Mythos Fleisch

Wenn es um Fleisch geht, erhitzen sich die Gemüter – das haben einige Vorkommnisse in den letzten Wochen deutlich gezeigt. Doch warum reagieren viele Menschen geradezu aggressiv auf Veganer oder auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass die Produktion von Fleisch schädlich für die Umwelt und sein Konsum schlecht für die Gesundheit ist? Weshalb treten, wenn auch nur von einer Einschränkung der Produktion und des Konsums von Fleisch die Rede ist, sofort jene auf den Plan, die vom „Untergang des Abendlands“ raunen? Dies hat unter anderem damit zu tun, dass Fleisch auch ein kulturelles Symbol ist – und jene, die es ablehnen, damit an tief in unsere Kultur eingeschriebene Muster und Hierarchien rühren.

Nachdem zwei Leipziger Kindertagesstätten angekündigt hatten, Schweinefleisch aus Rücksicht auf muslimische Kinder vom Speiseplan zu nehmen, empörte sich die Bild: „Bratwurst, Bulette oder Schnitzel – viele Kinder wollen nichts anderes. Doch die Jungen und Mädchen zweier Kitas in Leipzig müssen ab sofort auf diese Speisen verzichten. Schweinefleisch verboten!“, so das Springer-Blatt am 22. Juli. In den sozialen Medien und in der Politik entflammte eine Debatte, die nicht nur islamophobe Ressentiments an die Oberfläche spülte – sie offenbarte auch den kulturellen Wert, der dem Fleischkonsum an sich beigemessen wird. Nachdem Bild über die Entscheidung berichtet hatte, landete der Hashtag #Schweinefleisch deutschlandweit auf Twitter zeitweise auf Platz eins der diskutierten Themen. Selbst über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus schlug das eigentlich vollkommen unbedeutende Ereignis Wellen. In Österreich etwa titelte die Freiheitliche Jugend, die Jugendorganisation der rechtspopulistischen FPÖ, auf Facebook: „Jedes Kind soll in den Genuss eines Schnitzels kommen dürfen“ – ironischerweise über dem Bild eines panierten Fisches. Die für die Entscheidung Verantwortlichen wurden derart diffamiert und bedroht, dass sich sogar der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung mit einem „Zwischenruf“ an die Öffentlichkeit wandte. Darin hieß es: „Die Gründe, warum sich eine Kita und die Eltern so oder so entscheiden, für oder gegen Schweinefleisch, für vegetarische oder gar vegane Ernährung, können vielfältig sein: kulturell begründet, ernährungsphysiologisch oder schlicht weil die Geschmäcker verschieden sind.“ Was aber auf das Bekanntwerden der Entscheidung folgte, sei, so Jung, „unfassbar“ gewesen:

„An den Galgen mit dir oder standrechtlich erschießen“, „Frau …, sie führen sofort wieder Schweinefleisch ein, bis 30.7. ansonsten wird die Kita abbrennen, wenn auch zum Nachteil der Kinder. Nein, das ist kein Scherz. Und wenn sie auch die Polizei einschalten, sie wird brennen. Und sie werde ich zusammenschlagen, bis dass sie im Krankenhaus liegen und berufsunfähig sind!!! Also los oder Feuer!“, „Ich werde sie nicht nur krankenhausreif schlagen, ich werde sie töten, mit einem Messerstich ins Herz.“  Das ist nur eine kleine Auswahl der Drohungen, die schriftlich oder ganz unverhohlen persönlich überbracht bei den Kitas eingingen.

Als der Tierschutzbund Anfang August meinte, parallel zur CO2-Steuer brauche es auch eine „Fleischsteuer“, um „die Haltung von Nutztieren zu verbessern“, erfolgte ebenfalls ein Aufschrei, auch in gewissen Teilen der Politik. Bemerkenswert sei, merkte Zeit Online an, wer in dieser Frage plötzlich ärmere Bevölkerungsgruppen verteidigen würde: Unter anderem träten nun wieder „die Freiheitskämpfer der FDP“ auf den Plan: „Wie bei der Energiewende ist auch bei der Agrarwende bemerkenswert, wie die finanziell Schwachen plötzlich gerade von jenen entdeckt werden, die diese Bevölkerungsgruppe bislang ignoriert haben.“

