Repressive Toleranz und Tierbefreiung – erster Teil

Vierzig Jahre nach seinem Tod ist Herbert Marcuse aktuell wie nie zuvor. Auch andere Denker hätten die Gesellschaft so entschieden kritisiert wie er; die starke Wirkung dieses Sozialphilosophen jedoch habe, so der Deutschlandfunk kürzlich, auf seinem anthropologischen Optimismus beruht: In der Radikalität der Jungen habe er die Kräfte für eine „Große Weigerung“ gesehen gegen ein System, das „immer unmenschlicher alles zur Ware degradiert“. Heute würde er mit Sicherheit zu den Unterstützern der Tierbefreiungsbewegung zählen – schon Ende der 1960er-Jahre antwortete er auf die Frage, welches Projekt nach der Befreiung der Gesellschaft anzugehen sei: „Die Tiere befreien natürlich.“ In seinem Essay über „Repressive Toleranz“ (1965) beschrieb er die Form des Umgangs mit politischer Opposition, die für die bürgerlichen, formal demokratischen Staaten typisch ist. Inwieweit diese Überlegungen für die heutige Tierbefreiungsbewegung relevant sind, damit beschäftigt sich der folgende Artikel. Ein Gastbeitrag von Daphne Tokas.

In Düren wurde im Mai 2019 ein Schlachthof von Tierbefreiungsaktivist*innen besetzt, die in ihrem Bekennerschreiben ethische, vor allem pathozentrische Reflexionen geltend machten. Sie nahmen bei ihrer Aktion in Kauf, mit polizeilichen Kräften und dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Eine derartige gezielte politische, ethische Nonkonformität im Rahmen zivilen Ungehorsams bedeutet, dass die normative Grundlage, auf der ein bestimmter politischer Zustand beruht, gegen eine rein legalistische Auffassung von Gerechtigkeit praktisch in Frage gestellt wird. Der zivile Ungehorsam ist, so betrachtet, zunächst einmal ein sich in politischen Handlungsformen ausdrückender Zweifel an den partizipativen Grundlagen repräsentativer Demokratien. Denn ob politische Vorschläge formuliert und gehört, ob Verfassungsprinzipien eingehalten und ob gesellschaftlich relevante Interessen politischer Minoritäten auf parteipolitischer Ebene großflächig beachtet werden, kann sich nicht in politischen Wahlen ausdrücken, wenn das jeweilige Interesse sich nicht in der Auswahl befindet. So kommt es zu alternativen Wegen der Hörbarmachung:

In der Praxis moderner Demokratien haben die politischen Parteien – mit den durch die beherrschende Elite eisern kontrollierten und bürokratisierten Strukturen – diese Funktionen monopolisiert, und auf diese Weise verwehren sie den Bürgern die Gelegenheit, das Wahlangebot aufzustellen und die Programmerfüllung zu überwachen. Aus dieser negativen Erfahrung entspringt die Überzeugung, daß man andere Formen bürgerlicher, nicht parteilicher Beteiligung finden muß.[1]

In demokratischen Staaten kristallisierte sich – etwa in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung –, wie Andreas Braune schreibt, immer stärker heraus, „dass der Ungehorsam gegenüber dem Gesetz in bestimmten Situationen zulässig sein kann; und umgekehrt, dass die Pflicht zum Gehorsam gegenüber dem Gesetz keine ausnahmslose Forderung ist“. Eine solche Definition impliziert, dass ziviler Ungehorsam nicht unbedingt gegen ein ganzes staatliches System gerichtet sein muss und nicht zwingend anti-demokratische, anarchistische Ziele verfolgt. Vielmehr besagt sie, dass die Möglichkeit des zivilen Ungehorsams in demokratischen, rechtsstaatlichen Systemen enthalten ist und als eine bewusst gewählte Praxisform oder politische Strategie gelten kann, die beispielsweise Ideologien oder strukturell verfestigte Machtverhältnisse durch nonkonforme Praxis offenlegen soll. Denn, so Braune: „Demokratische Mehrheiten können sich irren, und sie können ungerecht und verantwortungslos handeln“.[2] Zwar stellen demokratische Staaten üblicherweise einige Wege bereit, diese Möglichkeit zu verhindern, zu korrigieren oder zu beantworten. Doch aufgrund der „unvollkommenen Verfahrensgerechtigkeit“ (Rawls) repräsentativer Demokratien ist nicht gesichert, dass demokratische Minderheiten ihren politischen Interessen und kritischen Theoremen über reguläre Verfahren ausreichend Gehör verschaffen und den in Frage gestellten Zuständen zu legislativen Änderungen verhelfen können.

