Die Tiere Rosa Luxemburgs – zweiter Teil

Viel ist über Rosa Luxemburg gesagt und geschrieben worden. Dieser Text richtet seinen Fokus auf ein Thema, das nicht oft thematsiert wird: Ihr Verhältnis zu Tieren. Dieses war bestimmt von einer natürlich empfundenen, grundsätzlichen Verbundenheit mit allen fühlenden Wesen; man kann von einem Solidaritätskonzept sprechen, für das Speziesgrenzen kaum zu existieren scheinen.

Mai 1917: Rosa Luxemburg ist in Wronke inhaftiert. Der Ort, zu deutsch „Krähenwinkel“, liegt in dem von Preußen annektierten und dem Deutschen Reich eingegliederten polnischen Gebiet. Am 1. Mai liest sie dort über die Ursachen des Schwindens von Singvögeln: Die zunehmende rationelle Forst- und Gartenkultur, der Ackerbau, der den Vögeln die natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen entzieht. An ihre Freundin Sophie Liebknecht schreibt sie: „Mir war es so weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, dass ich weinen musste.“ Sogleich stellt sie eine Verbindung her mit dem Schicksal der Indigenen Nordamerikas, die genauso „von ihrem Boden verdrängt und einem stillen, grausamen Untergang preisgegeben“ würden. Weiter heißt es in dem Brief:

Aber ich bin ja natürlich krank, dass mich jetzt alles so tief erschüttert. Oder wissen Sie? Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin kein richtiger Mensch, sondern auch irgendein Vogel oder ein anderes Tier in misslungener Menschengestalt; innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als – auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles ruhig sagen: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den „Genossen“. Und nicht etwa, weil ich in der Natur, wie so viele innerlich bankrotte Politiker, ein Refugium, ein Ausruhen finde. Im Gegenteil, ich finde auch in der Natur auf Schritt und Tritt so viel Grausames, dass ich sehr leide.

Schläfenschuss

Tatsächlich stirbt Rosa Luxemburg nicht einmal zwei Jahre später in der Revolution: Nachdem sie und Karl Liebknecht im Berliner Hotel Eden verhört und misshandelt worden sind, gibt der rechte Freikorps-Offizier Waldemar Pabst den Befehl, sie zu töten – mit Wissen und Duldung der SPD-Regierung: In seinem Tagebuch notiert Pabst, dass er vor den Morden mit der Reichskanzlei telefoniert und Rückendeckung von Gustav Noske, dem ersten sozialdemokratischen Minister mit der Zuständigkeit für das Militär in der deutschen Geschichte, erhalten hat. „Sie sind vom gleichen Schlag derer, die im Breslauer Gefängnis Büffel blutig schlugen oder Gefangene bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten“, so der 2017 verstorbene französische Historiker und Politiker Max Gallo in seiner Luxemburg-Biografie über ihre Mörder. Sie wird mit einem Gewehrkolben niedergeschlagen. Bei ihrem Abtransport springt der Freikorps-Leutnant Hermann Souchon auf den Wagen auf und erschießt die Schwerverletzte mit einem aufgesetzten Schläfenschuss. Die Leiche wird im Berliner Landwehrkanal entsorgt. Rosa Luxemburgs letzter Artikel in der Roten Fahne mit dem Titel Die Ordnung herrscht in Berlin endet mit den Worten: „Ihr stumpfen Schergen! Eure ‚Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höh‘ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“

Für den Schriftsteller Alfred Döblin war klar, wer von dem Mord profitierte. Im dritten Band seines Werks November 1918: Eine deutsche Revolution (1949/50), der den Titel „Karl und Rosa“ trägt, heißt es: „Friedrich Ebert versah nicht mehr das bescheidene Amt eines Volksbeauftragten, an dem noch die rote Farbe der Revolution klebte. Es war ihm gelungen, auch den letzten Rest dieser Schminke abzuwischen, und er stand am Ziel seiner Wünsche. Die Nationalversammlung legte ihm die bequeme bürgerliche Toga eines Reichspräsidenten um.“ Döblin bringt die Misshandlung und Ermordung Rosa Luxemburgs stilistisch mit ihrer Beobachtung in Breslau in Verbindung – eine Stelle aus seinem Roman lautet:

