Studie: Klimaziele nur mit Reduktion der Tierbestände zu erreichen

Eine neue Studie des Öko-Instituts im Auftrag der Klima-Allianz Deutschland kommt zum Ergebnis: Die Klimaziele, die Deutschland sich vorgenommen hat, können im Bereich der Landwirtschaft nur mit einer Reduktion der Tierbestände erreicht werden; damit einhergehen muss auch ein deutlich verringerter Verbrauch von Fleisch und Milch. Die zuständige Ministerin Julia Klöckner will davon allerdings nichts wissen.

Im November 2016 verabschiedete die Bundesregierung den Klimaschutzplan 2050. Deutschlands langfristiges Ziel ist es demnach, bis zum Jahr 2050 weitgehend treibhausgasneutral zu werden – damit orientiert sich die Bundesregierung am Ziel des Pariser Abkommens, dass in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts weltweit Treibhausgasneutralität erreicht werden soll. Mittelfristiges Ziel ist das Senken der Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990. Das Bundesumweltministerium gibt sich zuversichtlich: „So wird Deutschland seinen Anteil leisten, damit das globale Ziel des Pariser Abkommens erreicht wird, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius oder sogar auf nicht mehr als 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.“

WANN, WENN NICHT JETZT

Im Klimaschutzplan heißt es: „Ein hoher Anteil an den Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft ist auf die Produktion tierischer Nahrungsmittel zurückzuführen.“ Die logische Konsequenz davon wäre, mit politischen Maßnahmen pflanzenbasierte Ernährungsstile sowie die Entwicklung veganer Alternativprodukte, die umweltfreundlicher und klimaschonender sind, zu fördern. Davon aber will die Bundesregierung nichts wissen; sie setzt nicht auf die Reduzierung der Tierzahlen, sondern verweist auf zukünftige technische Innovationen, die das Erreichen der Klimaziele möglich machen sollen: „Es besteht Forschungsbedarf zur Entwicklung einer klimaverträglicheren Tierhaltung, etwa im Bereich der Fütterung, der Züchtung sowie des betrieblichen Managements“ – man arbeite an einer „Gesamtstrategie zur Verringerung der Emissionen in der Tierhaltung bis 2021“ und werde hierzu „die Forschung verstärken“.

Die zivilgesellschaftlichen Organisationen und Verbände, die sich im Jahr 2007 zur Klima-Allianz Deutschland zusammengeschlossen haben und sich gemeinsam dafür einsetzen, dass politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine Vermeidung der menschenverursachten Treibhausgasemissionen bewirken, haben bereits im November 2018 in der Veröffentlichung Wann, wenn nicht jetzt? Das Maßnahmenprogramm Klimaschutz 2030 der deutschen Zivilgesellschaft beschrieben, welche Maßnahmen notwendig sind, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Darin heißt es:

Lachgasemissionen (N2O) aus der Düngung, Umsetzung von Stickstoff und Methanemissionen (CH4) aus der Tierhaltung sowie die Emissionen aus dem Anbau von Futtermitteln verursachen den größten Teil der Treibhausgasemissionen der deutschen Landwirtschaft. Ziel muss es daher sein, die Tierbestände in Deutschland insgesamt und vor allem an den Hotspots mit hohen Bestandsdichten deutlich zu reduzieren.

ERNÄHRUNGSWENDE

Die Bundesregierung müsse, forderte das Papier, die gesetzlichen Grundlagen dafür schaffen, dass eine flächengebundene Tierhaltung von maximal zwei Großvieheinheiten pro Hektar verbindlich vorgeschrieben und Tierhaltungsanlagen ohne entsprechende Flächen die Genehmigung verweigert werde. Die eingesetzten Futtermittel sollten, unabhängig von ihrer Herkunft aus dem In- oder Ausland, auf ihre Klimaverträglichkeit hin überprüft werden; klimaschädliche Futtermittel sollten gekennzeichnet und Anreize geschaffen werden, um ihren Einsatz zu verringern.