REPRESSIVE TOLERANZ

In den meisten demokratischen Staaten kann man für die absichtliche Qual und Tötung nichtmenschlicher Tiere entweder verurteilt oder bezahlt werden – das hängt von der Spezies ab, der das jeweilige Tier angehört, und von dessen willkürlicher Einpassung in das vor Ort herrschende Gesetz und in die Kategorie der Verzehr- und Verwertbarkeit. Eine unschuldige Ressource – eine politisch wirksame Kraft, die ohne Widerstand oder Gewalt auskommt – der Befreiung aus dieser Unterdrückung, die so qualitativ anders ist als revolutionäre „Gegengewalt“, gibt es Herbert Marcuse zufolge nicht. Der Grund also, aus dem die Critical Animal Studies (CAS) und die politischen Tierbewegungen sich für Marcuse interessieren und interessieren sollten, ist seine von allen anderen Autoren der Kritischen Theorie zu unterscheidende Antwort auf die Frage, wie aus Negativität trotzdem noch Praxis abzuleiten sei. Die Affinität der Tierbefreiungsbewegungen zur Kritischen Theorie erklärt sich dabei mit Blick auf Herbert Marcuses Essay Repressive Toleranz aus drei Standbeinen – erstens der analytischen Leistungsfähigkeit der ideologiekritischen Beschreibung, zweitens dem Status der (negativen) Utopie aus materialistischen Prämissen heraus, und drittens dem Praxisbezug.

So beschreibt er in Repressive Toleranz den Umgang mit politisch oppositionellen Minoritäten, der „für die formal demokratisch verfassten, fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten der Nachkriegszeit typisch ist“.[3] Dabei werde die oppositionelle Position solange ignoriert, bis sie mit dem Gesetz (konkret: der Polizei) in Konflikt stehe. Ohne diese Begegnung sei die Opposition langfristig unsichtbar, denn sie werde „von der Regierung“ lediglich „im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung“ geduldet, nicht aber aktiv auf ihre Forderungen hin befragt.[4] Protest sei deshalb „nicht bloß ein möglicherweise subjektiv befreiender Ausdruck der Akteure, sondern ein objektiv notwendiges politisches Mittel“,[5] sofern demokratische Staaten ihre Differenzen im besten Fall durch eine argumentative Klärung des Streites beilegen sollten, die jedoch erst (wie etwa durch Protest) ausgelöst werden muss, wenn Regierungen oppositionelle Interessen langfristig ignorieren. Zwar gilt: „Rechtfertigungen, gute oder ideologische, sind der Stoff des Politischen, und das Recht, sie zu hinterfragen, ist das erste politische Recht“ – doch Legalität ist nicht Moralität, Recht und Gerechtigkeit sollten nicht verwechselt werden: „Die Gerechtigkeit ist […] nicht nur das, was in einer Gesellschaft als gerecht gilt, sondern das, was in ihr reziprok und allgemein gelten dürfte, wenn die Normunterworfenen freie und gleiche Normautoren wären.“[6] Da dies nicht der Fall ist, hat Marcuse in Repressive Toleranz deutlich gemacht, dass die Gegenwehr oft nicht zu Änderungen führt, sondern nur im gesetzlichen Rahmen „toleriert“ wird.

