Clean Meat?

Kultiviertes oder In-vitro-Fleisch wird auch „Clean Meat“ genannt – nicht nur, da es theoretisch das Töten von Tieren unnötig macht, sondern auch, wie seine Entwickler nicht müde werden zu betonen, weil es umwelt- und klimafreundlicher sein soll als herkömmlich produziertes Fleisch. In seine Entwicklung investieren inzwischen auch große Fleischkonzerne. Zwei Forscher der Universität Oxford haben jetzt eine Studie veröffentlicht, die zu einem ernüchternden Ergebnis kommt: Zumindest fürs Klima sei kultiviertes Fleisch nicht unbedingt weniger schädlich als das auf konventionelle Weise hergestellte Tierprodukt.

Die Idee ist alt: „Es ist ab­surd, ein gan­zes Huhn auf­zu­zie­hen, nur um sei­ne Brust oder sei­ne Flügel zu es­sen; lasst uns die­se Tei­le ein­zeln züch­ten, in ei­nem ge­eig­ne­ten Me­di­um“, sagte Winston Churchill bereits im Jahr 1931. Inzwischen ist das möglich: Mittels einer Biopsie werden einem Tier Zellen entnommen, die anschließend in einer Nährlösung zu Muskelfleisch heranwachsen. Die erste Frikadelle aus der Petrischale wurde als Ergebnis jahrelanger Forschung an der Universität Maastricht 2013 von einem niederländischen Forscherteam um Mark Post vorgestellt. Finanziert wurde das Projekt vom Google-Mitbegründer Sergey Brin, die Entwicklung kostete 250.000 Euro. Das erste Ergebnis schmeckte laut seinem Schöpfer wie ein „schlechter Burger“. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Die niederländischen Forscher haben sich als Unternehmen namens MosaMeat firmiert; in absehbarer Zeit sollen erste Produkte auf den Markt kommen. „Unser Fleisch erzeugt schätzungsweise 96 Prozent weniger Treibhausgasemissionen, verbraucht 99 Prozent weniger Land und 96 Prozent weniger Wasser als Tierfleisch. Es hilft, unseren Planeten vor dem Klimawandel, vor Abholzung und dem Verlust der biologischen Vielfalt zu schützen“, behaupten sie. 2018 beteiligte sich das deutsche Chemie- und Pharmaunternehmen Merck KGaA mit 5,5 Millionen Euro, die Bell Food Group mit zwei Millionen Euro an der Firma.

Neue Ära?

Die Bell AG ist das größte fleischverarbeitende Unternehmen der Schweiz und steht als solches in der Kritik. Erst in der Nacht vom 20. auf den 21. November 2018 wurde ein Bell-Schlachthof in Oensingen von über 130 Tierrechtsaktivisten besetzt und 15 Stunden lang blockiert; die Besetzung wurde durch die Polizei geräumt, es gab mehrere Verletzte. Eine solche Aktion hatte es in der Schweiz bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Gegen die Aktivisten wurde Strafanzeige erstattet, Bell forderte Schadensersatz; die Störung des Schlachtbetriebs soll den Konzern rund 100.000 Franken gekostet haben. Das Unternehmen kündigte außerdem eine Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen auf dem Gelände an. „Im Bell-Schlachthof ist am 21. November 2018 kein einziges Tier gestorben“ – für die Aktivistin Elisa Keller war die Aktion ein Erfolg. Kritiker halten das für einen Scheinsieg: Die Tiere seien entweder in einem anderen Schlachthof oder einen Tag später geschlachtet worden. Damit haben sie sicher recht – dennoch sollten die Wichtigkeit und die Signalwirkung solcher Aktionen nicht unterschätzt werden: Eine soziale Bewegung, welche die Befreiung der Tiere zum Ziel hat, kann sich nicht auf die individuelle Sphäre des Konsums beschränken; sie muss sich darüber hinaus politisch artikulieren, und ihre Aktivitäten müssen sich auch gegen jene richten, die direkt von der Ausbeutung profitieren. Werden die Schlachtkonzerne ökonomisch geschädigt, so ist das zum Mindesten eine Botschaft: Tierausbeutung lohnt sich nicht.

