es mir nur aus Willkür und Grausamkeit verweigern kannst.“ Während das „Monster“ Lämmer und Ziegen nicht zerstört, nur um seinen Appetit zu befriedigen, foltert Frankenstein sogar lebende Tiere, um das leblose Material seiner technischen Menschenproduktion zu beseelen; das Leid der gequälten Kreatur hat für ihn keine Bedeutung – oder nur insofern, als dass es ihn selbst mit Schrecken füllt. So verwehrt er seinem Geschöpf die Verwirklichung der Utopie, welche es ihm geschildert hat. Entsprechend heißt es am Ende des Kapitels über die englischen, revolutionären Romantiker im 2013 in der theorie.org-Reihe erschienenen Buch Antispeziesismus: „Statt in einen Zustand des Friedens mit Menschen, Tieren und der Natur einzutreten, findet Frankensteins vegetarisches Monster sein Ende im Feuer eines Scheiterhaufens.“

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