Universelle Emanzipation

Mit dem Frederick Douglass Day erinnert man in den USA heute an den ehemaligen Sklaven und späteren Abolitionisten, der als einflussreichster Afroamerikaner des 19. Jahrhunderts gilt. Dieser Artikel wirft einen Blick auf das Leben und Werk des Schriftstellers sowie auf die Verbindungen zwischen den Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei und frühen Ansätzen von Tierbefreiung.

Eigentlich ist der Geburtstag von Frederick Douglass gar nicht bekannt, noch nicht einmal das Jahr, in dem er geboren wurde. In seiner ersten Autobiografie Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave (1845) heißt es dazu: „Ich wurde in Tuckahoe bei Hillsborough geboren, das ungefähr zwölf Meilen von Easton entfernt in Talbot County, Maryland, liegt. Ich weiß nicht, wie alt ich genau bin, ich habe nämlich nie eine Geburtsurkunde gesehen, aus der mein Alter hätte hervorgehen können. Die allermeisten Sklaven kennen ihr Alter genauso wenig wie die Pferde, und soweit ich weiß, belassen die meisten Herren sie auch absichtlich in dieser Unwissenheit.“ Später legte er sein Geburtsdatum auf den 14. Februar 1818 fest.

KEINE STIMME

Der Bericht über seine ersten zwanzig Lebensjahre in der Sklaverei wurde zu einer der einflussreichsten Agitationsschriften der abolitionistischen Bewegung. Im Jahr 1855 erschien seine zweite, weitaus umfangreichere Autobiografie My Bondage and My Freedom. In seinen Werken findet er klare Worte für die Entmenschlichung, die mit der Sklaverei einhergeht: Den Sklavenhaltern gehe es darum, den Sklaven vom Denken abzuhalten – „man muss ihn so weit bringen, dass er die Sklaverei für richtig hält; und so weit kann man ihn nur bringen, wenn er aufhört, ein Mensch zu sein“. Entsprechend wurden Sklaven „wie Tiere“ behandelt, etwa, was die Ernährung angeht, die aus Maisbrei bestand. Douglass berichtet: „Er wurde in große Kübel oder Holztröge getan und dann auf den Fußboden gestellt. Dann wurden die Kinder gerufen, so wie man die Schweine ruft, und wie die Schweine kamen sie und verschlangen den Brei“ – oft mit den bloßen Händen. Weiter heißt es: „Wer am schnellsten aß, bekam am meisten ab; wer am stärksten war, eroberte sich den besten Platz; und nur wenige waren satt, wenn sie vom Trog aufstanden.“ Eine Sklavin namens Mary, die von ihrer Herrin stets als „schwarze Hündin“ bezeichnet wurde, sei „in halbverhungertem Zustand“ gehalten worden: „Ich habe Mary auf der Straße mit den Schweinen um die Abfälle kämpfen sehen.“

Schon im England des 17. und 18. Jahrhunderts wurden Sklaven in den Gesetzen nicht als Menschen, sondern als mobiler Besitz, als „chattel“, definiert – ein Wort übrigens, das denselben Ursprung hat wie „cattle“ (Vieh) und „capital“ (Produktionsmittel). Entsprechend wurden Methoden und Strafen angewandt, die aus der Tierhaltung stammten, etwa Brandmarkung oder das Abschneiden der Ohren. Die „nicht böswillige“ Tötung eines Sklaven wurde nicht geahndet. Wie die Schätzung des Besitzes seines Sklavenhalters ablief, beschreibt Douglass mit folgenden Worten:

Bei der Schätzung mussten wir uns alle in einer Reihe aufstellen. Männer und Frauen, alte und junge Sklaven, Ehepaare und Unverheiratete wurden mit den Pferden, Schafen und Schweinen zusammen in einer Reihe aufgestellt. Pferde und Männer, Vieh und Frauen, Ferkel und Kinder hielten in der Rangfolge der Lebewesen alle denselben Platz und wurden derselben genauen Untersuchung unterworfen. Ob schon im silberhaarigen Alter oder noch in der Blüte der Jugend, ob junges Mädchen oder reife Frau, alle mussten dieselbe Untersuchung über sich ergehen lassen. Klarer denn je sah ich die verrohende Wirkung der Sklaverei auf beide, Sklaven und Sklavenhalter. Nach der Schätzung kam dann die Teilung. Ich habe keine Worte, um die heftige Aufregung und tiefe Angst auszudrücken, die wir armen Sklaven während dieser Zeit empfanden. Unser Lebensschicksal sollte jetzt entschieden werden. Wir hatten bei jener Entscheidung keine Stimme, genauso wenig wie die Tiere, unter die wir gereiht waren.