Mit dem Investment in MosaMeat sichere sich Bell, so CFO Marco Tschanz, frühzeitig den Zugang zu einer interessanten alternativen Produktionsmethode für Fleisch: „Für uns ist kultiviertes Fleisch eine Alternative für jene Konsumenten, die ihren Fleischkonsum aus ethischen Gründen hinterfragen. Zudem ergibt sich dadurch die Möglichkeit, die steigende Nachfrage nach Fleisch auf nachhaltige Art und Weise zu decken.“ Daneben setzt der Konzern auch zunehmend auf vegetarische und vegane Produkte: Seine Tochterfirma Hilcona AG hat, wie im Bell-Unternehmensprofil 2017 berichtet wurde, am Standort Landquart ein „Kompetenzzentrum für vegetarische Produkte“ aufgebaut, wo Tofu aus Schweizer Bio-Soja für die Karma-Linie der Bell-Eigentümerin Coop produziert wird. Zudem hat Bell mit der Hügli Holding AG einen Convenience-Food-Hersteller mit einem großen vegetarischen Sortiment aufgekauft. Solche Entwicklungen bedeuten natürlich nicht, dass die großen Fleischverarbeiter vorhaben, umzustellen – Fleisch bleibt ihr Kerngeschäft. Der Rinderschlachthof in Oensingen etwa wird von Bell noch vergrößert. Die vegetarischen und veganen Produkte sollen den Konzernen lediglich einen neuen Markt erschließen und so zusätzliches Wachstum bringen. „Wir wollen auf der Mitte des Tellers sein. Wenn sich die Mitte verändert, dann müssen wir dabei sein“, meinte Bell-Chef Lorenz Wyss kürzlich. Die Aargauer Zeitung schrieb dazu am 13. Februar:

Die Veränderung, die Wyss anspricht, ist seit Jahren zu beobachten. Fleisch hat es schwer, der durchschnittliche Konsum nimmt ab. Zum Vergleich: 1996 aßen Herr und Frau Schweizer durchschnittlich 53,6 Kilo Fleisch. 2017 waren es noch 50 Kilo. Konfrontiert mit diesem Umstand, muss sich Bell nach anderen Geschäftsgebieten umsehen, weil zumindest kurzfristig nicht zu erwarten ist, dass plötzlich viel mehr Steaks und Cervelats gegessen werden. Der gesellschaftliche Trend zeigt in eine andere Richtung.

Gerechteres System?

Die Forscher und Unternehmer aus Maastricht sind inzwischen längst nicht mehr die Einzigen, die die Entwicklung von Laborfleisch vorantreiben; an verschiedenen Orten der Welt wird daran gearbeitet, es marktfähig zu machen. „Für mich ist das der Start eines neuen Industriezweigs“, sagte Mark Post bereits im Januar 2017; Peter Verstrate, Geschäftsführer von MosaMeat, ergänzte: „Fleisch ist ein Billionenmarkt! Es wäre lächerlich, wenn wir ihn für uns allein reklamierten. Mehr Konkurrenz ist auch gut für das, was wir wirklich erreichen wollen: Die Bekämpfung des Klimawandels und eine größere Sicherheit bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln.“ Ein knappes Jahr zuvor hatte das kalifornische Startup Memphis Meats erstmals ein Fleischbällchen aus Rinderstammzellen präsentiert, im März 2017 Produkte aus kultiviertem Hühner- und Entenfleisch. Die US-Amerikaner argumentieren ähnlich wie die Niederländer: „Wir stellen Fleisch her, das für Tiere besser ist und bei dem erheblich weniger Land-, Wasser-, Energie- und Nahrungsinput benötigt wird. Unser Prozess wird weniger Abfall produzieren und die Treibhausgasemissionen drastisch reduzieren.“ Im August 2017 gab die Firma mit Sitz in San Francisco bekannt, dass sie Investitionen in Höhe von 17 Millionen US-Dollar anwerben konnte. Zu den Geldgebern zählen unter anderem Draper Fisher Jurvetson, eine kalifornische Beteiligungsgesellschaft, die Risikokapital für Unternehmen bereitstellt, denen sie aufgrund technologischer oder kommerzieller Innovationen großes Wachstum zutraut, Microsoft-Gründer Bill Gates, der britische Unternehmer und Milliardär Richard Branson, der 2017 gegenüber Forbes meinte, „dass wir in etwa 30 Jahren keine Tiere mehr töten müssen“, die Technologie-Investmentfirma Atomico sowie Cargill – der multinationale Agrarkonzern, der Futter- und Lebensmittel herstellt, kontrolliert 30 Prozent des global gehandelten Getreides und bedient über 20 Prozent des US-Fleischmarkts; alle Eier, die McDonald’s in den USA verwendet, stammen aus Cargill-Farmen. Memphis Meats rechnet mit der kommerziellen Markteinführung seiner Produkte im Jahr 2021 und wird dabei auch von PETA unterstützt. Die Tierrechtsorganisation hat schon frühzeitig entsprechende Forschungen finanziert, obwohl für Laborfleisch natürlich Tiere verwendet werden müssen; unter anderem kommen in der Produktion Enzyme und Hormone zum Einsatz, die aus Tierembryonen gewonnen werden. Doch sie sei bei allem dabei, „was das Schlachten reduziert oder unnötig macht“, so PETA-Präsidentin Ingrid Newkirk gegenüber dem Wall Street Journal.