Liebe Sonja, es waren schöne rumänische Büffel, sie waren an Freiheit gewöht, das eine Tier blutete und schaute vor sich wie ein verweintes Kind, das nicht weiß, wie der Qual entgehen. Aber so ist das Leben, Sonja. Man muss es tapfer nehmen, trotz alledem. Der Soldat mit dem jungen, roten Gesicht unter dem Stahlhelm erwartete sie (…). Er schwingt den Kolben über sich und schmetterte ihn über ihren Schädel mit solcher Wucht, dass es kracht und sie wie ein gefälliges Tier zugleich mit dem Kolben zu Boden geht.

Boykott

Der Bewegung zur Befreiung der Tiere kann die speziesübergreifende Solidarität, die Verbundenheit, die Rosa Luxemburg mit allen leidenden Wesen fühlte – an Hans Diefenbach schrieb sie am 7. Januar 1917: „Sie wissen, ich fühle und leide mit jeglicher Kreatur“ –, heute Inspiration sein. Aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbar ist, dass Rosa Luxemburg keine Verbindung herstellte zwischen dieser Empfindung und eigenem Konsum von Tierprodukten. Von Boykotten hielt sie im Allgemeinen nichts: Als während der Proteste gegen die Lebensmittelteuerung in Württemberg – am 15. September 1912 versammelten sich in Stuttgart insgesamt annähernd 10.000 Menschen, um gegen die Erhöhung der Fleischpreise zu protestieren – ein Fleisch- und Wurstboykott beschlossen wurde, kommentierte sie das in einem Brief an Clara Zetkin als „Hornidee“: „Rein kleinbürgerliches Kampfmittel, individuelle Aktion statt Massenaktion“, sei ein solcher Boykott.

Ein Stück weit hat sie sicher Recht: Boykotte sind in der kapitalistischen Gesellschaft tatsächlich nur begrenzt wirksam. Marco Maurizi von liberazioni sagte dazu einmal in einem Interview: „Es ist eine Illusion, dass keine Tiere mehr für einen getötet werden, solange man Teil dieser Gesellschaft ist. Die kapitalistische Gesellschaft funktioniert zwar durch die Individuen, aber sie funktioniert auch auf einer höheren Ebene durch Strukturen, welche die Individuen nicht kontrollieren können, sondern diese durch die Strukturen kontrolliert werden.“ Allerdings glaubt der italienische Philosoph auch, dass es nicht sinnlos ist, individuell so zu handeln, wie man sich eine freie Gesellschaft vorstellt: „Eine Gesellschaft, in der es keine Herrschaft über Menschen und Tiere gibt, ist eine Gesellschaft ohne Fleischindustrie, ohne Tierversuche, usw. Der Veganismus ist, meiner Meinung nach, die einzige Möglichkeit eine solche Gesellschaft vorzusehen und praktisch zu beweisen, dass sie möglich ist.“

Es kommt aber darauf an, nach diesem individuellen Schritt nicht stehenzubleiben und auch politisch etwas zu bewirken. Wir Heutigen, die wir inzwischen nur allzu gut auch um die humanen und ökologischen Katastrophen wissen, welche die Ausbeutung der Tiere mit sich gebracht hat, sollten darauf hinwirken, dass sie, wie auch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, beendet wird. Dazu ist zunächst notwendig, dass diese Forderung integraler Bestandteil emanzipatorischer Programmatik und Praxis wird. Dabei kann uns Solidarität, die über Speziesgrenzen hinausweist, wie sie von Rosa Luxemburg geübt wurde, Vorbild sein. Denn noch immer ist die Gesellschaft großenteils von dem „Stumpfsinn Tieren gegenüber“, den bereits Luxemburg beklagte, beherrscht, und auch wir Heutigen müssen damit zurechtkommen.

