Die Tiere Rosa Luxemburgs – erster Teil

Heute ist der Geburtstag von Rosa Luxemburg – sie wurde am 5. März 1871 in Zamość im Königreich Polen geboren. Gestorben ist sie vor 100 Jahren – am 15. Januar 1919 wurde sie in Berlin ermordet. Dieser Text richtet seinen Fokus auf ein Thema, das im Zusammenhang mit Luxemburg nicht oft thematsiert wird: Ihr Verhältnis zu Tieren.

Rosa Luxemburg: Marxistische Theoretikerin, bedeutende Vertreterin des proletarischen Internationalismus, Antimilitaristin, Gründungsmitglied der KPD, Revolutionärin – am 15. Januar 1919 ermordet. Zuvor, während des Ersten Weltkriegs, hatte sie insgesamt drei Jahre und vier Monate in verschiedenen Gefängnissen verbracht, bis sie im November 1918 im Zuge der Novemberrevolution befreit wurde und nach Berlin zurückkehren konnte. Als Mitherausgeberin der Zeitung Die Rote Fahne nahm sie täglich Einfluss auf die Entwicklung der Revolution. In einem ihrer ersten Artikel forderte sie die Amnestie aller politischen Gefangenen und die Abschaffung der Todesstrafe. Denn eine ihrer Grundüberzeugungen war, wie sie einmal in einem Brief schrieb: „Ich weiß, für jeden Menschen, jede Kreatur, ist eigenes Leben das einzige, einmalige Gut, das man hat, und mit jedem kleinen Flieglein, das man achtlos zerdrückt, geht die ganze Welt jedesmal unter; für das brechende Auge dieses Fliegleins ist alles so gut aus, als wenn der Weltuntergang alles Leben vernichtete.“

Der Historiker, Philosoph und Kulturwissenschaftler Moshe Zuckermann interpretiert das Denken und Handeln Rosa Luxemburgs als visionären Kampf um Versöhnung von Mensch und Natur. Ihr Leben und ihr Tod stehen für ihn „im Zeichen einer gedachten wie gelebten Aufbäumung gegen erlittenes Leid von Mensch und Tier, der existenziellen Weigerung, sich mit den Repressionsstrukturen fehlgelaufener zivilisatorischer Entwicklung abzufinden und zu versöhnen“. Ihren Kampf um Befreiung und Freiheit der Leidenden in Gesellschaft und Natur, den Kampf gegen menschgemachte Repression, habe Rosa Luxemburg mit selbsterfahrener Repression, die in der Auslöschung ihres Lebens gemündet sei, bezahlt. „Dieser Preis steht für etwas, das über das grauenvolle Ende der Revolutionärin hinausgeht: das unweigerlich mitzubedenkende Opfer, welches man der Emanzipation darzubieten hat, wenn es darum geht, ein menschliches Dasein zu schaffen, in dem Leid von Mensch und Tier historisch überwunden wären.“

Solidarität

Ein Ausspruch Rosa Luxemburgs lautet: „Rücksichtsloseste revolutionäre Tatkraft und weitherzigste Menschlichkeit, dies allein ist der wahre Odem des Sozialismus. Eine Welt muss umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage; und ein zu wichtigem Tun eilender Mensch, der aus roher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, begeht ein Verbrechen.“ – Ihr zu entgegnen, die Revolution habe eben ihren Preis und der Mensch müsse schließlich essen, hieße nach Zuckermann nichts weniger, als die fundamentale Weigerung, Leiden in welcher Form auch immer zu akzeptieren, preiszugeben. Empathie und Leiderfahrung seien bei Rosa Luxemburg ein zentrales Moment, sie sei sogar der Überzeugung gewesen, dass es keine Emanzipation des Menschen ohne Emanzipation der Natur geben könne. Zuckermann plädiert deshalb dafür, die theoretische Forderung nach internationaler Solidarität um den Komplex umfassender Leiderfahrung zu erweitern. Bei der Entwicklung neuer sozialistischer Perspektiven müsse ein Umstand Beachtung finden: Dass unsere Zivilisation „die industrielle Menschen- und Tiervernichtung zur kultur-barbarischen Perfektion getrieben hat“, wie es der Philosoph in seinem Aphorismus Zertretener Wurm (2010) ausdrückt. Diesen hat er damals als Solidaritätsbekundung für in Österreich vor Gericht stehende Tierbefreiungsaktivisten veröffentlicht – dem Prozess vorausgegangen war eine Großrazzia der österreichischen Polizei am 21. Mai 2008: Bewaffnete Spezialeinheiten stürmten damals 23 Wohnungen, Häuser und Büros, die mit Tierrechtsaktivitäten in Verbindung gebracht werden, begründet wurde der Rundumschlag mit dem Vorwurf der „Bildung einer kriminellen Organisation“. Auf den Einwand, man solle da tunlichst Mensch und Tier auseinanderhalten, antwortet Zuckermann: „Wann hätte das selbstherrlich argumentierte Auseinanderhalten die Menschen je davon abgehalten, sich gegenseitig so abzuschlachten, ‚als wären sie Tiere‘?“