Das Unternehmen Just, das seinen Sitz ebenfalls in San Francisco hat und nicht nur an kultiviertem Fleisch forscht, sondern auch sehr aktiv ist, was die Entwicklung pflanzlicher Alternativprodukte angeht, gibt an, ein „gesünderes, stärkeres und gerechteres Nahrungsmittelsystem“ aufbauen, gar eine „neue Ära der nachhaltigeren Fleischproduktion“ einläuten zu wollen. Unter dem Namen Hampton Creek Foods war die Firma im Dezember 2011 gegründet worden. CEO Josh Tetrick spricht davon, dass unser veraltetes System der Nahrungsmittelproduktion an seine Grenzen stoße – Innovation sei die Antwort. Einen eklatanten Mangel an Fortschritt stellt er vor allem dort fest, wo Tiere involviert sind: Während wir uns Videos auf Tablet-PCs ansähen, konsumierten wir Lebensmittel, die noch immer aus dunklen, verdreckten Käfigen stammen. So wie man Pferdekutschen längst zugunsten moderner Transportmittel aufgegeben habe, seien neue Entwicklungen nötig, um Tierprodukte in der Ernährung zu ersetzen. Eier beispielsweise: Das kurze, qualvolle Leben von Legehühnern sei darauf reduziert, Produktionseinheit in einer Tierfabrik zu sein. Er weiß, was sich ändern muss: „Im Wesentlichen hat unser Ernährungsproblem mit dem industrialisierten System der Gewalt zu tun, das höflich als ,Intensivtierhaltung‘ bezeichnet wird.“

Auch das Startup von Tetrick wurde von Bill Gates gefördert, zu den Investoren zählen außerdem der Milliardär Li Ka-shing sowie der Yahoo-Mitbegründer Jerry Yang Chih-Yuan. Gates kritisierte bereits 2012 die Prognose, dass, wenn sich am globalen Fleischkonsum nichts ändere, wir bis 2030 einen zweiten Planeten bräuchten – solche linearen Hochrechnungen ließen außer Acht, was Produktinnovationen bewirken könnten: Man werde den Menschen in Zukunft „ein gleichwertiges Produkt ohne die negativen Folgen“ zur Verfügung stellen können, „mit weniger Quälerei und Treibhausgasemissionen“. Gates wittert satte Gewinne: „Der Prozess der Lebensmittelproduktion hat sich während der letzten hundert Jahre nicht viel verändert. Innovation in diesem Sektor hat ein enormes Marktpotenzial.“