Unsentimental

Jenen, die das Anliegen der Tierbefreiung als „unpolitisch“ abtun und in diesem Fall vielleicht die Solidarität, welche die Revolutionärin gegenüber Tieren empfand, als „sentimental“ von sich weisen, sei noch mit Karl Kraus geantwortet. Kraus hatte den Brief Rosa Luxemburgs über die misshandelten Büffel im Juli 1920 in der Zeitschrift Die Fackel veröffentlicht, in seinem Geleitwort hatte er geschrieben: „Schmach und Schande jener Republik, die dieses im deutschen Sprachbereich einzigartige Dokument von Menschlichkeit und Dichtung nicht allem Fibel- und Gelbkreuzchristentum zum Trotz zwischen Goethe und Claudius in ihre Schulbücher aufnimmt und nicht zum Grausen vor der Menschheit dieser Zeit der ihr entwachsenden Jugend mitteilt, dass der Leib, der solch eine hohe Seele umschlossen hat, von Gewehrkolben erschlagen wurde. Die ganze lebende Literatur Deutschlands bringt keine Träne wie die dieser jüdischen Revolutionärin hervor und keine Atempause wie die nach der Beschreibung der Büffelhaut: ‚und die ward zerrissen‘.“

Daraufhin ging eine anonyme „Antwort an Rosa Luxemburg von einer Unsentimentalen“ ein – inzwischen ist bekannt, dass sie von einer Adligen aus Innsbruck namens Ida von Lill-Rastern von Lilienbach stammte. Diese stellte in ihrem Brief Spekulationen darüber an, um „wie viel ersprießlicher und erfreulicher das Leben der Luxemburg verlaufen wäre, wenn sie sich statt als Volksaufwieglerin etwa als Wärterin in einem Zoologischen Garten od. dgl. betätigt hätte“, und schrieb: „Was die etwas larmoyante Beschreibung des Büffels anbelangt, so will ich es gern glauben, dass dieselbe ihren Eindruck auf die Tränendrüsen der Kommerzienrätinnen u. der ästhetischen Jünglinge in Berlin, Dresden u. Prag nicht verfehlt hat. Wer jedoch, wie ich, auf einem großen Gute Südungarns aufgewachsen ist, u. diese Tiere, ihr meist schäbiges, oft rissiges Fell u. ihren stets stumpfsinnigen ‚Gesichtsausdruck‘ von Jugend auf kennt, betrachtet die Sache ruhiger.“ Der Gebrauch der Peitsche sei normal:

Letzteres wird wohl – wenn es nicht gar zu roh geschieht bei Zugtieren ab u. zu unerlässlich sein, da sie bloßen Vernunftgründen gegenüber nicht immer zugänglich sind, – ebenso wie ich Ihnen als Mutter versichern kann, dass eine Ohrfeige bei kräftigen Buben oft sehr wohltätig wirkt! Man muss nicht immer das Schlimmste annehmen u. die Leute (u. die Tiere) prinzipiell nur bedauern, ohne die näheren Umstände zu kennen. Das kann mehr Böses als Gutes anrichten. – Die Luxemburg hätte gewiss gerne, wenn es ihr möglich gewesen wäre, den Büffeln Revolution gepredigt u. ihnen eine Büffel-Republik gegründet, wobei es sehr fraglich ist, ob sie imstande gewesen wäre, ihnen das – von ihr – geträumte Paradies mit „schönen Lauten der Vögel u. melodischen Rufen des Hirten“ zu verschaffen u. ob die Büffel auf Letzteres so besonderes Gewicht legen. Es gibt eben viele hysterische Frauen, die sich gern in Alles hineinmischen u. immer Einen gegen den Anderen hetzen möchten; sie werden, wenn sie Geist und einen guten Stil haben, von der Menge willig gehört u. stiften viel Unheil in der Welt, so dass man nicht zu sehr erstaunt sein darf, wenn eine solche, die so oft Gewalt gepredigt hat, auch ein gewaltsames Ende nimmt.