DIE LAGE DER OCHSEN

Wie „Nutztiere“, so wurden auch Sklaven gezielt gezüchtet. Im Nachwort einer deutschen Übersetzung der ersten Biografie, die 1991 erschien, wird berichtet: „Man brachte einerseits die Sklaven untereinander zur Paarung, oft beförderte aber der Sklavenbesitzer selbst die Fruchtbarkeit seiner Sklavinnen. Nicht selten bekamen schon 13jährige Mädchen ihr erstes Kind und hatten im Alter von 20 schon fünf Kinder auf die Welt gebracht. Dies war für die Sklavenbesitzer ein äußerst lukratives Geschäft, wurde ihr Besitz an Sklaven so doch stetig vermehrt.“ Douglass schreibt über einen Sklavenhalter: „Mr. Covey war arm; er stand noch am Beginn seines Lebens; er konnte sich nur eine einzige Sklavin kaufen; und so empörend die Tatsache auch ist, er sagte ganz offen, dass er sie zum Zwecke der Züchtung kaufte.“ Seine eigene Situation verglich mit derjenigen eines Ochsen:

Ist er gut abgerichtet, dann ist er sprichwörtlich zahm und fügsam; ist er aber nur halb gezähmt, dann ist er unter dem Joch das widerspenstigste und unlenksamste Tier. Ich entdeckte jetzt, dass die Lage der Ochsen in mancher Hinsicht der meinen ähnelte. Sie waren Eigentum eines Menschen, und ich war es auch. Sie sollten gebändigt werden, und ich ebenfalls. Covey sollte mich bändigen, und ich sollte die Ochsen bändigen. Bändigen und gebändigt werden, das ist das Leben.

Lange reifte in ihm der Plan, zu fliehen. Am 3. September 1838, mit Anfang 20, gelang es ihm schließlich; er schaffte es, sich nach New York durchzuschlagen. Der Bundesstaat New York hatte die Sklaverei bereits elf Jahre zuvor verboten. Vollständig wurde sie auch im sogenannten freien Norden erst 1863 abgeschafft. Dennoch war der Norden schon für den jungen Sklaven aus Maryland ein Synonym für Emanzipation: The North Star hieß die abolitionistische Zeitschrift, die er ab 1847 herausgab. Die Zeit nach seiner Flucht hatte er zunächst als Gelegenheitsarbeiter verbracht, bis 1841, als er auf einer Versammlung von Abolitionisten sprach, sein rhetorisches Talent entdeckt wurde. Fortan war er es, der den Sklaven eine Stimme verlieh: Er trat hauptberuflich als Redner gegen die Sklaverei auf und wurde zum bekanntesten afroamerikanischen Aktivisten des 19. Jahrhunderts. Die erste Auflage seiner Biografie war innerhalb von vier Monaten vergriffen, beim Beginn des Bürgerkriegs waren bereits 30.000 Exemplare im Umlauf.

Über ein halbes Jahrhundert lang stand Douglass im Licht der Öffentlichkeit, als Reformer und Staatsmann, als Abolitionist, als Aktivist für das Wahlrecht für Schwarze – und für Frauen. Als einziger Mann sprach er schon im Juli 1848 auf der Seneca Falls Convention, dem ersten Frauenrechts-Kongress überhaupt. Denn in verschiedenen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung sah er Gemeinsamkeiten: „So wie die Frau die erste Sklavin war, wird sie auch die letzte sein“, schrieb er 1852. Im Sinne der von ihm geforderten „universalen Emanzipation“ engagierte er sich buchstäblich bis zum letzten Tag seines Lebens: Noch wenige Stunden vor seinem Tod am 20. Februar 1895 hielt er eine Rede bei einer Veranstaltung der Suffragetten in Washington, D.C., in der er das Wahlrecht und die Gleichberechtigung für Frauen forderte. Die frühe Frauenbewegung war übrigens nicht nur mit der abolitionistischen, sondern auch mit der Tierrechtsbewegung eng verbunden; vor allem mit der Anti-Vivisektionsbewegung, welche gegen Tierversuche kämpfte.