Risikokapitalisten

Mit dieser Einschätzung ist er keineswegs allein: Immer mehr Kapitalgeber sind bestrebt, vom Trend weg von traditionellen Tierprodukten zu profitieren. Die Entwicklung von Alternativen gilt ihnen als noch größtenteils unerschlossener Zukunftsmarkt, Investitionen in diesem Bereich machen sich zudem gut im Rahmen eines nachhaltigen Portfolios. So investierte etwa auch die von PayPal-Gründer Peter Thiel ins Leben gerufene Risikokapitalfirma Founders Fund eine Million Dollar in Hampton Creek Foods. Der marktradikale Thiel, der auch den Republikaner Ron Paul oder die ultrakonservative Tea-Party-Bewegung förderte, ist ein ausgewiesener Antidemokrat: Die Freiheit des Marktes, die er propagiert, hält er nicht für vereinbar mit einem demokratischen System, überheblich verkündet er: „Je höher dein IQ ist, desto pessimistischer wirst du, was die Politik des freien Marktes angeht – der Kapitalismus ist beim Pöbel einfach nicht so beliebt.“

Kalifornien ist derzeit einer der Hotspots, was die Entwicklung von Laborfleisch angeht – hier wird inzwischen sogar das Fleisch von Fischen in Bioreaktoren gezüchtet: Die Firma Finless Foods will „nahrhafte, umweltfreundliche Versionen der Fisch- und Meeresfrüchteprodukte herstellen, die die Welt liebt“, ohne dafür Fische züchten oder fangen zu müssen. Ein weiterer geografischer Schwerpunkt der Forschung ist Israel: Dort möchte etwa The Kitchen Foodtech Hub das globale Nahrungsmittelsystem „produktiver, erschwinglicher, nachhaltiger und gesünder“ machen. Aleph Farms will „die schlachtfreie Fleisch-Revolution für eine gesündere Welt“ anführen, und auch das Biotechnologie-Unternehmen Future Meat Technologies will „die zeitlose Vision der tierfreien Fleischproduktion verwirklichen“ und weltweit die ökologischen Folgen der Fleischproduktion verringern. Seit dem letzten Jahr ist Tyson Foods, weltweit größter Vermarkter von Hähnchen-, Rind- und Schweinefleisch und größter Exporteur von Rindfleisch aus den Vereinigten Staaten, der auch in Memphis Meats investiert, unter den Geldgebern der Firma. „Wir investieren weiterhin beträchtlich in unser traditionelles Fleischgeschäft, wollen aber auch nach zusätzlichen Wachstumschancen suchen, die den Verbrauchern mehr Wahlmöglichkeiten bieten“, ließ der Fleischkonzern verlautbaren. Zusätzliche Wachstumschancen sieht Tyson auch im veganen Bereich: Schon 2016 hat „the largest killer of animals in the U.S.“ in Beyond Meat, einem kalifornischen Hersteller pflanzlicher Fleischalternativen, und damit in „the future of protein“ investiert.

Im Mai 2018 wurde bekannt, dass der niederländische Fleischimporteur Zandbergen Beyond Meat in Europa vertritt. „Wir freuen uns sehr, mit einem der führenden Fleischhändler in Europa zusammenzuarbeiten, um mit Beyond Meat in den europäischen Markt einzusteigen“, verkündete Beyond-Meat-Gründer und Geschäftsführer Ethan Brown. In Deutschland übernahm den Vertrieb des veganen „Beyond Burgers“ die PHW-Gruppe, besser bekannt als Wiesenhof – der größte deutsche Geflügelzüchter und -schlachter: „Beyond Meat steigt mit der PHW-Gruppe als exklusivem Vertriebspartner in den deutschen Markt ein“, meldete Wiesenhof bereits im April 2018. Schon im Monat zuvor war bekannt geworden, dass PHW eine Beteiligung am israelischen Startup SuperMeat erworben hatte, einem Unternehmen, das laut seiner Selbstdarstellung darauf abzielt, „kultiviertes Hühnerfleisch zu entwickeln und es in Massenproduktion herzustellen, um Tiere zu retten, die Umwelt zu schützen und die öffentliche Gesundheit zu verbessern“. Peter Wesjohann, Vorstandsvorsitzender des niedersächsischen Konzerns, erklärte: „Wir sehen unsere Beteiligung als strategische Partnerschaft.“ Er gehe davon aus, dass es in einigen Jahren Nachfrage nach künstlich erzeugtem Fleisch geben werde, ähnlich wie nach veganen Fleischersatzprodukten. Die PHW-Gruppe werde künftig auf pflanzliche, tierische und im Labor erzeugte Proteine setzen: „Die Konsumentenstruktur ist weltweit so heterogen, dass es für alle Varianten der Eiweißversorgung Liebhaber geben wird.“ Darauf wolle sich das Unternehmen einstellen, ohne jetzt schon sagen zu können, wie sich der Markt in Zukunft genau entwickeln werde. Wiesenhof hatte zwar die exklusive Vertriebspartnerschaft für Deutschland, wollte die Produkte also zuerst verkaufen, Metro ist Wiesenhof aber insofern zuvorgekommen, als dass der Großhändler das Produkt über sein Handelsbüro in Rotterdam gelistet hat. So oder so profitieren mit Tyson Foods am Ende auch Tierausbeuter.