AN DER REALITÄT VORBEI

„Fleisch ist für die Deutschen, was für die US-Amerikaner Waffen sind“ – so scheine es zumindest, betrachte man „die Hysterie, mit der alle naselang auf eventuell drohenden, teilweisen Fleischverzicht reagiert wird“, so die taz kürzlich. Auch in Österreich wurde die Diskussion um eine Fleischsteuer zur sozialen Frage stilisiert: „Die soziale Frage erreicht das Wiener Schnitzel“, machte die NZZ sich am 16. August über entsprechende Debatten in der österreichischen Politik lustig. Die Zeitung stellte heraus, wie absurd diese Diskussionen eigentlich sind, da sie völlig an der Realität vorbeigehen: Selbst, wenn eine Fleischsteuer käme, müsste niemand, der Fleisch essen will, „am Hungertuch nagen“, denn: „Bei den gängigen Handelsketten in Österreich bekommt man das Kilo Schweinsschnitzel für 10 €. Viel eher als ein Luxus ist Schweinefleisch also ein Billigprodukt.“ Und das gilt keineswegs nur für Schweinefleisch: Berechnet man, was der Gesellschaft ein Lebensmittel in der Produktion tatsächlich kostet – inklusive der Schäden, die für die Umwelt entstehen –, so müssten laut dem Ökonom Tobias Gaugler Tierprodukte insgesamt dreimal so teuer sein, wie sie aktuell sind, genauer: 196 Prozent teurer. Zu diesem Ergebnis kam eine im September 2018 veröffentlichte Studie, an der Gaugler beteiligt war.

Hinzu kommt, dass die Angst, dass man „uns das Schnitzel wegnimmt“, angesichts der momentanen politischen und gesellschaftlichen Situation absolut unbegründet und irrational ist. Nachdem den Grünen der Vorschlag, in öffentlichen Kantinen einen „Veggieday“ auszuprobieren, im Jahr 2013 den Wahlkampf verhagelt hat – auch damals waren die Reaktionen absolut unangemessen und hysterisch, Bild titelte: „Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!“, – hüten sich Politiker aller Couleur, mit Forderungen aufzutreten, die auch nur ansatzweise in eine solche Richtung gehen. Über einen Wahlkampfauftritt des Grünen-Bundesvorsitzenden Robert Habeck berichtete das Hamburger Abendblatt kürzlich: „Ein junger Mann will von Habeck wissen, ob mit den Grünen eine ‚Öko-Diktatur‘ drohe. Werden Kreuzfahrten, Fleisch und Fliegen verboten? Habeck verabreicht Beruhigungspillen. Einen ‚Veggieday‘, die Forderung nach einem fleischlosen Donnerstag, die den Grünen bei der Wahl 2013 das Genick brach, werde es nicht geben.“ Woher also stammen diese irrationalen Befürchtungen? Sie haben viel damit zu tun, dass unsere Gesellschaft, wie ein Artikel bei Zeit Online mit dem Titel Unser heiliges Fleisch gestern feststellte, ein „mythisches Verhältnis“ zum Fleisch hat. Der Autor des Essays, Volker Demuth, schreibt:

Über die kulturellen Dimensionen von Fleisch wissen wir fast nichts. Aber es reicht eben nicht aus, der Öffentlichkeit ständig neue Forschungsergebnisse über die Folgen von massenhaftem Fleischverzehr vorzulegen. Wir müssen auch dringend ein Verständnis für die Tiefengrammatik unserer fleischlichen Verfasstheit entwickeln. Eine Carneologie, als die man sie bezeichnen kann, könnte Licht ins tabuisierte Dunkel eingefleischter Antriebe bringen, die in den irrationalen und selbstzerstörerischen Zügen des Konsumkapitalismus an die Oberfläche kommen.

Ein paar Hinweise gibt Demuth in seinem Text bereits, etwa, wenn er die Frage aufwirft, woran es liegt, dass trotz des Wissens, dass die Produktion von Fleisch „zulasten eines ganzen Planeten“ gehe und somit „Teil der Existenzfrage der Menschheit“ sei, der Fleischkonsum nicht nennenswert zurückgeht – er schreibt: „An mangelnder Information kann es nicht liegen. Das lässt die Hoffnung, die man in bessere Aufklärung legen möchte, illusionär erscheinen. Denn die Gründe liegen tiefer, in unterschwelligen kulturellen Motivgeflechten.“ Einer davon lasse sich aus dem Zusammenhang von Wohlstand und Fleischkonsum ablesen: Erhöhter Fleischkonsum, einst Privileg der oberen Schichten, symbolisiere traditionell Gleichheit und Ungleichheit. Hinzu komme, dass Fleisch zu essen im gesellschaftlichen Bewusstsein „etwas stark Männliches“ habe.