WIE DIE TIERE

In einer Ausgabe des North Star aus dem Juli 1848 findet sich eine interessante Bemerkung; dort heißt es: „Eine Diskussion über die Rechte der Tiere würde von vielen, die als die ‚Weisen‘ und ‚Guten‘ unseres Landes bezeichnet werden, mit mehr Wohlwollen betrachtet werden als eine Diskussion über die Rechte der Frau.“ Tatsächlich besteht eine enge Verflochtenheit zwischen Sexismus und Speziesismus, was schon der Umstand zeigt, dass als satirische Reaktion auf das 1792 in England erschienene Werk A Vindication of the Rights of Woman von Mary Wollstonecraft, das die moderne Frauenrechtsbewegung begründete, ein Mann den Essay A Vindication of the Rights of Brutes veröffentlichte; Henry S. Salt merkte später an, dass diese Antwort auf Wollstonecrafts Buch zeige, „wie das Gespött einer Generation die Realität der nächsten werden kann“.

George Orwell meinte einmal: „Die Menschen beuten die Tiere in ziemlich gleicher Weise aus wie die Reichen das Proletariat.“ Eigentlich ist ein adäquater Vergleich aber nicht zwischen der Situation von Arbeitstieren und jener der Angehörigen des Proletariats zu ziehen, sondern zwischen zur Arbeit gezwungenen Tieren und versklavten Menschen. Im Artikel Lohnarbeit und Kapital, erstmals erschienen in der Neuen Rheinischen Zeitung im April 1849, schrieb Karl Marx:

Wenn der Seidenwurm spänne, um seine Existenz als Raupe zu fristen, so wäre er ein vollständiger Lohnarbeiter. Die Arbeitskraft war nicht immer eine Ware. Die Arbeit war nicht immer Lohnarbeit, d.h. freie Arbeit. Der Sklave verkaufte seine Arbeitskraft nicht an die Sklavenbesitzer, sowenig wie der Ochse seine Leistungen an den Bauer verkauft. Der Sklave mitsamt seiner Arbeitskraft ist ein für allemal an seinen Eigentümer verkauft. Er ist eine Ware, die von der Hand des einen Eigentümers in die des andern übergehn kann. Er selbst ist eine Ware, aber die Arbeitskraft ist nicht seine Ware.

Der versklavte Mensch und das domestizierte Tier gehören vollständig – mit ihrem Körper, ihrer Arbeitskraft, ihren Nachkommen – ihrem Besitzer. Das Bewusstsein darüber, dass ausgebeutete Tiere Leidensgenossen sind, kommt in den Stimmen früherer Sklaven, die sich beispielsweise selbst als „Tier, das man kaufen und verkaufen kann“ (Josiah Henson) oder als „rebellierendes Arbeitstier“ (John P. Parker) beschreiben, deutlich zum Ausdruck. Dass Sklaven wortwörtlich „wie die Tiere“ behandelt wurden, brachten sie immer wieder selbst zum Ausdruck. Es ist daher kein Wunder, dass der Vegetarismus und die mit ihm verbundene Kritik an Ausbeutung von Lebewesen überhaupt – ob diese nun Menschen oder Tiere sind – in der abolitionistischen Bewegung von Anfang an eine gewisse Rolle gespielt hat.

UNSCHULDIGE IN KETTEN

Das erste Werk, das sich ausschließlich der Forderung der Sklavenbefreiung widmete, ist All Slave-Keepers that Keep the Innocent in Bondage (1737). Der Autor, Benjamin Lay, hatte sich 1731 zusammen mit seiner Frau Sarah auf der Insel Barbados niedergelassen. Dort erlebten sie hautnah die unmenschlichen Bedingungen der Sklaverei. Aufgrund ihrer Proteste veranlassten die Plantagenbesitzer gegen Ende des Jahres 1731 die Ausweisung der Lays, die nun nach Philadelphia umzogen. Benjamin Lay wurde dort als einer der ersten Aktivisten gegen die Sklaverei tätig. Sein Wunsch, die „Unschuldigen, die in Ketten gehalten“ werden, zu befreien, betraf aber nicht nur Menschen, sondern auch Tiere. In seinem Buch sind die Argumente gegen die Sklavenhaltung und für den Vegetarismus gar nicht zu trennen. Lay wollte keine Erzeugnisse gebrauchen oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die das Ergebnis von Sklavenarbeit waren – ob diese nun von Menschen oder von Tieren verrichtet werden. Heute würde man ihn als Veganer bezeichnen: Er verschmähte jede Nahrung und Kleidung, für deren Herstellung Tiere gehalten werden mussten, und lehnte es auch ab, per Pferd zu reisen; er forderte „Mitleid mit allen Kreaturen jeder Art“. Der kleine Mann – seine Körpergröße betrug nicht mehr als 1,30 Meter – beeinflusste Generationen von Gegnern der Sklaverei, die auch seine vegan-vegetarische Praxis teilweise annahmen.