Hohe Unsicherheit

„Laborfleisch hat in jüngster Zeit viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Dabei wird häufig betont, dass der Umstieg auf dieses im Labor kultivierte Fleisch große Vorteile für das Klima bringen würde“, sagt John Lynch von der University of Oxford. Die Behauptungen der Hersteller sind natürlich nicht nur aus der Luft gegriffen: Klar ist, dass Tierproduktionssysteme mit enormen Treibhausgasemissionen verbunden sind und wesentlich zum anthropogenen Klimawandel beitragen. Hinsichtlich des Klimawandels stellte das UN-Umweltprogramm bereits im Jahr 2010 fest: „Eine wesentliche Reduzierung der Auswirkungen wäre nur mit einem grundsätzlichen weltweiten Ernährungswechsel möglich, weg von tierischen Produkten.“ Eine Untersuchung, die im November 2017 in Global Change Biology veröffentlicht worden ist, kam zum Ergebnis, dass im Jahr 2010 ein Anteil von 23 Prozent an der gesamten globalen Erwärmung direkt auf die Tierhaltung zurückzuführen war. Hinzu kommen die ebenfalls mit der Tierproduktion verbundenen, aber nicht direkt emittierten Treibhausgase, die etwa auf den Anbau von Futtermitteln, auf die Produktion von Düngemitteln oder auf die Umwandlung von Land für die Weide- oder Futtermittelproduktion zurückgehen. – Doch ist die Klimabilanz von kultiviertem Fleisch wirklich um so viel besser? Um das herauszufinden, hat John Lynch zusammen mit seinem Kollegen Raymond Pierrehumbert die bereits verfügbaren Daten dazu im Rahmen einer Metastudie zusammengefasst.

Nach wie vor bestehen große Unsicherheiten darüber, wie genau tierfreie Wachstumsmedien aussehen können, und entsprechend schwierig ist es, deren potenziellen Ressourcenbedarf zu ermitteln. Trotz der verbleibenden Unbekannten haben einige Studien in den letzten Jahren spekulative Ökobilanzen durchgeführt, um den ökologischen Fußabdruck von Laborfleisch vorherzusagen. Die dort prognostizierten Treibhausgasemissionen variieren erheblich, unter anderem, weil die Berechnungen auf verschiedenen Produktionssystemen basieren. So ermittelte eine Untersuchung aus dem Jahr 2011 durchschnittliche Emissionen von etwas über zwei Kilogramm CO2-Äquivalenten pro Kilogramm In-vitro-Fleisch; eine Studie von 2014 kam auf 3,67 Kilogramm – und damit noch immer zum Ergebnis, „dass ungeachtet der hohen Unsicherheitsbereiche das kultivierte Fleisch das Potenzial hat, die Treibhausgasemissionen und die Landnutzung im Vergleich zu herkömmlich erzeugtem Fleisch erheblich zu reduzieren“ –, eine weitere Berechnung aus dem Jahr 2015 kam hingegen auf durchschnittlich 25 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm Laborfleisch.