DIE HIERARCHIE DES FLEISCHVERZEHRS

Damit spricht der Autor zwei wichtige Punkte an. In ihrem Buch The Sexual Politics of Meat: A Feminist-Vegetarian Critical Theory (1990, deutsch: Zum Verzehr bestimmt), in dem sie der verschütteten feministisch-vegetarischen Theorietradition der Moderne nachgegangen ist, schreibt die Autorin und Aktivistin Carol J. Adams dazu:

Menschen mit Macht haben stets viel Fleisch gegessen. Die europäische Aristokratie verzehrte gewaltige Mahlzeiten mit jeder Art von Fleisch, während die Arbeiter und Arbeiterinnen die Kohlehydrate zu sich nahmen. Essgewohnheiten drücken Klassenbesonderheiten, aber auch patriarchale Besonderheiten aus. Frauen essen als zweitklassige Bürgerinnen eher, was in einer patriarchalen Kultur als zweitklassige Nahrung gilt: Gemüse, Obst und Getreide, und nicht so sehr Fleisch. Der Sexismus beim Fleischessen wiederholt Klassenunterschiede mit einer zusätzlichen Besonderheit: Alle Klassen durchzieht der Mythos, dass Fleisch ein maskulines Nahrungsmittel und Fleischessen eine maskuline Handlung ist.

In der Dialektik der Aufklärung (1944), dem Hauptwerk der Kritischen Theorie, schreiben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: „Die Sorge ums vernunftlose Tier aber ist dem Vernünftigen müßig. Die westliche Zivilisation hat sie den Frauen überlassen.“ Nicht erst heute ist der Anteil von Frauen unter vegan und vegetarisch lebenden Menschen deutlich höher – schon immer war die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung weiblich geprägt. So war etwa die britische Tierrechtsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der feministischen Bewegung überlagert; mehr dazu findet sich in unserem Artikel über die „Brown Dog Riots“. Die Hierarchie des Fleischverzehrs ist unserer Kultur derart tief eingeprägt, dass seine Infragestellung noch immer als Bedrohung für die überkommene Gesellschaftsordnung wahrgenommen wird. So gilt die Solidarität mit Tieren als ebenfalls Ausgebeutete und Unterdrückte gar, wie es in der Dialektik der Aufklärung heißt, als Abfall von der Kultur: Aufs Tier zu achten wird als Verrat am Fortschritt angesehen – einer der Gründe, weshalb die Geschichte des Vegetarismus, wie Colin Spencer gleich zu Beginn seines Werks The Heretic´s Feast. A History of Vegetarianism (1993) feststellt, im Westen eine Geschichte von Dissidenten-, Rebellen- und Außenseitertum ist.

Das Mensch-Natur- und Mensch-Tier-Verhältnis der westlichen Kultur, das im Zuge der Europäisierung der Erde hegemonial geworden ist, ist ein in seinem Ursprung patriarchales und ist durch und durch von Herrschaft geprägt; der Kulturprozess zeichnet sich geradezu dadurch aus, sich die Natur mehr und mehr anzueignen, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. In die Sphäre des Natürlichen, die es zu beherrschen gilt, fallen nicht nur die Tiere, sondern traditionell auch der zu unterjochende Fremde und die zu beherrschende Frau. Diese wurde, so Horkheimer und Adorno, „zur Verkörperung der biologischen Funktion, zum Bild der Natur, in deren Unterdrückung der Ruhmestitel dieser Zivilisation bestand. Grenzenlos Natur zu beherrschen, den Kosmos in ein unendliches Jagdgebiet zu verwandeln, war der Wunschtraum der Jahrtausende. Darauf war die Idee des Menschen in der Männergesellschaft abgestimmt.“ Im allgemeinen Bewusstsein werde menschliche Kultur gleichgesetzt mit Macht und Kontrolle, so der Anthropologe Nick Fiddes in Meat: A Natural Symbol (1991) – die deutsche Übersetzung des Buches heißt Fleisch: Symbol der Macht (1993). „Ein Großteil des Kulturgutes des Abendlandes ist auf die Vervollkommnung, Demonstration und Lobpreisung einer derartigen Kontrolle ausgerichtet“, heißt es dort, und:

Wir haben unsere Umwelt immer als eine Bedrohung dargestellt, die wir überwinden müssen, als eine zu zähmende Wildnis, eine Ressource, die wir uns nur zunutze zu machen brauchen, ein Objekt mit nur wenigen eigenen Bedürfnissen oder gar Rechten. Diese ethische Position hat sich zu einer Art ideologischem Imperativ entwickelt, der in religiösen, theoretischen, kommerziellen, populären und mythologischen Formen zutage tritt.