Die Aufgabe der Tierbefreiungsbewegung muss sein, darauf aufmerksam zu machen, dass die Forderung nach Emanzipation im Zuge einer sozialen Umwälzung diejenigen nicht ausschließen darf, die in unserem Gesellschaftsbau ganz unten angesiedelt sind – in der „Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft“, wie es Max Horkheimer in seinem Aphorismus Der Wolkenkratzer von 1934 ausdrückt, in dem er als „Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart“ die Metapher eines Hauses benutzt, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei. Dieses Haus „gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht“ – wir sollten unsere Augen aber vor dem Blick nach unten nicht verschließen. Dabei kann sich unsere Solidarität nicht nur auf andere Menschen beschränken, genauso wenig, wie unser Bestreben sich nicht nur auf das Wohl nichtmenschlicher Tiere richten sollte – denn damit hätten wir jeweils lediglich Teilaspekte des Ausbeutungsapparates im Auge. Die Tierbefreiungsbewegung kämpft gegen Tierausbeutung, ohne dabei die Befreiung der Menschen aus dem Auge zu verlieren; sie übt damit, wenn man so will, eine umfassende „Solidarität mit den quälbaren Körpern“ (Theodor W. Adorno).

Trotz Alledem

Eine Betrachtung, die sich der Frage widmet, welche Rolle Tiere in der Erfahrungswelt Rosa Luxemburgs gespielt haben, wäre nicht vollständig, fände die Katze Mimi keine Erwähnung. Aus der Zeit zwischen 1907 und 1915, als sie eine Liebesbeziehung zu Kostja Zetkin pflegte, gibt es kaum einen Brief an den Geliebten, in dem nicht auch über die Katze berichtet wird; die meisten Briefe enden außerdem mit Wendungen wie „Wir grüßen Dich“ , „Wir küssen Dich beide“ oder „Liebling, sei heiter, ich küsse dich auf den süßen Schnabel, Mimi auch“. Im Rahmen eines solchen Briefes vom 5. Juli 1910 übt Rosa Luxemburg übrigens auch Kritik an der Jagd, indem sie sich über den Berliner Arzt Arthur Süßmann mokiert: „Denk Dir, der dumme Süßmann, der ein großer Jäger vor Jehova ist, sagte mir, als er Mimi sah, er hätte erst neulich etwa ein Dutzend Katzen erschossen (…). Die Bauern beklagten sich über dieses Niederknallen der Katzen, aber die Herren Jäger aus Berlin glauben sich im Recht, ‚dem Wildschaden‘ zu wehren.“

Als sie 1917 in der Festung Wronke (Posen) inhaftiert ist, schreibt sie ihrer Freundin Sophie Lieknecht, der Frau von Karl Liebknecht, der im Zuchthaus Luckau als „Landesverräter“ einsaß, sie habe den „heroischen Entschluss“ gefasst, Mimi nicht zu sich ins Gefängnis kommen zu lassen, denn diese sei „gewöhnt an Munterkeit und Leben, sie hat es gern, wenn ich singe, lache und mit ihr durch alle Zimmer Haschen spiele, sie würde mir hier ja trübsinnig werden“. Das mag wohl eine schwere, aber sicher richtige Entscheidung gewesen sein, vergegenwärtigt man sich die Lebensbedingungen in Haft. Rosa Luxemburg vergleicht ihre eigene Situation als Inhaftierte mit jener eines Tiers im Käfig oder „eines wilden Tieres im Zoo“, ihr Herz sei „schon gewöhnt, zu parieren wie ein gut dressierter Hund“. Dennoch betont sie ihrer Freundin gegenüber, die sie mit den Kosenamen „Sonitschka“ und „Sonjuscha“ anschreibt, stets, sie sei guter Dinge, und ermahnt auch sie: „Bleiben Sie ruhig und heiter, trotz alledem!“

Rosa Luxemburg war vom 10. Juli bis zum 26. Oktober 1916 in Berlin inhaftiert, im Polizeigefängnis am Alexanderplatz und im Frauengefängnis in der Barnimstraße. Im Herbst wurde sie nach Wronke verlegt. Der Ort, zu deutsch „Krähenwinkel“, lag in dem von Preußen annektierten und dem Deutschen Reich eingegliederten polnischen Gebiet. Im Juli 1917 schließlich wurde sie in die Breslauer Gefängnisanstalt überführt. Die Briefe, die sie im Gefängnis geschrieben hat, legen Zeugnis ab von ihrer Zuversicht und Stärke, die sie sich auch in misslichen Lagen immer bewahrt hat.