CO2-Äquivalenzen setzen die Emissionen verschiedener Treibhausgase in Beziehung zu Kohlendioxid. Solche Messgrößen können jedoch irreführend sein: Einzelne Gase unterscheiden sich beispielsweise darin, wie lange sie in der Atmosphäre bestehen bleiben. Methan hat eine atmosphärische Lebensdauer von nur etwa zwölf Jahren, im Gegensatz zur jahrhundertelangen Persistenz von Kohlendioxid. Die Erwärmung, die auf Methan zurückzuführen ist, wird also bereits kurz nach dem Stopp der Emissionen weitgehend rückgängig gemacht – Kohlendioxid dagegen wirkt enorm lange nach. Dies müsse, so Lynch und Pierrehumbert, bei solchen Berechnungen unbedingt berücksichtigt werden.

Keine Lizenz

In Argumentationen für In-vitro-Fleisch werden typischerweise Vergleiche mit Rindfleisch hervorgehoben, da es sich um ein sehr emissionsintensives Erzeugnis handelt. Die Produktion von Rindfleisch ist mit der Erzeugung von Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Distickstoffoxid (N2O) verbunden, während die Emissionen, die bei der Erzeugung kultivierten Fleisches entstehen, sich fast vollständig auf CO2 beschränken. Auch die beiden Oxforder Wissenschaftler vergleichen die von ihnen prognostizierten Auswirkungen der Produktion kultivierten Fleisches mit Rindfleisch – aber arbeiten nicht, wie die früheren Studien, lediglich mit CO2-Äquivalenzen, sondern schenken den verschiedenen Auswirkungen und speziell der Lebensdauer einzelner Treibhausgase Beachtung. Für ihre Studie haben sie die in der Literatur verfügbaren Daten von vier verschiedenen Techniken, mit denen Laborfleisch hergestellt werden kann, ausgewertet und sie mit drei verschiedenen Formen der Rinderhaltung verglichen. Von diesen Daten ausgehend, können sie die jeweiligen Auswirkungen der verschiedenen Methoden auf die globale Erwärmung für die nächsten 1000 Jahre berechnen. Außerdem spielen sie, was den mengenmäßigen Fleischkonsum der Weltbevölkerung betrifft, verschiedene Szenarien durch. Als ein Ergebnis halten sie fest:

Bei einem anhaltend hohen weltweiten Verbrauch führt das kultivierte Fleisch anfangs zu einer geringeren Erwärmung als bei Rindern. Diese Lücke wird jedoch auf lange Sicht enger, und in einigen Fällen verursacht die Rinderproduktion eine weitaus geringere Erwärmung, da sich CH4-Emissionen im Gegensatz zu CO2 nicht ansammeln. … Da die Emissionen von kultiviertem Fleisch überwiegend aus CO2 bestehen, bleibt ihr Erwärmungserbe auch bestehen, wenn die Produktion zurückgeht oder aufhört.

Das heißt: Laut den beiden Forschern würde kultiviertes Fleisch anfangs tatsächlich weniger zum Klimawandel beitragen als auf herkömmliche Weise produziertes; doch langfristig schwinde dieser Vorteil und dreh sich in manchen Fällen sogar um. Außer Frage steht, dass der Einfluss eines sehr hohen Tierverbrauchs auf den Klimawandel enorm ist. Doch die Ergebnisse der neuen Studie zeigen, dass kultiviertes Fleisch, wie es die Entwickler gerne machen, zumindest nicht uneingeschränkt als nachhaltigere Alternative bezeichnet werden kann: „Die aktuell verfügbaren Daten zeigen, dass Laborfleisch nicht unbedingt besser für das Klima ist und es somit auch keine Lizenz zum uneingeschränkten Fleischkonsum gibt“, so die Forscher.