Als zivilisatorischer Auftrag gilt, die Natur beherrschbar, planbar, kalkulierbar zu machen. Unser Verhältnis zu ihr ist instrumentell, wie nicht nur die Zurichtung der Tierkörper auf die menschlichen Bedürfnisse mittels Zucht zeigt, sondern die Gesamtheit der modernen Agrartechnik. „Die fortschreitende Tendenz zur Industrialisierung der Landwirtschaft drückt sich heute in monokulturellen Systemen aus. Im Namen einer effektiven Produktion wird auf riesigen Flächen eine einzige Getreideart angebaut, als wäre die Landschaft eine Fabrik“, kritisiert Fiddes. Das moderne Agrarbusiness betrachte seine Felder nahezu buchstäblich als Kampffelder: Jedes Element, das nicht als Teil des menschlichen Plans dient, gelte als Feind: „Die Verfechter eines solchen Standpunktes betrachten den Kampf gegen die Natur als eine ehrenvolle Pflicht und sehen als das angestrebte Ziel dieses Kampfes den Endsieg an. Die Schlüssel zum totalen Sieg sind Wissenschaft und Technologie – als Äußerungen menschlicher Intelligenz. Einem solchen Geist entspringt die Entwicklung intensiver Viehzuchtsysteme.“ In klassischer kartesischer Tradition würden empfindungsfähige Lebewesen auf den Status reiner Maschinen verwiesen.

AUSBEUTERISCHE BEZIEHUNG ZUR NATUR

Zunehmend verbreite sich nun aber die Erkenntnis, dass „ein Zermürbungskrieg gegen die natürliche Welt nicht mehr notwendig ist (wenn er es denn je war) und dass Zivilisation mehr bedeuten kann als das Ausspielen unserer überwältigenden Kraft“. Andersdenkende Individuen und Gruppen würden heute mit Nachdruck betonen, dass es notwendig sei, ein Gegengewicht zu schaffen – diese „Ketzer“ legten den Schwerpunkt nicht auf Kontrolle und Trennung, sondern sähen die Gesellschaft als einen Bestandteil der lebenden Welt an, der auch in dynamischer Interaktion mit der Natur leben könnte, statt wie bisher durch „parasitäre Manipulation“. Das werde als Angriff auf traditionelle Privilegien, auf die Zivilisation als solche, wahrgenommen – fälschlicherweise, müsse dies doch nicht bedeuten, „dass jede Kultur negiert wird und der Rückzug in irgendeine mythische vorindustrielle Vergangenheit angetreten werden soll. Eher gibt es ein allgemeines Bewusstsein davon, dass wir unsere kulturellen Fähigkeiten und Fortschritte positiv nutzen müssen, wenn wir überleben und in dieser Welt zu einem neuen Zustand friedlicherer Koexistenz kommen wollen.“

Im Fleisch konzentriert sich für Fiddes die „ausbeuterische Beziehung zur Natur“, sein Verzehr ist, wie er schreibt, „unlösbar mit der Unterwerfung der Natur verbunden“. Fleisch sei das Nahrungsmittel derjenigen, die die Kontrolle über die natürliche Umwelt – und über die Gesellschaft – besitzen, und werde daher noch so lange seinen gehobenen sozialen Status behalten und als positiv angesehen werden, „wie wir unsere Fähigkeit hoch bewerten, alles Wilde zu kontrollieren“. Am Stellenwert des Fleisches, an seiner Symbolkraft, an den Mythen, mit denen es verbunden ist, zeigt sich die enge Verflechtung von Speziesismus mit Sexismus und Rassismus besonders deutlich. Fiddes meint: „Fleisch ist ein hervorragendes Symbol für die Kontrolle des Mannes über die natürliche Welt. Die Tatsache, dass die Frau als Fleisch bezeichnet wird, kann als Aussage über ihre angeblich wildere gesellschaftliche Rolle und ihre Verfügbarkeit als eine natürliche Ressource der Männer verstanden werden.“ Es scheine nicht so zu sein, vermutet er, dass die sexuelle Herrschaft die beherrschendste Ideologie unserer Kultur sei und deren fundamentalsten Machtbegriff liefere, sondern eher so, dass die sexuelle Herrschaft der Männer sich an der Beherrschung der natürlichen Welt orientiere, die durch das Fleischsystem verkörpert werde: „Die Beherrschung der natürlichen Umwelt dient sowohl als Modell wie auch als Metapher für die Männerherrschaft.“ Dasselbe gilt für die dem Kolonialismus und Imperialismus inhärenten Logiken: Im Weltbild von Kolonisatoren standen die Kolonisierten schon immer mehr oder weniger auf der Stufe von Tieren. Das Ausbeutungsverhältnis gegenüber den Tieren und der Natur diente seit je als Legitimationsfolie für Gewalttaten an Menschen. So kommt Fiddes zum Schluss:

Der Rassismus, der sich in der Sklaverei und in der Ausbeutung des Reichtums der Nationen der „Dritten Welt“ äußerte und äußert, hat ein gefährliches Vermächtnis sozialer und politischer Feindseligkeiten hinterlassen. Der Versuch unserer Kultur, eine unantastbare Autorität gegenüber der wilden Natur auszuüben, hat uns eine Umweltkatastrophe beschert, die, das ist jetzt klar, die menschliche Gesellschaft an den Rand des Untergangs führt.

Vegetarier sind für den Anthropologen Menschen, die uralte, als Gründungsmythen in unsere Kultur eingeschriebene Programme und noch ältere, archaische Vorstellungen überwunden haben – sie glauben nicht mehr an die Mythen, die mit dem Verzehr von Fleisch verbunden sind, wie etwa an jenen von der „Lebenskraft“, die darin stecke. „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“, das war über lange Zeit hinweg ein Werbeslogan der inzwischen insolventen Centralen Marketing-Gesellschaft der Agrarwirtschaft (CMA). Erstmals verwendete sie den Spruch 1967 – doch er rührte natürlich an viel ältere, mythische Vorstellungen, die davon ausgingen, dass die „Lebenskraft“ eines Körpers durch dessen Verzehr in den Essenden übergeht. Vegetarier sind so betrachtet auch Menschen, „die den mystischen Glauben an die wiederbelebende Kraft von Blut überwunden haben“, so Fiddes. „Unsere Religion der neueren Zeit – die Wissenschaft – hat offenbar lediglich die Überzeugungen der alten Ordnung in ihre eigenen Idiome und Strukturen übersetzt. Unser vom männlichen Denken dominiertes intellektuelles Establishment versucht seine Glaubwürdigkeit damit zu untermauern, dass es für seine Sichtweise eine logische historische Grundlage findet“, schreibt er. So lebe etwa der Gedanke von der „Großen Kette des Seins“ insofern fort, als dass „der irdische Teil dieser Kette als ‚Nahrungskette‘ wissenschaftlich neu formuliert wurde“.

NEUE KRAFT GESELLSCHAFTLICHER VERÄNDERUNG

Die „Große Kette des Seins“ – oder: „der Wesen“ – ist eine auf die Antike zurückgehende Vorstellung, die schon damals als Legitimationsideologie für gesellschaftliche Hierarchien herhalten musste. Man spricht auch von der Scala Naturae, der Stufenleiter der Natur. Dieser Idee zufolge können alle Gegenstände, die in der Natur vorkommen, in einer lückenlosen, hierarchisch organisierten Reihe, vom niedersten bis zum höchsten, angeordnet werden. Europäische Denker des Mittelalters und der Renaissance verlängerten diese Reihe dann noch in den übernatürlichen Bereich, wo sie über die Engelshierarchie letztlich bis zu Gott als höchster Stufe führte. Die Vorstellung geht auf Platon zurück. Dessen Schüler Aristoteles griff sie auf. Nach ihm führt beispielsweise die Seele über den Leib, der Verstand über das Emotionale ein „despotisches Regiment“, wobei „offensichtlich“ wäre, dass dies „naturgemäß und nützlich“ sei. Im Buch Antispeziesismus (2013) werden entsprechende Stellen aus der Politik, der wichtigsten staatsphilosophischen Schrift des antiken Denkers, folgendermaßen zusammengefasst:

Männliches und Weibliches verhalten sich von Natur aus so zueinander, dass das eine das Bessere, Herrschende, das andere das Schlechtere, Dienende ist. Die niedrigere Art ist von Natur aus sklavisch, und es ist besser für sie, wie für alle Unterlegenen, dass sie sich in die Gewalt eines Herrschers begibt. Die Nutzung von Sklaven und gezähmten Tieren ist nicht sehr verschieden; beide dienen mit ihren Körpern den Bedürfnissen unseres Lebens. So wie die Pflanzen der Tiere wegen da sind, sind die Tiere der Menschen wegen da, zur Dienstleistung, zur Nahrung und um Kleidung und Gerätschaften aus ihnen zu gewinnen. Kriegsführung ist eine natürliche Kunst und die Jagd ein Teil von ihr; sie soll teils gegen Tiere praktiziert werden, teils gegen solche Menschen, die von Natur aus dazu bestimmt sind beherrscht zu werden, sich aber nicht unterwerfen; ein solcher Krieg ist ein natürlicher und gerechter Krieg.

In diesen Worten spiegelt sich eigentlich schon die gesamte Ideologie der Naturbeherrschung wider – und es wird gleichzeitig deutlich, was Horkheimer in seiner Kritik der instrumentellen Vernunft (1967) meinte, wenn er schrieb, dass Naturbeherrschung Menschenbeherrschung miteinschließe. Jedes gesellschaftliche Subjekt hat nicht nur an der Unterjochung der äußeren Natur – der menschlichen und der nichtmenschlichen – teilzunehmen, sondern muss, um das zu leisten, auch die Naturanteile in sich selbst beherrschen und unterdrücken; so muss das Kind sich etwa die Identifizierung und das Mitleid mit Tieren abgewöhnen. „Die Geschichte der Anstrengungen des Menschen, die Natur zu unterjochen, ist auch die Geschichte der Unterjochung des Menschen unter den Menschen“, so Horkheimer – das bedeutet aber auch: „Der Mensch teilt im Prozess seiner Emanzipation das Schicksal seiner übrigen Welt.“ Wenn sie kein anderes Verhältnis zur unterdrückten Natur und zu den Tieren entwickeln, können die menschlichen Emanzipationsbewegungen nicht vollständig zum Erfolg führen.

Herbert Marcuse sprach deshalb in Konterrevolution und Revolte (1972) von der „Befreiung der Natur als Mittel der Befreiung des Menschen“. Dass „die Gewalt beseitigt und die Unterdrückung so weit verringert wird, als erforderlich ist, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu schützen“, waren für ihn die Vorbedingungen einer humanen Gesellschaft. In der ab den 1960er-Jahren sich bildenden Protest- und Gegenkultur – auf die auch die heutige Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung zurückgehen – sah er Anlass zur Hoffnung: Hier zeigten sich erste Bemühungen um „ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Natur – seiner eigenen und der äußeren Natur“. Das Bindeglied zwischen der Befreiung des Menschen und der der Natur trete „heute in den wichtigen ökologischen Vorstößen der radikalen Bewegung deutlich zutage“, meinte er, und: „Die Entdeckung der befreienden Kräfte der Natur und ihrer entscheidenden Rolle beim Aufbau einer freien Gesellschaft wird zu einer neuen Kraft gesellschaftlicher Veränderung.“

Dass das, wie auch Fiddes betont, keineswegs eine Negation der Kultur bedeutet, sondern im Gegenteil ihre Vervollkommnung, wussten bereits die Vertreter der Kritischen Theorie. So heißt es bei Horkheimer: „Wir sind zum Guten oder Schlechten die Erben der Aufklärung und des technischen Fortschritts. Sich ihnen zu widersetzen durch Regression auf primitive Stufen, mildert die permanente Krise nicht, die sie hervorgebracht haben. Im Gegenteil, solche Auswege führen von historisch vernünftigen zu äußerst barbarischen Formen gesellschaftlicher Herrschaft. Der einzige Weg, der Natur beizustehen, liegt darin, ihr scheinbares Gegenteil zu entfesseln, das unabhängige Denken.“ Doch genau das – gesellschaftliche Veränderung, unabhängiges Denken – ist das, wovor jene Angst haben, die daran interessiert sind, den Status quo aufrechtzuerhalten; diejenigen, die weiterhin profitieren wollen von der Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur.

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