Büffel-Republik

Karl Kraus antwortete ausführlich auf diesen Brief. Er schrieb unter anderem, er sei der Meinung, „dass die Menschlichkeit, die das Tier als den geliebten Bruder anschaut, doch wertvoller ist als die Bestialität, die solches belustigend findet“, und dass neben dem Brief der Rosa Luxemburg, „wenn sich die sogenannten Republiken dazu aufraffen könnten, ihn durch ihre Lesebücher den aufwachsenden Generationen zu überliefern“, auch gleich der Brief dieser Megäre abgedruckt werden müsste, um der Jugend nicht allein Ehrfurcht vor der Erhabenheit der menschlichen Natur beizubringen, sondern auch Abscheu vor ihrer Niedrigkeit. Weiter heißt es in seiner öffentlichen Antwort:

Denn es ist jene ekelhafte Gewitztheit, die die Herren der Schöpfung und deren Damen „von Jugend auf“ Bescheid wissen lässt, dass im Tier nichts los ist, dass es in demselben Maße gefühllos ist wie sein Besitzer, einfach aus dem Grund, weil es nicht mit der gleichen Portion Hochmut begabt wurde und zudem nicht fähig ist, in dem Kauderwelsch, über welches jener verfügt, seine Leiden preiszugeben. Weil es vor dieser Sorte aber den Vorzug hat, „bloßen Vernunftgründen gegenüber nicht immer zugänglich“ zu sein, erscheint ihr der Peitschenstiel „wohl ab und zu unerlässlich“. Wahrlich, sie verwendet ihn bloß aus dumpfer Wut gegen ein unsicheres Schicksal, das ihr selbst ihn irgendwie vorzubehalten scheint! Sie ohrfeigen auch ihre Kinder nur, deren Kraft sie an der eigenen Kraft messen, oder lassen sie von sexuell disponierten Kandidaten der Theologie nur darum mit Vorliebe martern, weil sie vom Leben oder vom Himmel irgendwas zu befürchten haben. Dabei haben die Kinder doch den Vorteil, dass sie die Schmach, von solchen Eltern geboren zu sein, durch den Entschluss, bessere zu werden, tilgen oder andernfalls sich dafür an den eigenen Kindern rächen können. Den Tieren jedoch, die nur durch Gewalt oder Betrug in die Leibeigenschaft des Menschen gelangen, ist es in dessen Rat bestimmt, sich von ihm entehren zu lassen, bevor sie von ihm gefressen werden. Er beschimpft das Tier, indem er seinesgleichen mit dem Namen des Tiers beschimpft, ja die Kreatur selbst ist ihm nur ein Schimpfwort. Über nichts mehr ist er erstaunt, und dem Tier, das es noch nicht verlernt hat, erlaubt ers nicht. Das Tier darf so wenig erstaunt sein über die Schmach, die er ihm antut, wie er selbst; und wie nur ein Büffel nicht über Breslau staunen soll, so wenig staunt der Gutsbesitzer, wenn der Mensch ein gewaltsames Ende nimmt. Denn wo die Welt für ihre Ordnung in Trümmer geht, da finden sie alles in Ordnung. Was will die gute Luxemburg? Natürlich, sie, die kein Gut besaß außer ihrem Herzen, die einen Büffel als Bruder betrachten wollte, hätte gewiss gern, wenn es ihr möglich gewesen wäre, den Büffeln Revolution gepredigt, ihnen eine Büffel-Republik gegründet (…). Leider wäre es ihr absolut nicht gelungen, weil es eben auf Erden ja doch weit mehr Büffel gibt als Büffel!