In der Tradition Lays steht etwa John Woolman, der „Gerechtigkeit und Güte, nicht nur gegenüber allen Menschen, sondern auch anderen Tieren gegenüber“ forderte. Vor allem seinem Wirken ist es zu verdanken, dass im Jahr 1790 zahlreiche Menschen im Rahmen einer Petition vom US-Kongress die Abschaffung der Sklaverei verlangten. Gerade zwischen dem frühen Abolitionismus und dem Vegetarismus habe es enge Verbindungen gegeben, stellt Jason C. Hribal fest. „Da waren nicht nur Afrikaner auf den Plantagen und in den Städten; da waren Afrikaner, Ochsen und Schweine“, schreibt der Historiker, und, über die Abolitionisten: „Sie boykottierten im Zuge ihres Protestes gegen das System der Ausbeutung nicht nur Rum und Zucker; sie boykottierten den Gebrauch von Rum, Zucker, Fleisch, Fett und Pferdegespannen.“ Auch Karen und Michael Iacobbo führen in ihrem Werk Vegetarian America: A History (2004) zahlreiche Verbindungen zwischen der vegetarischen und der abolitionistischen Bewegung an. An dieser Stelle sei als nur ein Beispiel von vielen Orson S. Murray genannt, über den sie schreiben: „Murray, ein unverblümter Anarchist aus Vermont, der auch gegen Religion und Landbesitz protestierte, war ein bekannter Gegner der Sklaverei und Herausgeber der Zeitung The Regenerator. Er war auch eine starke Stimme für Vegetarismus und Tierbefreiung.“

Nicht nur in den USA, sondern auch in England gab es entsprechende Verbindungen. So spielte der Kampf gegen die Sklaverei beispielsweise im Umfeld der ersten englischen Vegetarian Society eine Rolle, die, wenn man so will, eigentlich eine „Vegan Society“ war: Im Jahr 1838 eröffnete James Pierrepont Greaves, der sich seit 1817 vegan er­nähr­te, in Surrey die Alcott House Academy, ein veganes Schulungszentrum, deren Mitglieder jegliche Nutzung von Tieren ablehnten. In der Academy, die bis 1848 exis­tier­te, ist das Wort „vegetarian“ aufgekommen, das vor 1847 ausschließlich mit der Bedeutung des heutigen „vegan“ gebraucht worden zu sein scheint.

FREIHEIT FÜR ALLE

„Freiheit für alle, Ketten für niemanden“, lautete die Losung von Frederick Douglass. Fortschrittliche Bewegungen dürfen damit heute nicht mehr nur die Menschen meinen – denn Befreiung hört nicht beim Menschen auf. Mehr noch: Die menschlichen Emanzipationsbewegungen können nur vollständig zum Erfolg führen, wenn sie ein anderes Verhältnis zu den Tieren entwickeln, denn, so heißt es in der Untersuchung Das „Tier“-Konstrukt – und die Geburt des Rassismus (2004) von Jobst Paul, die Verachtung für das „Tierische“ liegt, als Tiefenstruktur und Code, „offenbar allen Begründungen für Ausgrenzung und Stigmatisierung zu Grunde“. Schon Charles Darwin wies darauf hin, dass die Ansicht, Tiere seien uns gegenüber minderwertig, auf den Umstand zurückzuführen ist, dass die Menschen sie sich zu Nutzen gemacht haben – so wie die Sklavenhalter bemüht waren, Afrikaner, deren Arbeitskraft sie ausbeuteten, zu einer inferioren Rasse zu erklären. In einem seiner Notebooks notierte er einmal: „Tiere, die wir zu unseren Sklaven gemacht haben, betrachten wir nicht als gleichwertig. – Wünschen sich nicht die Sklavenhalter, den Schwarzen zu einer anderen Art zu machen – Tiere mit Zuneigung, Nachahmung, Angst vor dem Tod, Schmerz, Trauer für die Toten. – Respekt.“