Empathie

Darüber hinaus zeigt sich in ihnen ihre fast grenzenlose Empathie gegenüber Tieren, die sich in einer Sprache ausdrückt, die frei von speziesistischen Wendungen ist: Betrachtet man Formulierungen wie beispielsweise „Gestern, am 1. Mai, begegnete mir – raten Sie wer? – ein strahlender frischer Zitronenfalter!“ wird deutlich, dass Rosa Luxemburg Tieren keineswegs als bloßes Exemplar oder als Objekt von Studien begegnet; im Gegenteil nimmt sie sie stets als Individuen wahr. Dies kommt bereits in früheren Briefen deutlich zum Ausdruck. So schrieb sie etwa im Dezember 1914 an Kostja Zetkin: „Wir haben viele Freunde in diesem Jahr verloren: Jaurès, Faisstling und das kleine Kätzlein. Das war ein böses Jahr.“ Der französische Sozialist Jean Jaurès war am 31. Juli in Paris ermordet worden, der Heilbronner Rechtsanwalt Hugo Faisst war am 30. Juli gestorben, bei der Katze handelte es sich um eine der Katzen der Familie Zetkin – im November hatte Rosa Luxemburg durch einen Brief von Kostja Zetkin zuerst erfahren, dass sie krank geworden, und in einem zweiten Brief, dass sie gestorben war. Wie man aus einem Brief Rosa Luxemburgs vom 12. Juni 1916 an Clara Zetkin entnehmen kann, gab es unter den Tieren, die bei den Zetkins lebten, in der Folgezeit noch weitere Todesfälle; sie schreibt: „Wir haben in diesen zwei Jahren so viele Freunde verloren: Faisst, die Mimige, den kleinen Peterling, jetzt Wölfer; auch den lieben dummen Troll. Sie werden alle nicht vergessen.“

In der Haft beschäftigt sich Rosa Luxemburg, wie sie schreibt, viel mit Pflanzen- und Tiergeografie. Auch ihren Freundinnen Sophie Liebknecht und Mathilde Jacob rät sie, viel im Freien zu sein, zu „botanisieren“. Sie selbst kann das nur begrenzt. In ihrer Haftzeit in Wronke besteht immerhin die Möglichkeit, Zuflucht in einen kleinen Garten zu nehmen; diese nutzt sie intensiv: „Ich bin jetzt fast den ganzen Tag draußen, schlendre in den Sträuchern herum, suche alle Winkel meines Gärtleins ab und finde allerlei Schätze“, schreibt sie am 2. Mai 1917. Im Garten begegnen ihr die verschiedensten Tiere. Am 5. April schreibt sie über Wespen: „Sie tun mir nie was, setzen sich mir im Freien sogar auf die Lippen, was sehr kitzelt“; am 13. April weiß sie zu berichten: „Zu uns sind jetzt viele Zwergmäuse vom Feld ins Gefängnis hineingekommen, weil es draußen nass ist“; am 15. April erzählt sie, sie besuche im Garten jeden Tag einen Marienkäfer, beobachte die Wolken und „fühle mich im ganzen nicht wichtiger als dieses Marienkäferlein und in diesem Gefühl meiner Winzigkeit unaussprechlich glücklich“.

Besonders angetan aber haben es ihr Vögel; das merkt man schon daran, dass sie ihre Freundin Sophie Liebknecht in den Briefen stets als ein „Vögelein“ bezeichnet. Mitte November 1917 beispielsweise schreibt sie: „Sonitschka, mein liebes Vöglein, wie oft denke ich an Sie; vielmehr sind Sie mir ständig gegenwärtig, und stets habe ich das Gefühl, Sie seien einsam und verweht wie ein frierender Sperling, und ich müsste um Sie sein, um sie aufzuheitern und zu beleben“, und weiter: „Es ist zum Lachen und zum Weinen, dass ein so zartes Vöglein, das zum Sonnenschein und unbekümmerten Gesang geboren war, wie Sie, in eine der düstersten und grausamsten Perioden der Weltgeschichte vom Schicksal verschlagen ward. Aber wir werden jedenfalls Seite an Seite die Zeiten durchschwimmen, und es wird schon gehen.“