Außerdem solle klimafreundlicher Konsum gestärkt werden: Da ein großer Teil der ernährungsbedingten Emissionen auf den Konsum tierischer Produkte zurückgehe, sei auch auf Konsumenten-Seite, analog zur Reduktion der Tierbestände, in diesem Bereich eine deutliche Veränderung anzustreben – mit konkreten Zielen, Zeitvorgaben und Maßnahmen. Die Politik solle darauf hinwirken, dass sich der Lebensmittelkonsum stärker an Aspekten wie Gesundheitsschutz und Klimafreundlichkeit orientiert, es müssten Anreize für eine Ernährungswende geschaffen werden, so dass die Konsumenten mit ihrer Verantwortung nicht allein bleiben. „Damit eine Trendwende hin zu einer klimafreundlicheren und pflanzenorientierteren Ernährung gelingen kann, muss die Bundesregierung eine große und langfristig angelegte Informations- und Imagekampagne auf den Weg bringen und fiskalische Instrumente prüfen“, heißt es in dem Maßnahmenprogramm. Darüber hinaus böten die Ausgabe klimafreundlicher Gerichte bei Veranstaltungen und eine entsprechende Einbindung der Gemeinschaftsverpflegung in öffentlichen Kantinen Potenziale.

Die herrschende Politik denkt derzeit aber nicht daran, auf diese Weise eine Ernährungswende zu fördern. Obschon es im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung heißt: „Wir wollen vom Acker bis zum Teller einen gesundheitserhaltenden und nachhaltigen Lebensstil fördern, ernährungsmitbedingte Krankheiten bekämpfen und den gesundheitlichen Verbraucherschutz stärken“, könnte man meinen, dass diese alles tut, um vegane Ernährung zu diskreditieren und die Verbreitung nachhaltiger Lebensmittel zu erschweren. So wetterte etwa CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer auf dem CSU-Parteitag im Januar gegen vegane Ernährung – eine solche würde „das Leben für die Menschen hier zur Hölle“ machen –, und sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene kommt die Politik momentan der Fleischlobby insofern entgegen, dass sie versucht, strenge Restriktionen für die Verkehrsbezeichnungen veganer und vegetarischer Alternativprodukte durchzusetzen.

REDUKTION VON TIERPRODUKTEN

Die Klima-Allianz, die von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis getragen wird – das Spektrum der Mitglieder umfasst Kirchen, Entwicklungsorganisationen, Umweltverbände, Gewerkschaften, Verbraucherschutzorganisationen, Jugendverbände und andere Organisationen – will nach eigener Aussage „ein Gegengewicht zu den Interessen vieler Akteure aus Politik und Wirtschaft“ bilden. Dies ist auch dringend notwendig, denn das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und andere maßgebliche Institutionen sind personell und institutionell derart eng mit der Tierindustrie und ihren Lobbyorganisationen verbunden, dass sie momentan das schiere Gegenteil dessen tun, was klimapolitisch sinnvoll wäre. So setzt sich Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) beispielsweise für Schweinefleisch in Schulkantinen ein, und während Kuhmilch staatlich subventioniert und als „Grundnahrungsmittel“ mit dem ermäßigten Satz von sieben Prozent besteuert wird, beträgt der Steuersatz für pflanzliche Milchalternativen 19 Prozent.

Entsprechend kritisiert die Klima-Allianz die geplanten Maßnahmen Klöckners zur Erreichung der Klimaziele im Bereich Landwirtschaft als zu unkonkret und unzureichend. Mit dem Öko-Institut, das seinen Hauptsitz in Freiburg im Breisgau hat, hat die Allianz nun eine unabhängige Forschungseinrichtung damit beauftragt, das Maßnahmenprogramm von 2018 einer wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen deutlich, dass die Klimaziele in der Landwirtschaft nur mit einer Reduktion der Tierbestände erreicht werden können. Damit einhergehen muss ein deutlich verringerter Verbrauch von Fleisch und Milch mit reduzierten Exportmengen. Angesichts des Umstands, dass der Fleischkonsum in Deutschland deutlich über den geltenden Empfehlungen liege, lasse sich, so das Öko-Institut, die Forderung der Klima-Allianz nach einer Reduktion des Konsums tierischer Produkte nicht nur aus der Perspektive des Klimaschutzes, sondern auch aus ernährungsphysiologischer Sicht begründen.