Lebensrausch

Auf dem SPD-Parteitag 1899 in Hannover sagte Rosa Luxemburg am 11. Oktober: „Die Genossen, die glauben, in Ruhe, ohne Kataklysmus, die Gesellschaft in den Sozialismus hinüberleiten zu können, stehen durchaus nicht auf historischem Boden. Wir brauchen durchaus nicht in der Revolution Heugabeln und Blutvergießen zu verstehen. Eine Revolution kann auch in kulturellen Formen verlaufen, und wenn je eine dazu Aussicht hatte, so ist es gerade die proletarische; denn wir sind die letzten, die zu Gewaltmitteln greifen, die eine brutale Revolution herbeiwünschen könnten. Aber solche Dinge hängen nicht von uns ab, sondern von unseren Gegnern.“ Dass der Vollzug der sozialen Umwälzung, der notwendig ist, um wahre Emanzipation zu erreichen, sehr wahrscheinlich weitere leidvolle Erfahrungen produziert – dessen war Rosa Luxemburg sich vollkommen bewusst. In der ihr eigenen Art und Weise aber verstand sie es, das Leiden nicht zu dem ihr Denken bestimmenden Faktor werden zu lassen: Sie lebte, wie sie schreibt, „ständig in einem freudigen Rausch“, ihre grundsätzlich lebensfreudige und lebensbejahende Einstellung wurde durch missliche äußere Umstände kaum berührt. Die aus ihrem Marxismus resultierende materialistische Geschichtsauffassung, zu der das Bewusstsein gehört, als Mensch aus der Natur zu stammen, selbst Natur zu sein, und die daraus abgeleitete tief empfundene Verbundenheit mit den zahlreichen anderen Wesen, welche die Natur neben dem Menschen hervorgebracht hat, half ihr, davon abzusehen, Fragen nach dem Sinn des Leidens zu stellen und vermochte ihr Trost und Zuversicht zu spenden. An Sophie Liebknecht schrieb sie:

Sonjuscha, Sie sind erbittert über meine lange Haft und fragen: „Wie kommt das, dass Menschen über andere Menschen entscheiden dürfen. Wozu ist das alles?“ (…) Mein Vöglein, die ganze Kulturgeschichte der Menschheit, die nach bescheidenen Schätzungen einige zwanzig Jahrtausende zählt, basiert auf der „Entscheidung von Menschen über andere Menschen“, was in den materiellen Lebensbedingungen tiefe Wurzeln hat. Erst eine weitere qualvolle Entwicklung vermag dies zu ändern, wir sind ja gerade jetzt Zeugen eines dieser qualvollen Kapitel, und Sie fragen: „Wozu das alles?“ „Wozu“ ist überhaupt kein Begriff für die Gesamtheit des Lebens und seine Formen. Wozu gibt es Blaumeisen auf der Welt? Ich weiß es wirklich nicht, aber ich freue mich, dass es welche gibt.

Dennoch war sie sich der ganzen Ungerechtigkeit der momentanen Gesellschaft stets bewusst und verdrängte dieses Wissen und auch die Wut darüber nicht. Sie schrieb, sie habe das Gefühl, „dass dieser ganze moralische Schlamm, durch den wir waten, dieses große Irrenhaus, in dem wir leben, auf einmal, so von heute auf morgen wie durch einen Zauberstab ins Gegenteil umschlagen, in ungeheuer Großes und Heldenhaftes umschlagen kann“ – dann aber würden genau dieselben Leute, „die jetzt den Namen Mensch in unseren Augen schänden, im Heroismus mitrasen und alles Heutige wird weggewischt und vertilgt und vergessen sein, wie wenn es nie gewesen wäre“. Sie müsse bei diesem Gedanken lachen, und zugleich rege sich in ihr das Gefühl der Ungerechtigkeit: „Wie, diese, alle Schurkereien sollen vergessen und unbestraft bleiben, und der heutige Auswurf der Menschheit soll morgen mit gehobenem Haupt, womöglich mit frischen Lorbeeren gekrönt, auf den Höhen der Menschheit wandeln und die höchsten Ideale verwirklichen helfen? Aber so ist Geschichte. Ich weiß ganz genau, dass die Abrechnung nach ‚Gerechtigkeit‘ niemals stattfindet und dass man schon so alles hinnehmen muss.“ Sie war sich vollkommen darüber bewusst, dass alle Ungerechtigkeiten „sich in dem Wust historischer unbeglichener Rechnungen“ verlieren.