Marcuse unterscheidet drei Formen der Toleranz: Erstens eine befreiende tolerante Praxis, wie sie in ihren politischen Ursprüngen gedacht worden sei, zweitens eine werterelativistische Toleranzform „im Rahmen abstrakter Toleranz und unechter Objektivität“, die jede politische Position gleichermaßen gelten lässt und damit subversive Ansprüche direkt nivelliert, und drittens die titelgebende repressive Toleranz, die sich darin äußert, dass „die Wege, auf denen sich eine umstürzende Mehrheit entwickeln könnte, […] durch organisierte Unterdrückung und Indoktrination versperrt werden“,[7] etwa durch polizeiliche oder juristische Gewalt(en), durch politische Erziehung, durch die Einwirkung von Bauernverbänden in politische Entscheidungen, oder auch durch die menschliche Disziplinierung in Bildungseinrichtungen. Sobald ein Verhalten in einer solchen Gesellschaft toleriert wird, kann es sich Marcuse gemäß noch nicht um Widerstand handeln: „Gerade vom Volk wird die Regierung geduldet, die wiederum Opposition duldet im Rahmen der verfassungsmäßigen Behörden.“[8] In einer repressiven Gesellschaft stehen sich affirmative und kritische Positionen also gleichwertig und tendenziell unvermittelt gegenüber – wenn sie aufeinandertreffen, kommt es zu keinem Ergebnis, weil ihre Gleichheit „abstrakt, unecht“[9] ist. Radikale politische Oppositionen werden langfristig ignoriert. Wenn diese sich aufgrund mangelnder Hörbarkeit dissident zeigen, kommt die Polizei zum Einsatz.

Ein zeitgenössisches Beispiel für die institutionelle Ausprägung repressiver Toleranz gegenüber Tierbefreier*innen besteht in staatlicher Repression, etwa der Einrichtung einer Kontaktstelle für sogenannten „Tierschutzextremismus“, kurz nachdem im Mai 2019 in den Niederlanden mehrere Personen eine Mastanlage besetzt hatten. Das Portal top agrar berichtete am 31. Mai:

Als Reaktion auf die Besetzung eines Schweinestalles in Boxtel durch Mitglieder der Tierschutzbewegung „Meat the Victims“ am 13. Mai hat die niederländische Regierung mit dem Bauernverband (LTO) und dem Verband der Schweinehalter (POV) vereinbart, künftig intensiver Informationen über Tierschutzaktivismus und -extremismus auszutauschen.

Ein weiteres Beispiel für den häufig eintretenden Versuch, zivilen Ungehorsam in einem demokratischen Rechtsstaat zu delegitimieren, ist der Wiener Neustädter Tierschutzprozess vom 2. März 2010 bis zum 2. Mai 2011 mit 13 Angeklagten. Bereits vor über zehn Jahren wurde auf Drängen von Kleider Bauer – ein österreichisches Modeunternehmen, gegen das wegen des Verkaufs von Pelz demonstriert wurde – bei der Polizei eine Sonderkommission eingerichtet, welche die in die Kampagne involvierten Tierbefreiungsaktivist*innen kriminalisierte. Letzteren wurden von der Kläger- und Ermittlungsseite terroristische[10] Vorhaben unterstellt, indem man das Strafrecht gegen die Aktivist*innen instrumentalisierte, was unter anderem zu einer versuchten Anwendung des Paragraphen § 278a („Kriminelle Organisation“) auf die betroffenen Tierschutzorganisationen führte. Tatsächlich stellte dieser Versuch eine Verzerrung der ursprünglichen Bedeutung des Paragraphen dar,[11] sofern dieser im Tierschutzprozess lediglich dazu diente, polizeilichen Kräften mehr Spielraum bei ihren Ermittlungen gegen Tierbewegungen zu gewähren. Dadurch konnte die Untersuchungshaft der Angeklagten verlängert und ihr soziales Umfeld beeinträchtigt werden.

