Nitrat im Trinkwasser – durch Tierhaltung

Heute hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) eine neue Studie über Nitrat im Trinkwasser veröffentlicht. Das Ergebnis: Deutschland hat ein Nitratproblem – unter einem Drittel der Ackerflächen des Landes ist das Grundwasser mit zu viel Nitrat belastet, und zwar durch Gülle, die als Dünger auf die Felder kommt. Die Umweltorganisation fordert unter anderem eine Reduzierung der Tierzahlen.

Da die EU-Nitratrichtlinie 25 Jahre nach deren Inkrafttreten von Deutschland noch nicht umgesetzt worden war, hatte die EU-Kommission im Jahr 2016 ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Im Juni 2018 verurteilte der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg Deutschland dann wegen Verletzung von EU-Recht und stellte fest: Die Bundesregierung hat zu wenig gegen Nitrate im Grundwasser unternommen. Die alte Düngeverordnung hatte also nicht ausgereicht, um die Stickstoffüberschüsse aus der Landwirtschaft zu reduzieren.

Seit 2017 gilt in Deutschland ein neues Düngerecht. Ob dieses den Anforderungen des EU-Rechts entspricht, hat der EuGH in seinem Urteil von 2018 nicht entschieden: Bei dem Luxemburger Verfahren ging es nur um die frühere Rechtslage, das Gericht bezog sich auf die düngerechtlichen Vorschriften, die 2006 in Kraft gesetzt worden waren. Erste wissenschaftliche Einschätzungen gelangen jetzt zu dem Schluss, dass die 2017 beschlossenen Änderungen im Düngerecht zu keinem ausreichenden Schutz der Gewässer vor Stickstoffeinträgen führen werden. Die neue BUND-Studie fasst diese Erkenntnisse zusammen.

Mastanlagen und Milchkuhbetriebe

Stickstoffverbindungen, die nicht von der Pflanze aufgenommen wurden, entweichen in die Atmosphäre oder werden als Nitrat in die Oberflächengewässer und Grundwässer ausgewaschen. Seit Jahren produziert die deutsche Landwirtschaft einen Stickstoffüberschuss von etwa 100 Kilogramm pro Hektar und Jahr. Die Bundesregierung hat sich in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie zwar das Ziel gesetzt, den Überschuss bis 2030 auf 70 Kilogramm zu reduzieren, nach Einschätzung des Umweltbundesamtes reicht diese Absenkung jedoch nicht aus, um Boden, Wasser und Klima ausreichend zu schützen – es plädiert daher für einen Zielwert von 50 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr.

Die Nitratbelastung kann erhebliche gesundheitliche Folgen nach sich ziehen: Im Körper können Nitrate von Bakterien zu Nitriten umgewandelt werden, welche in größeren Mengen den Sauerstofftransport im Blut behindern. Eine Erstickungsgefahr besteht insbesondere bei Säuglingen, da bei ihnen ein entsprechender Schutzmechanismus noch nicht richtig ausgebildet ist. Unabhängig vom Alter sollten hohe Aufnahmen von Nitrat daher generell vermieden werden. Nitrite können im Magen zu krebsauslösenden Nitrosaminen reagieren.

Über den Zustand des Grundwassers muss Deutschland alle vier Jahre mit einem sogenannten Nitratbericht die Europäischen Umweltagentur informieren. Mit dieser Berichterstattung soll überprüft werden, ob die Grenzwerte gemäß der europäischen Nitratrichtlinie eingehalten werden. Im Beobachtungszeitraum zwischen den Jahren 2012 und 2014 wurden bundesweit an 18,1 Prozent der Grundwassermessstellen Nitratkonzentrationen von über 50 Milligramm pro Liter festgestellt. Unter landwirtschaftlich genutzten Flächen beträgt der Anteil sogar 28 Prozent. In der BUND-Studie heißt es:

Wie dies auch beim Trinkwasser der Fall ist, so darf ein Liter Grundwasser maximal 50 Milligramm Nitrat enthalten. Messergebnisse zeigen jedoch, dass besonders Gebiete mit hohem Viehbesatz etwa in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern von Grenzwertüberschreitungen betroffen sind. Die dort anfallenden Ausscheidungen in Mastanlagen und Milchkuhbetrieben landen als Dünger auf den umliegenden Ackerflächen.