Allerdings seien auch ihre Prognosen noch mit einigen Unsicherheiten verbunden. So gingen sie in ihrem Modell etwa von einer Art der Energieerzeugung auf dem heutigen Stand aus. Wenn in Zukunft erheblich mehr Energie aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden sollte, würde das die mit der Produktion von Laborfleisch in Verbindung stehenden CO2-Emissionen entsprechend senken. „Auch haben wir eine Reihe anderer Umwelteinflüsse durch die Rindfleischproduktion nicht berücksichtigt, zum Beispiel die Wasserverschmutzung oder die Versauerung von Böden, und Laborfleisch kann in diesem Zusammenhang womöglich Vorteile haben.“

BerührungsÄngste?

Im Vergleich zu den verheerenden Umweltauswirkungen der Tierproduktion dürfte kultiviertes Fleisch also tatsächlich besser abschneiden. „Clean Meat“ ist es deshalb aber nicht. Selbst wenn eines Tages kein Tier mehr für seine Produktion sterben sollte – mit pflanzlichen Fleischalternativen kann es Laborfleisch nicht aufnehmen. „Eine globale Umstellung auf eine vegane Ernährung ist von entscheidender Bedeutung, um die Welt vor Hunger, Energiearmut und den schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu retten“, fasste die britische Zeitung The Guardian das Ergebnis der bereits zitierten UN-Studie von 2010 zusammen. Schaut man sich außerdem an, wer bei der Entwicklung von kultiviertem Fleisch seine Finger mit im Spiel hat – nämlich einige der größten Schlachtkonzerne – und macht sich bewusst, dass es diesen Akteuren nicht darum geht, das Töten von Tieren überflüssig zu machen, sondern lediglich darum, sich zusätzlich neue Märkte zu erschließen und Wachstumschancen zu sichern, entpuppen sich die Heilsversprechen der Hersteller als Greenwashing.

Das ändert allerdings nichts daran, dass bedeutende Tierrechts- und Vegetarier-Organisationen keinerlei Berührungsängste zu haben scheinen: Neben PETA ist auch ProVeg – vormals Vegetarierbund Deutschland e. V. (VEBU) – am Thema dran. Die Organisation, laut ihrer Selbstdarstellung „die größte Interessenvertretung für vegan und vegetarisch lebende Menschen in Deutschland“, veranstaltet im März eine „New Food Conference“, bei der es nicht nur um „plant-based proteins“, sondern auch um „cell-based proteins“ gehen wird. In der Ankündigung heißt es:

Am zweiten Tag der Konferenz blickt das Fachpublikum gemeinsam mit Dr. Mark Post von Mosa Meat hinter die Kulissen der Technologien rund um das Thema kultiviertes Fleisch. Wachstum und Innovation in diesem Bereich waren in den letzten Jahren enorm. Der Geschäftsführer von Finless Foods, Michael Selden, wird über zellbasierte Fischalternativen sprechen und verschiedene Methoden zur Forschung in dem Gebiet darlegen.

Unter den Partnern und Unterstützern der Konferenz sind mehrere Unternehmen, die an der Entwicklung von Laborfleisch arbeiten, neben MosaMeat und Finless Foods auch Aleph Farms – jene israelische Firma also, in welche mit Tyson einer der weltweit größten Fleischkonzerne investiert –, außerdem Biftek.co und Higher Steaks. Die Sponsoren der ProVeg-Konferenz sind Simply V und die Rügenwalder Mühle. Gestern ist beim „veganen Wirtschaftsmagazin“ Vegconomist, das von der Vegconom GmbH vertrieben wird und Medienpartner der Konferenz ist, ein Interview erschienen, in dem Simply V sich als „Startup“ darstellt, das „für einen verantwortungsbewussten Umgang mit den Tieren, der Umwelt und mit sich selbst“ stehe – eine Täuschung: In Wahrheit steht hinter Simply V der Molkereikonzern Hochland SE, einer der größten Käsehersteller in Europa. Da das Unternehmen „verstärkt neue Märkte erkunden“ wollte, hat es Ende April 2015 eine eigene Tochtergesellschaft gegründet, die unter dem Namen E.V.A. GmbH firmiert, welche wiederum die Marke Simply V vertreibt. Die E.V.A. GmbH hat bei ihrer Gründung mit der Hochland SE „als herrschender Gesellschaft einen Gewinnabführungsvertrag geschlossen“, wie es in der entsprechenden Handelsregisterbekanntmachung heißt. Rügenwalder hat zwar inzwischen viele vegetarische und vegane Produkte auf dem Markt, macht den Großteil seines Umsatzes aber nach wie vor mit Fleisch: Der „Veggie-Anteil am Umsatz“ beträgt laut Angaben des Geschäftsführers Lothar Bentlage „inzwischen knapp 30 Prozent“, wie erst gestern in einem Artikel in der Lebensmittel Zeitung zu lesen war. 2014 verhängte das Bundeskartellamt übrigens gegen Rügenwalder und 20 andere Wursthersteller eine dreistellige Millionenstrafe wegen illegaler Preisabsprachen. ProVeg hält weder das noch die Beteiligungen von Schlachtkonzernen an der Laborfleisch-Entwicklung davon ab, solche Unternehmen zu beraten und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Der einstige Vegetarierbund lässt sich inzwischen also von der Fleisch- und Milchindustrie sponsern.