RADIKALISIERUNG AUF BEIDEN SEITEN

Die fehlende Befähigung staatlicher Institutionen wie etwa des Landwirtschaftsministeriums, in die darunterliegenden Interspecies-Konflikte einzugreifen und ökologisch sinnvolle Entscheidungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu treffen, zeigt sich in einer beidseitigen Radikalisierung von Landwirt*innen und Tieraktivist*innen, die einander in Form der Selbstjustiz begegnen: Ein Niederländer hat kürzlich – möglicherweise in Anspielung auf die Animal Liberation Front – die sogenannte Farmers Defence Force ins Leben gerufen, bei der es sich um eine Bewegung von über 10.000 Bäuerinnen und Bauern handelt, die sich in Selbstjustiz gegen Tierbefreier*innen wehren wollen und dementsprechend zur „Warnung“ ein Gruppenemblem in Form gekreuzter Mistforken an ihren Türen tragen. Persönliche Ungewissheiten und staatliche Repressionen generieren also nicht etwa eine Schlichtung der Verhältnisse, sondern eine zunehmende Radikalisierung auf beiden Seiten. Während Landwirt*innen sich allerdings hauptsächlich gegen Hausfriedensbruch wehren möchten und deren Unternehmen dank staatlicher Subventionierungen nicht grundlegend gefährdet sind, ist die stärker werdende Radikalisierung der Tierbefreier*innen auf reale Repressionen und die fehlende Möglichkeit politischer Teilhabe zurückzuführen:

Unter den Bedingungen heterarchischer Herrschaft und diffuser Machtausübung ist es schwierig, Widerstand zu leisten. Denn zum einen gibt es keine institutionalisierten Foren effektiver Opposition und insofern keine Möglichkeit kritischer Teilhabe. Zum anderen fehlt das Zentrum der Macht, gegen das effektiv Widerstand geleistet werden könnte. Beides führt […] dazu, dass sich Widerstand radikalisiert und von Opposition, die die Herrschaftsordnung als solche akzeptiert […], zu Dissidenz übergeht, die sich den Spielregeln der Ordnung verweigert und unkonventionelle […] Artikulationsformen wählt, um radikale Herrschaftskritik zu üben.[12]

Auf radikalen Tierbefreiungsaktivismus reagiert die überragende Mehrheit demokratischer Systeme allerdings nur wieder mit einem strenger agierenden Staatsapparat – die Aufrüstung der Exekutive, modifizierte Polizeikonzepte und strengere Gesetze sind die Folge von Stalleinbrüchen und der Verbreitung von Videomaterial aus Mastanlagen. Diese staatlichen Interventionen und Repressionen stehen in Einklang mit jenen reaktionären Denkmustern, die überhaupt dazu führen, dass (zudem: ausschließlich) speziesistische Ministerien existieren. Letztere legen immer offensichtlicher ihre Verstrickung mit Bauernverbänden und zugleich ihr Desinteresse an Verbraucherschutz und Tierwohl offen. Unter den beschriebenen Voraussetzungen erweist sich Tierbefreiung – wie jedes vollständig emanzipatorische Ziel – als utopisch. Werbeindustriellen Maßnahmen der Tierindustrie kommt – neben Subventionen – ein, wenn man die Bemühungen der Agrarwirtschaft realisiert, von sich selbst ein gutes Bild zu vermitteln,[13] wenig erstaunliches Vertrauen zu. Die niedersächsische Agrarministerin Barbara Otte-Kinast etwa warnte kürzlich davor, Lehrkräfte in Schulen über Landwirtschaft sprechen zu lassen, da diese sich meist vegetarisch ernähren würden und deshalb ein Bild von industrieller Nutztierhaltung vermitteln könnten, mit dem sich, so Otte-Kinast, „kein Geld verdienen“ lasse. Nutztierhaltung und Jagd deklarierte die Ministerin ein Jahr zuvor bereits als nachhaltig; ihre eigene Aufgabe im Rahmen ihres Amtes beschrieb sie zwei Monate später mit den Worten, sie habe „gut über die Landwirtschaft zu sprechen“. In dieser diskursiven Alternativlosigkeit ist individuelle Ohnmacht der paralysierende Effekt ubiquitärer und komplexer kapitalistischer Systeme,[14] die den Einzelnen zudem durch Konkurrenz, Lohnarbeit, Kollektivzwänge[15] und Gehorsamsforderungen disziplinieren.[16]