Futterpflanzen

In Deutschland sind rund 55.000 Quadratkilometer als Wasserschutzgebiet ausgewiesen. Das entspricht ungefähr 15,4 Prozent der Landesfläche. Innerhalb dieser Flächen ist die Bundesrepublik dazu verpflichtet, die Qualität der Wasserkörper für die Nutzung als Trinkwasserquelle zu gewährleisten und den Umfang der Aufbereitung zu verringern. Wie sehr die Wasserwirtschaft von der unzureichenden Umsetzung der Nitratrichtlinie betroffen ist, zeigt eine vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) durchgeführte Umfrage auf Bundesebene. Von den 188 befragten Wasserversorgungsunternehmen gaben mehr als zwei Drittel an, dass in mindestens einer ihrer zuständigen Wassergewinnungsgebiete eine Nitratbelastung vorliegt. Die Betriebe, die an der Umfrage teilgenommen haben und nach eigener Aussage mit problematischen Nitratkonzentrationen konfrontiert sind, bewirtschaften insgesamt 247 Wassergewinnungsgebiete und fördern in der Summe eine Rohwassermenge von 0,777 Mrd. Kubikmeter. Dies entspricht, so das BDEW-Gutachten, etwa 15 Prozent des in Deutschland insgesamt geförderten Rohwassers für die öffentliche Wasserversorgung.

Am wenigsten belastet ist Grundwasser in Waldgebieten: Weniger als zwei Prozent der dort befindlichen Grundwassermessstellen weisen eine Nitratkonzentration über dem gesetzlichen Höchstwert auf. Es folgen Siedlungsflächen mit 6,3 Prozent und Grünland mit 8,6 Prozent. In Ackerbauregionen liegt die Nitratkonzentration bei einem Drittel der Messstellen über 50 Milligramm je Liter Grundwasser. 17,4 Prozent der dortigen Messstation zeichnen Konzentrationen von sogar über 90 Milligramm pro Liter auf.

Für die Nitratbelastung in Wassergewinnungsgebieten spielt der Anteil der landwirtschaftlich genutzten Flächen also eine große Rolle. Entscheidend ist aber hierbei nicht nur das Ausmaß an Ackerflächen, sondern auch, was auf ihnen wächst. Aufgrund staatlicher Subventionen hat sich Mais als Futterpflanze weit etabliert und ist mittlerweile nach Weizen die zweitwichtigste Nutzpflanze in Deutschland. Mais produziert in kurzer Zeit sehr viel Biomasse und ist daher äußerst düngeintensiv. Zugunsten des Maisanbaus wurden außerdem vermehrt Weiden und Wiesen in Anspruch genommen, mit weitreichenden Folgen für Boden- und Gewässerschutz, Artenvielfalt und Klima (Freisetzung von Kohlendioxid und Lachgas nach einem Grünlandumbruch). Vor allem im Grenzbereich von Gewässern übernehmen Grünlandflächen wichtige Puffer- und Filterfunktionen und verhindern die Auswaschung von Schad- und Nährstoffen.

Nicht die Verursacher zahlen

Die Investitionskosten für den präventiven Grundwasserschutz tragen nicht die Verantwortlichen für die Grundwasserverschmutzung, sondern die Verbraucher – mit höheren Trinkwasserpreisen. Mit Ausnahme von Bayern, Thüringen und Hessen erheben alle Bundesländer eine Abgabe für die Wasserentnahme; die Kosten werden von den Versorgungsunternehmen an die Verbraucher weitergegeben. Einzelne Wirtschaftszweige – z.B. Landwirtschaft und Bergbau – sind jedoch je nach Länderregelung vom Wasserentnahmeentgelt ausgenommen. In der Studie heißt es:

Egal, ob es sich um Zuschüsse vom Land, EU-Fördergelder oder Wasserentnahmeentgelt handelt, am Ende bezahlen die Verbraucher*innen und Steuerzahler*innen für den präventiven Grundwasserschutz. Die eigentliche Verursacherin, die Landwirtschaft, wird hingegen nicht zur Verantwortung gezogen. Da die EU die Landwirtschaft mit jährlich gut 60 Milliarden Euro subventioniert, zahlen die Bürger*innen also sogar doppelt. In den vergangenen Jahren wurden die Wasserpreise für die Verbraucher*innen trotz gestiegener Ausgaben für Energie, Personal und das Wasserentnahmeentgelt nur moderat angepasst. Das könnte sich ändern, wenn konventionelle Schutzmaßnahmen nicht (mehr) ausreichen und Wasserversorger sich gezwungen sehen, mehr Flächen aufzukaufen oder Rohwasser aufzubereiten.