Verbindungen

Dennoch ist der Tenor der Briefe aus dem Gefängnis erstaunlich zuversichtlich: „Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt“, so die Gefangene. Inhaftiert, von der ganzen Welt isoliert, fühlte sie sich umso stärker verbunden mit allen Wesen, die des Leidens fähig sind – mit menschlichen und nichtmenschlichen Tieren. Wieder an Sophie Liebknecht heißt es in einem Brief:

Ich sage mir vergeblich, dass es lächerlich ist, dass ich ja nicht für alle hungrigen Haubenlerchen der Welt verantwortlich bin und nicht um alle geschlagenen Büffel – wie die, die hier täglich mit Säcken auf den Hof kommen – weinen kann. Das hilft mir nichts, und ich bin förmlich krank, wenn ich solches höre und sehe. Und wenn der Star, der bis zum Überdruss den ganzen lieben Tag irgendwo in der Nähe sein aufgeregtes Geschwätz wiederholt, wenn er für einige Tage verstummt, habe ich wieder keine Ruhe, dass ihm was Böses zugestoßen sein mag, und warte gequält, dass er seinen Unsinn nur weiter pfeift, damit ich weiß, dass es ihm wohlergeht. So bin ich aus meiner Zelle nach allen Seiten durch unsichtbare, feine Fäden an tausend kleine und große Kreaturen geknüpft und reagiere auf alles mit Unruhe, Schmerz, Selbstvorwürfen … Sie gehören auch zu all diesen Vögeln und Kreaturen, um die ich von weitem innerlich vibriere. Ich fühle, wie Sie darunter leiden, dass Jahre unwiederbringlich vergehen, ohne dass man ‚lebt‘. Aber Geduld und Mut! Wir werden noch leben und Großes erleben. Jetzt sehen wir vorerst, wie eine ganze alte Welt versinkt – jeden Tag ein Stück, ein neuer Abrutsch, ein neuer Riesensturz … Und das Komischste ist, dass die meisten es gar nicht merken und glauben, noch auf festem Boden zu wandeln.

Mit ihren Worten hat sie viele Spätere inspiriert. An dieser Stelle sei nur noch ein kurzes Gedicht von Paul Celan mit dem Titel „Coagula“ (1967) erwähnt. Es lautet: „Auch deine / Wunde, Rosa. / Und das Hörnerlicht deiner / rumänischen Büffel / an Sternes Statt überm / Sandbett, im / redenden, rot- / aschengewaltigen / Kolben.“ Coagulum – das ist ein Blutgerinnsel. In der alchemistischen Schlüsselformel „Solve et Coagula“ („Löse und Verbinde“) hat das Wort die Bedeutung „verbinden“. „Der Kolben“ – diesen Gesamttitel hat Celan zeitweise für seinen dann als Fadensonnen (1968) bekannt gewordenen Gedichtband erwogen. „Als Gewehrkolben ist es Mordwaffe an Rosa Luxemburg, als hitzebeständiges Glasgefäß Ort alchimistischer Coagulation“, kommentiert die Celan-Kennerin Barbara Wiedemann. Das bedeutet: Analysieren, trennen, um dann wieder zusammenzuführen, auf einer höheren Stufe zu verbinden. Dieser Prozess könnte auch den Versuch Luxemburgs beschreiben, angesichts der Barbarei des Krieges eine neue, menschlichere Gesellschaft zu denken und zu verwirklichen. Nur der „Kolben“ konnte das verhindern.

Zum ersten Teil des Artikels.

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