WESHALB KONSENS NICHT MÖGLICH IST

Toleranz wird entgegen ihres positiv konnotierten Begriffs repressiv, wenn sie alternative Lebensmodelle an ihrer Ausbreitung scheitern lässt. Laut Marcuse bezwecke, „was heute als Toleranz verkündet und praktiziert wird, in vielen seiner wirksamsten Manifestationen“ wieder nur „Unterdrückung“:[17] Eine in diesem Rahmen immer noch tolerierte Handlung – etwa der vegane Lebensstil oder kritische Stimmen von Tierrechtsorganisationen – ist von vornherein disqualifiziert, weil sie als solche nicht subversiv sein kann, sondern nur minimal reformistisch. Deshalb „drohen in einer repressiven Gesellschaft selbst fortschrittliche Bewegungen in dem Maße in ihr Gegenteil umzuschlagen, wie sie die Spielregeln hinnehmen“:[18] Die zwingende Konsequenz Marcuses ist es, dass jede emanzipatorische, abolitionistische Bewegung des linken Spektrums, wenn sie erfolgreich sein möchte, Handlungen auszuführen habe, die erstens verboten sind – es gebe „einen Unterschied zwischen revolutionärer und reaktionärer, zwischen der von den Unterdrückten und der von den Unterdrückern geübten Gewalt“,[19] schreibt er explizit – und zweitens auf die kritisierten Missstände verweisen. Denn wenn emanzipatorische Bewegungen „Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte“.[20]

Hier wird vollkommen evident, weshalb die CAS sich in Verteidigung radikaler Tierbefreier*innen mit Recht auf Theoreme der Kritischen Theorie beziehen – als Intellektuelle. Aus ebendieser Position des Intellektuellen heraus behauptet Marcuse, dass „gegenwärtig keine Macht, Autorität oder Regierung vorhanden ist, die eine befreiende Toleranz in Praxis übersetzen würde“. Deshalb sei „es Aufgabe und Pflicht des Intellektuellen […], an geschichtliche Möglichkeiten, die zu utopischen geworden zu sein scheinen, zu erinnern und sie zu bewahren“. Marcuse löst damit, zumindest für linke Bewegungen, die Frage auf, wie aus Negativität trotzdem noch politisch dissidente Praxis entspringen kann. Zu den „Vorbedingungen einer humanen Gesellschaft“ gehöre, dass „die Gewalt beseitigt und die Unterdrückung so verringert wird, als erforderlich ist, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu schützen“. Das Problem der Kritischen Theorie, utopielos sein zu müssen, löst sich für Marcuse in nur einem Satz: „Eine solche Gesellschaft existiert noch nicht“ – die Utopie ist, ähnlich wie bei Jacques Derrida, immer im Werden, das heißt: sie wird in jedem Moment produziert. Ohnehin sei „in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“ nicht gesichert, dass ein auf Utopie gerichtetes Handeln überhaupt erfolgreich sei: „Im Namen von Erziehung, Moral und Psychologie entrüstet man sich laut über die Zunahme der Jugendkriminalität, weniger laut über die Kriminalität immer mächtigerer Geschosse, Raketen und Bomben – das reifgewordene Verbrechen einer ganzen Zivilisation.“[21]