Die Kosten für die Trinkwasseraufbereitung hängen stark von den Randbedingungen und den eingesetzten Verfahren ab und liegen zwischen 0,25 und 1 Euro pro Kubikmeter. Der BDEW ermittelte in einem Gutachten Steigerungen der Trinkwasserkosten für einen Drei-Personen- Haushalt von bis zu 62 Prozent durch die notwendige Nitratentfernung. In einer ähnlichen Größenordnung liegt das Kostenszenario des Umweltbundesamtes. Hier wurden in Modellregionen Preissteigerungen zwischen 32 und 45 Prozent für eine vierköpfige Familie prognostiziert, wenn Aufbereitungskosten zwischen 0,55 und 0,76 Euro pro Kubikmeter Trinkwasser anfallen. Der tatsächliche Kostenaufwand hängt dabei stark von der Belastungssituation und standörtlichen Rahmenbedingungen ab und wird daher regional sehr unterschiedlich ausfallen. Der BUND prognostiziert: „Von markanten Preiserhöhungen werden wahrscheinlich die Versorgungsgebiete in Gebieten mit hoher Tierhaltungskonzentration betroffen sein.“

Radikale Wende

Grundwasser ist ein träges Medium. Das volle Ausmaß der Nitratbelastung werden die Wasserversorger daher erst in naher Zukunft zu spüren bekommen. Es können Jahrzehnte vergehen, bis das Grundwasser vom Ort der Neubildung die Entnahmestelle erreicht. Das bedeutet auch, dass es selbst bei einem sofortigen Stopp aller von Menschen verursachten Nitratemissionen noch lange dauern kann, bis die Nitratgehalte im Grundwasser wieder abnehmen werden. Umso dringender ist es, schnell zu handeln.

Freiwillig umgesetzte Bewirtschaftungsbeschränkungen führen, so der BUND, nicht zwangsläufig zu einer Trendumkehr bei der Nitratbelastung: „Die Tatsache, dass Kooperationen auf freiwilliger Basis beruhen und nicht alle landwirtschaftlichen Betriebe in Wasserschutzgebieten teilnehmen, lässt die Wirksamkeit der Maßnahmen fraglich erscheinen.“ Bei den gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen haben Wasserversorgungsunternehmen keine andere Wahl, als auf die freiwillige Mitarbeit der Landwirtschaft zu setzen. Was fehlt, sind strikte Gesetze, Verordnungen und Kontrollen bei der Düngerverwendung. Letztere bedrohe nicht nur das Grundwasser, sondern auch Flüsse, Seen und das Meer. Die Studie stellt fest:

Längst geht es bei der konventionellen Düngung nicht mehr nur um die Zufuhr von Pflanzennährstoffen und Bodenverbesserung, sondern um die Entsorgung von überschüssiger Gülle. Ein Rückgang der Viehbestandsdichte ist nicht zu erkennen. Hinzu treten eine abnehmende Selbstreinigungskraft der Grundwasserleiter und auflaufende Altlasten. Ob die neue Düngeverordnung ausreicht, damit zukünftig keine teuren Aufbereitungen zur Nitratentfernung eingesetzt werden müssen, darf angezweifelt werden. Es bedarf somit einer radikalen Trendwende in der Landwirtschaft zur Lösung des Nitratproblems im Trinkwasser.

Der BUND fordert, das deutsche Düngerecht im Sinne des Umwelt- und Naturschutzes nachzubessern. Weitere zentrale Forderungen zur Lösung des Nitratproblems sind unter anderem die Durchsetzung eines sofortigen Dünge-Stopps in belasteten Gebieten, wenn der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat je Liter Grundwasser überschritten wurde, die Erhebung von Abgaben auf Stickstoffüberschüsse sowie ein grundlegender Wandel in Landwirtschaft und Tierhaltung: Die Organisation fordert eine Wende in der Agrarpolitik, im Zuge derer die pauschalen Flächenprämien abgeschafft und stattdessen gesellschaftliche Leistungen für Gewässer- und Umweltschutz, Biodiversität, Klima und Tierschutz gefördert werden sollen; Tierhaltung solle an die Fläche gebunden werden – das Konzept der „flächengebundenen Tierhaltung“ benennt für eine bestimmte Fläche die maximale Zahl der Tiere bei ökologisch verträglichen Belastungen; schließlich solle der „Umbau der Tierhaltung hin zu umweltfreundlichen und tiergerechten Verfahren“ sofort beginnen: „In den besonders viehintensiven Regionen bedeutet das eine Reduzierung der Tierzahlen.“

Die vollständige Studie ist auf der BUND-Website zum Download verfügbar.

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