Die Studie von John Lynch und Raymond Pierrehumbert ist hier einsehbar.

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2 Kommentare zu „Clean Meat?

  1. Liebe/r Autor/in, liebe Mitlesende,

    vielen Dank für diesen Beitrag zur Debatte über Fleischprodukte aus Zellkulturen. Er greift einige interessante Hinweise, wie die starke Unsicherheit bezüglich der Klimabilanz von Cultured Meat vs. Fleisch aus Tierhaltung auf, die durchaus ernst zu nehmen sind.

    Den generelle Ton und die Wortwahl finde ich leider an vielen Stellen unsachlich und Behauptungen wie die, das große pflanzliche Lobbyverbände wie ProVeg sich „inzwischen von der Fleisch- und Milchindustrie sponsern lassen“ kontraproduktiv. Sicher ist, dass viele NGOs mittlerweile erfolgreich mit Unternehmen zusammenarbeiten, um effektiv möglichst viel Leid zu verringern – wenn diese aus der Industrie stammen, deren System dieses Leid verursacht, umso besser! Gerade Fleischkonzerne als größte Abnehmer von Tierprodukten haben doch den größten Einfluss, dieses System zu verändern (auch wenn sie damit natürlich nicht gleichzeitig den Kapitalismus abschaffen).

    Es gibt viele offene Fragen bezüglich des Potentials von Fleisch aus Zellkulturen – die Investitionen der Tiernutzkonzerne und wohlhabender, kapitalistischer Philantrophen wie Bill Gates, zeigen allerdings doch gerade, dass dieses Potential ernst genommen wird. Ich betrachte die Forschung & Entwicklung von Fleischalternativen aus Zellkulturen als eine weitere Möglichkeit, möglichst viel Leid zu verringern und auch den großen Teil von Menschen zu erreichen, die nicht mit moralischer Argumentation davon überzeugt werden können, ihre tief verankerten Essgewohnheiten umzustellen.

    Ich plädiere dafür, allen Lösungsansätzen offen gegenüber zu stehen und würde mir das gleiche von allen wünschen, deren Ziel es ist, die Tierhaltung abzuschaffen und das Leid nichtmenschlicher Tiere zu veringern. Welchen Schaden haben wir alle davon, wenn einige Menschen sich darin versuchen, einen Teil des Problems technologisch zu lösen? Wir werden sehen, ob es funktioniert.

  2. Nachtrag: eine interessante und deutlich positivere Interpretation der neuen Oxford-Studie liefert das Good Food Institute hier: https://www.gfi.org/2019-02-19

    „In drei von vier Worst-Case-Szenarien für den Klima-Impact wird die Klimabilanz für Clean Meat die von Fleisch aus Tierhaltung für mindestens die nächsten 800 Jahre übertreffen.“

    Nicht eingerechnet wurden in der Studie u.a. der deutlich geringere Landverbrauch und der quasi nicht-existente Antibiotikaverbrauch von Fleisch aus Zellkulturen, der in konventioneller Fleischerzeugung ein riesiges Problem ähnlich dem des Klimawandels verursacht: die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen.

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