Beispiele für derartig verzerrte Urteile sind auch die aktuellen Reaktionen etablierter deutscher Großparteien auf Extinction Rebellion, Fridays For Future und Teile der Occupy-Bewegung, etwa die Beschwerde darüber, dass die Jugendlichen nun an jedem Freitag auf ihren Unterricht verzichten würden. Dass Extinction Rebellion Straßen und damit den Verkehr als CO2-Verursacher blockiert, wird so auch im öffentlichen Diskurs als größeres Problem wahrgenommen als die Klimakrise; in Großbritannien folgten bereits im Juli Repressionen. Laut Marcuse

werden Gewalt und Unterdrückung gleichermaßen von demokratischen und autoritären Regierungen verkündet, praktiziert und verteidigt, und den Menschen, die diesen Regierungen unterworfen sind, wird beigebracht, solche Praktiken als notwendig für die Erhaltung des Status quo zu ertragen. Toleranz wird auf politische Maßnahmen, Bedingungen und Verhaltensweisen ausgedehnt, die nicht toleriert werden sollten, weil sie Chancen, ein Dasein ohne Furcht und Elend herbeizuführen, behindern, wo nicht zerstören.[22]

Das gilt beispielsweise für den gesamten tierindustriellen Komplex und seine soziopolitischen Folgen. Wenn es nicht staatliche Repressionen oder politische Unsichtbarkeit sind, dann ist es die relativistische Färbung der Toleranz, die laut Marcuse „von einem aktiven in einen passiven Zustand“ gelangt und „ins Laissez-faire der verfassungsmäßigen Behörden“ mündet. Solange vegan lebende Menschen nicht aufbegehren, wird unterschwelliger Dissens demgemäß zur Normalität: Inkonsistente Aussprüche wie „Leben und leben lassen“ oder etwa NS-Ausdrücke wie „Jedem das Seine“, die bis heute perpetuiert werden, sollen dann eine jede Lebensweise als austauschbar und legitimierbar ausweisen. So ist auch „die ohnmächtige und wohlwollende Toleranz gegenüber unverblümtem Betrug beim Warenverkauf“ in Wirklichkeit „das Wesen eines Systems, das Toleranz befördert als ein Mittel, den Kampf ums Dasein zu verewigen und die Alternativen zu unterdrücken“.[23] Tatsächlich könne man entgegen scheinhafter Objektivität „durchaus identifizieren, was nicht zu einer freien und vernünftigen Gesellschaft führt, was die Möglichkeiten ihrer Herbeiführung verhindert oder verzerrt“.[24]

Marcuses Essay lässt sich hier vollständig online einsehen. Zum zweiten Teil des Artikels.

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[1] Arroyo, Juan Carlos Velasco: Politische Dissidenz und partizipative Demokratie. Zur Rolle des zivilen Ungehorsams heute, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie (ARSP) 84 (1) 1998, S. 87-104, S. 88.

[2] Braune, Andreas: Zur Einführung: Definitionen, Rechtfertigungen und Funktionen politischen Ungehorsams, in: Ders. (Hg.): Ziviler Ungehorsam. Texte von Thoreau bis Occupy, Stuttgart 2017, S. 9f.

[3] Schwandt, Michael: Kritische Theorie. Eine Einführung, Stuttgart 2010, S. 168.

[4] Marcuse, Herbert: Repressive Toleranz (1965), in: Wolff, Robert Paul; Moore, Barrington; Marcuse, Herbert: Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt am Main 1970, S. 137.

[5] Schwandt (Anm. 3), S. 169.

[6] Forst, Rainer: Kritik der Rechtfertigungsverhältnisse. Perspektiven einer kritischen Theorie der Politik, Frankfurt am Main 2011, S. 17.

[7] Marcuse (Anm. 4), S. 110f.

[8] Ebd., S. 94.

[9] Ebd., S. 126.