Freunde

Nachdem Rosa Luxemburg über den Vogelzug geschrieben hat, dass dort verschiedene Arten, die sich sonst als Todfeinde befehden, friedlich nebeneinander die große Reise südwärts übers Meer machen, ja, man sogar beobachtet habe, dass auf dieser Reise große Vögel viele kleine auf ihrem Rücken transportieren – an den Arzt Hans Diefenbach, mit dem sie befreundet ist, schreibt sie in diesem Zusammenhang: „Wenn ich so etwas lese, bin ich erschüttert und lebensfreudig gestimmt, dass ich sogar Breslau für einen Ort halte, in dem Menschen leben können“ –, meint sie: „Wenn es also mal auch für uns heißt, in Sturm und Drang ‚über das große Meer‘ zu fliegen, dann nehmen wir die Sonitschka auf den Buckel, und sie wird uns dort unterwegs sorglos zwitschern“. Bereits im Dezember 1916 wusste sie Luise Kautsky in der ihr eigenen tragischen Komik zu berichten, Elstern seien ihr „einziges Auditorium hier“ – sie bringe ihnen „die weltstürzendsten Ideen und Losungen bei und lasse sie dann wieder losflattern“.

Zu einigen Vögeln, denen sie in ihrer Haftzeit in Wronke begegnet, entwickelt sie eine besondere Beziehung – sie bezeichnet sie schnell als ihre Freunde. Am 23. Mai 1917 schreibt sie an Sophie Liebknecht, sollte sie im Herbst noch in Wronke sein, „dann werden alle meine Freunde wieder zurückkehren und an meinem Fenster Futter suchen; ich freue mich schon jetzt auf die eine Kohlmeise, mit der ich besonders befreundet bin“. Im selben Brief berichtet sie von einer Blaumeise. Seit Anfang Mai sei die Meise verschwunden gewesen, um zu brüten. Aber:

Gestern höre ich plötzlich von drüben über die Mauer, die unseren Hof von einem anderen Gefängnisterrain trennt, den bekannten Gruß, aber so ganz verändert, nur ganz kurz und eilig dreimal hintereinander: „Zizi bä – Zizi bä – Zizi bä!“, dann wurde es still. Mir zuckte das Herz bei zusammen, so viel lag in diesem eiligen, fernen Ruf: eine ganze Vogelgeschichte (…). Meine Mutter, die nebst Schiller die Bibel für der höchsten Weisheit Quell hielt, glaubte steif und fest, dass König Salomo die Sprache der Vögel verstand. Ich lächelte damals mit der ganzen Überlegenheit meiner fünfzehn Jahre und einer modernen naturwissenschaftlichen Bildung über diese mütterliche Naivität. Jetzt bin ich selbst wie König Salomo: Ich verstehe auch die Sprache der Vögel und aller Tiere. Natürlich nicht, als ob sie menschliche Worte gebrauchten, sondern ich verstehe die verschiedensten Nuancen und Empfindungen, die sie in ihre Laute legen. Nur dem rohen Ohr eines gleichgültigen Menschen ist ein Vogelgesang immer ein und dasselbe. Wenn man die Tiere liebt und für sie Verständnis hat, findet man große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, eine ganze „Sprache“.

Todeskälte

Doch im Herbst ist Rosa Luxemburg nicht mehr in Wronke. Am 22. Juli 1917 wird sie ins Gefängnis in Breslau überführt. Dort sind die Haftbedingungen schlechter. Am 2. August schreibt sie an Sophie Liebknecht: „Was mir hier fehlt, ist natürlich die relative Bewegungsfreiheit, die ich dort hatte, wo die Festung den ganzen Tag offenstand, während ich hier einfach eingesperrt bin, dann die herrliche Luft, der Garten und vor allem die Vögel! Sie haben keine Ahnung, wie ich an dieser kleinen Gesellschaft hing.“ Bedrückt berichtet sie Hans Diefenbach am 13. August, in Breslau führe sie das regelrechte Dasein einer Strafgefangenen. Auf dem gepflasterten Gefängnishof gebe es nichts zu entdecken. „Der Abrutsch nach Wronke ist in jeder Hinsicht ein schroffer, aber dies nicht als Klage, sondern nur zur Erklärung, weshalb ich Ihnen vorläuftig keinen aus Rosenduft, Himmelblau und Wolkenschleiern gewobenen Brief schreiben kann, wie Sie’s aus Wronke gewöhnt sind“, meint sie, und weiter: „Die Heiterkeit wird mir schon noch zurückkommen – trage ich sie doch in mir selbst in unerschöpflichen Mengen.“ Im Hof gebe es nur zwei schmale Rasenstreifen. Immerhin habe sie bereits die vorkommenden Spezies festgestellt: Schafgarben und Habichtkräuter, um die Kohlweißlinge flatterten. Außerdem gebe es Tauben.