FLEISCH UND MILCH

In der nationalen Emissionsbilanz erscheinen Veränderungen auf der Nachfrageseite nur, wenn sich auch die landwirtschaftliche Produktionsmenge um die äquivalenten Mengen ändert. Umgekehrt führt zum Beispiel die Beibehaltung des hohen Produktionsniveaus tierischer Produkte bei gleichzeitiger Verringerung des Konsums lediglich zu höheren Exporten statt zu veränderten Emissionen. Der Fleischkonsum pro Kopf liegt in Deutschland bei 60 Kilogramm im Jahr. Dies ist selbst nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), deren Ernährungsratschläge stark die Interessen der Beiräte aus der Milch- und Fleischindustrie berücksichtigen, viel zu viel: Die DGE empfiehlt einen wöchentlichen Fleischkonsum von 300 bis 600 Gramm; das entspräche einem jährlichen Fleischkonsum von 15,9 bis 31,2 Kilogramm pro Person. „Selbst der obere Wert der Empfehlung bedeutet eine Halbierung des Fleischkonsums und wäre damit ein tiefer Einschnitt in die Ernährungsgewohnheiten. Dies ist bis zum Jahr 2030 ohne die Einführung drastischer Maßnahmen nicht zu erwarten“, so die Studie. Würde der Fleischkonsum entsprechend der DGE-Empfehlung um 48 Prozent reduziert, so ließen sich 7,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente einsparen – ohne Berücksichtigung der Emissionen aus dem Futtermittelanbau.

Um weitere Emissionsreduktionen zu erreichen, sei vor allem ein Rückgang des Milchkonsums notwendig. Ein aus klimapolitischer Sicht gerechtfertigtes Minderungsziel für den Milchkonsum könnte sich, so das Öko-Institut, aktuell am unteren Ende der DGE-Empfehlung orientieren – weitergehende Forderungen könnten „politisch derzeit schwer unterstützt werden“. In anderen Ländern, wie beispielsweise Kanada, sei die Diskussion schon weiter fortgeschritten: Dort werde diskutiert, inwieweit Milch überhaupt noch in die Ernährungspyramide aufgenommen werden sollte. Durch eine Verringerung des Milchkonsums entsprechend der minimalen DGE-Empfehlung ließen sich die Milchkuhbestände gegenüber 2016 um 23 Prozent reduzieren und Emissionen in Höhe von etwa vier Millionen Tonnen CO2-Äquivalente einsparen. Aus den Zahlen werde auch deutlich, „wie wichtig und wirksam die kombinierte Reduktion von Milch und Fleisch“ sei: Die Treibhausgase sinken bei einer Halbierung des Fleischkonsums in derselben Größenordnung wie bei der Verringerung des Fleisch- und Milchkonsums um jeweils 25 Prozent.

IGNORANZ AUFSEITEN DER POLITIK

Zusammenfassend stellt die Studie fest, dass „die Minderungsziele nur erreicht werden, wenn Maßnahmen zu einer Reduktion der Tierbestände eingeführt werden“. Es fehle allerdings noch eine „geeignete politische Umsetzungsform“. Genau an diesem Punkt scheitern solche Forderungen: Bei den verantwortlichen Politikern stößt man damit auf taube Ohren. Gerade was Exporte angeht, müsste die Politik regulierend eingreifen. Denn es nützt nichts, wenn der Konsum tierischer Produkte im Inland sinkt, die Überschüsse dann aber einfach exportiert werden. Bei Schweinefleisch und Milchprodukten sind die Nettoexporte in den letzten Jahren deutlich angestiegen – sie entsprechen etwa 20 Prozent des inländischen Verbrauchs. Steigende Exporte waren in den vergangenen Jahren sogar der wichtigste Grund für wachsende Tierbestände und Emissionen. Was das angeht, so kann der Verbraucher nichts ändern – die Politik müsste hier aktiv werden. Doch hierzu fehlt der Wille.

Statt auf eine Reduktion der Tierbestände setzt Julia Klöckner auf zwei Instrumente, deren Wirkung sie, so die Kritik der Klima-Allianz, auch noch überschätze: Die Düngeverordnung und die Vergärung von Wirtschaftsdünger in Biogasanlagen. Das Agrarministerium erwartet dadurch eine Einsparung von bis zu 3,5 Millionen Tonnen CO2 bis 2030 – mit der bestehenden Düngeverordnung sei, wie es in der Pressemitteilung des Zusammenschlusses zum Thema heißt, aber nur eine Einsparung von zwei Millionen Tonnen zu erwarten. Die Klima-Allianz urteilt:

Das Maßnahmenpaket, das Ministerin Klöckner vorsieht, basiert offenbar auf unrealistischen Annahmen und reicht nicht aus, das Klimaziel zu erreichen. Die Emissionen aus der Tierhaltung machen einschließlich der Futterproduktion rund 70 Prozent aller Agraremissionen aus. Nur mit einer Abstockung der Tierbestände können die Klimaziele in der Landwirtschaft erreicht werden. Das ist das zentrale Ergebnis der Studie. Ministerin Klöckner schließt diese Option jedoch kategorisch aus.

Die Studie des Öko-Instituts ist auf der Website der Klima-Allianz vollständig einsehbar.

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