[10] Dass Menschen mit alternativen Lebensmodellen als Terrorist*innen wahrgenommen werden, mag auch daran liegen, dass die Tierbewegungen den Schrecken (lat. terror)  des kapitalisierten, industriell veränderten Mensch-Tier-Verhältnisses ständig vergegenwärtigen; sei es nur damit, dass es eine vegane Option in der universitären Mensa gibt. So werden Bote und Botschaft verwechselt, und Vermittler des Terrors zu Terroristen stilisiert.

[11] Vgl. Uitz, Sophie: Warum tun Sie nicht irgendetwas Legales? Ein historischer Blick auf die Anwendung der Paragraphen 278 ff StGB gegen emanzipatorischen Widerstand in Österreich, in: juridikum 3/2011, S. 316ff.

[12] Daase, Christopher: Was ist Widerstand? Zum Wandel von Opposition und Dissidenz, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 64. Jahrgang, 27/2014 (30. Juni 2014), S. 3-9, S. 8.

[13] Vgl. Sauerberg, Achim; Wierzbitza, Stefan: Das Tierbild in der Argarökonomie. Eine Diskursanalyse zum Mensch-Tier-Verhältnis, in: Pfau-Effinger, Birgit; Buschka, Sonja (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere. Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden 2013, S.73- 96, S. 93.

[14] Vgl. Cox, Robert W.; Schechter, Michael G.: The Political Economy of a Plural World. Critical Reflections on Power, Morals and Civilization, London 2002, S. 116f.

[15] Vgl. Berger, Rainer: Politik und Technik. Der Beitrag der Gesellschaftstheorien zur Technikbewertung, Opladen 1991, S. 97ff.

[16] Diese kapitalistische Ideologie dringt bis in die Vorstellung durch, eine Gesellschaft ohne Tierausbeutung sei nicht denkbar: Wird der Sektor der industriellen Nutztierhaltung als obsolet deklariert, so folgt meist der Einwand, durch die Aufgabe des Sektors entfielen Arbeitsplätze. Die Beziehungslosigkeit und Vereinzelung der Menschen auf dem Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Steigerung der Konkurrenzverhältnisse führt also dazu, dass nicht nur Produkte (hier: Tiere) innerhalb dieser Logik als bloße Mittel begriffen werden, sondern Menschen auch ihre eigene Arbeitskraft verkaufen müssen und auf dem Markt von dem Mehrwert ihres Einsatzes abhängen. Mit dem Wegfall des Produkts wird auch ihr eigener ökonomischer Wert für kapitalistische Systeme infrage gestellt. In der Konsolidierung kapitalistischer Zwangs- und Herrschaftsverhältnisse werden Individuen mit ihrer sehr spezifischen Arbeitskraft identifiziert, die, wenn der Arbeitsplatz nicht mehr besteht, aus dieser Perspektive dann einfach „wegfällt“. Dass gesellschaftliche Umwälzungen seit jeher mit Umstrukturierungen des Arbeitsmarktes einhergehen, wird dabei ignoriert.

[17] Marcuse (Anm. 4), S. 93.

[18] Ebd., S. 95.

[19] Ebd., S. 114.

[20] Ebd., S. 127.

[21] Ebd., S. 93, S. 95.

[22] Ebd., S. 94.

[23] Ebd, S. 95.

[24] Ebd., S. 99.

Ein Kommentar zu “Repressive Toleranz und Tierbefreiung – erster Teil

  1. Vielen Dank für die Arbeit! Ggf. werde ich mir den Originaltext demnächst mit Freund*innen erarbeiten. Einzig den pauschalen Bezug auf „aktuellen Reaktionen etablierter deutscher Großparteien“ finde ich problematisch. Es ist klar was gemeint ist, dennoch wäre es mir wichtig auf mit einem Wort darauf hinzuweisen, dass diese FFF und Extinction Rebellion unterschiedlich behandeln.

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