Zu einer der Tauben entwickelt sie eine „schweigsame Freundschaft“, wie sie gegenüber Mathilde Jacob am 3. Juni 1918 berichtet: „Die braune Taube, die ich hier im Winter in meiner Zelle pflegte, als sie krank war, erinnert sich wohl meiner ‚Wohltaten‘: Sie hat mich einmal in dem Hof, wo ich nachmittags spazierengehe, entdeckt, und wartet nun jeden Tag pünktlich auf mich, sitzt neben mir aufgeplustert auf dem Kies oder läuft mir nach, wenn ich eine Runde mache.“ Die Tauben spazieren alsbald sogar in der Zelle herum, und am 12. September schreibt Rosa Luxemburg: „Ich war jetzt ein paar Tage bettlägerig, da kamen die Tauben – zu mir aufs Bett!“ Immer wieder bricht unter den erschwerten Haftbedingungen nun das Gefühl der Verzweiflung durch. Am 30. März 1917 schreibt die Gefangene an Hans Diefenbach:

Ich fühle mich wie eine erfrorene Hummel; haben Sie schon mal im Garten an den ersten frostigen Herbstmorgen eine solche Hummel gefunden, wie sie ganz klamm, wie tot, auf dem Rücken liegt im Gras, die Beinchen eingezogen und das Pelzlein mit Reif bedeckt? Erst wenn die Sonne sie ordentlich durchwärmt, fangen die Beinchen sich langsam zu regen und zu strecken an, dann wälzt sich das Körperchen um und erhebt sich endlich mit Gebrumm schwerfällig in die Luft. Es war immer mein Geschäft, an solchen erfrorenen Hummeln niederzuknien und sie mit dem warmen Atem meines Mundes zum Leben zu wecken. Wenn mich Arme doch die Sonne auch schon aus meiner Todeskälte erwecken wollte!

Eins in Schmerz

Auch am 5. Juni geht es Rosa Luxemburg wieder sehr schlecht. An Sophie Liebknecht schreibt sie: „Seit ich Ihnen meinen letzten Jubelbrief über die Frühlingsherrlichkeit schrieb, ist es hier plötzlich kalt und grau geworden, und ich leide Qualen. (…) ich weiß gar nichts mehr, ich verstehe nichts, nichts, als dass ich leide.“ Der Anblick eines sterbenden Schmetterlings wird nun zum Symbol für ihre eigene Lage: „Das halbtote Pfauenauge, das ich gerettet habe, ist in mein Zimmer zurückgekehrt, hat sich in einen dunklen Winkel mit zusammengeklappten Flügeln hingehockt und bleibt regungslos. Ich werde ebenso tun.“ – Am 8. Juni schließlich berichtet sie über den Tod des Pfauenauges, der sie sehr mitnimmt: „Mein kleiner Freund, den ich so hütete, ist mir doch heute Nacht gestorben, und ich schicke Ihnen seine Leiche. Ich sah gerade noch nach ihm, wie es ihm gehe, als er die letzte Zuckung machte und mit ausgebreiteten Flügelchen flach auf das Fenster fiel. Sehen Sie, wie seine Beinchen krampfhaft gekrümmt und an den Körper gepresst sind: Das ist die typische Haltung des Todeskampfes bei allen Tieren. Ich konnte heute die ganze Nacht kein Auge schließen.“

In ihrer Haftzeit in Breslau hält Rosa Luxemburg im Dezember 1917 auch eine Erfahrung fest, die für Ingolf Bossenz „zum Eindrucksvollsten, was sich in sozialistischer Literatur zum Thema ‚Solidarität mit den Tieren‘ findet“, gehört: Büffel, Kriegsbeute aus Rumänien, als Zugtiere vor einen Karren gesperrt, werden von Soldaten auf dem Gefängnishof geprügelt, bis sie bluten. Dies mit anzusehen, bedeutet für Rosa Luxemburg, „einen scharfen Schmerz“ zu erleben:

Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstiels loszuschlagen, dass die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein … Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eins blutete … Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll … Ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die schönen freien, saftiggrünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel, die man dort hörte, oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier – diese fremde, schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden, furchtbaren Menschen und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt … Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumm und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht.

Zum zweiten Teil des Artikels.

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