In der Geschichtsschreibung zum Abolitionismus dominierte zunächst eine Sicht, welche die Abschaffung der Sklaverei als „eine Geschichte des moralischen Fortschritts in der westlichen Welt interpretiert“ hat, wie Andreas Gestrich in seinem Aufsatz Die Antisklavereibewegung im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert (2005) anmerkt. Dieser Bewertung setzte 1944 Eric Williams sein Buch Capitalism and Slavery entgegen. Nach Williams hatte die Emanzipation der Sklaven nichts mit der Entwicklung der Moralität europäischer Gesellschaften zu tun, sondern war vielmehr Folge sich verändernder ökonomischer Strukturen und gewandelter Klassenverhältnisse; wirklich ausschlaggebend sei die Entwicklung hin zum modernen Industriekapitalismus gewesen. Das Argument von Williams war also demjenigen ähnlich, das in der Forschung auch für die Erklärung der Kinderarbeit vorgebracht wurde: Wie diese habe die Sklaverei trotz aller politischen Agitation erst dann wirksam verboten werden können, als sie ökonomisch bedeutungslos geworden war.

Williams‘ Arbeit löste letztlich die moderne Antisklaverei-Forschung aus, die seine Theorie in dieser Radikalität allerdings nicht bestätigen konnte. Dennoch wurde seine These, dass der Erfolg der Antisklaverei-Bewegung ursächlich mit der Entwicklung des modernen Industriekapitalismus zusammenhing, von der Forschung in differenzierterer Form aufgegriffen. So betont etwa David Brion Davis, einer der besten Kenner der Antisklaverei-Bewegung und ihrer theoretischen Voraussetzungen, dass die Abolitionsbewegung nur erfolgreich sein konnte, weil sie auch der hegemonialen Legitimierung freier Arbeit gedient habe; speziell die von den Quäkern – denen auch Benjamin Lay und John Woolman angehörten – entwickelte Ideologie der Antisklaverei sei eine „Verkörperung kapitalistischer Mentalität“.

ANIMAL REVOLUTION

Heute ist auch der Ausbeutung der Tiere ihre ökonomische Basis abhandengekommen. Richard Ryder, britischer Psychologe und Schöpfer des Begriffs Speziesismus, schreibt dazu in seinem Buch Animal Revolution (2000): „Unsere in Höhlen wohnenden Vorfahren waren auf andere zur Empfindung fähige Lebewesen als Nahrung angewiesen, sie brauchten ihre Häute als Bekleidung, ihre Knochen als Werkzeug. Aber die Ausbeutung und Herrschaft der Menschen über nichtmenschliche Tiere entbehrt heute dieser Notwendigkeit; wir haben alternative Nahrung und Kleidung sowie Transportmöglichkeiten und Energiequellen.“ Ähnlich wie der Rassismus in der westlichen Wissenschaft als ideologische Rechtfertigung für die Sklaverei und für europäische Herrschaftsinteressen entstand, bildete sich der Speziesismus als Legitimationsideologie für das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren. Beiden fehlt heute vollkommen die Basis. Dass aus einer solchen Erkenntnis die Befreiung der Tiere folgt, muss allerdings noch im Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen herbeigeführt werden.

Auf lange Sicht wird das auf Tierhaltung basierende System, das ohnehin alles andere als effizient ist, auch ökonomisch nicht mehr rentabel sein. „Neue und wachsende Geschäftsinteressen stehen gegen überholte und anachronistische, nicht anders als beim Schritt von der Pferdekutsche zum Automobil“, bemerkt etwa Richard David Precht in seinem Buch Tiere denken (2016). Er meint: „Die Fleischindustrie kämpft einen verzweifelten Propagandakampf – wie lange Zeit die Atomlobby –, aber sie kann nicht mehr gewinnen.“ Eine progressive politische Emanzipationsbewegung darf sich aber nicht darauf verlassen, dass es der Kapitalismus schon richten wird – dass das nicht funktioniert, zeigt auch das Beispiel der Sklaverei: Obwohl sie offiziell abgeschafft ist, gibt es heute mehr Sklaven als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Genauso wenig darf man darauf bauen, dass die Ausbeutung der Tiere durch moralische Appelle gestoppt werden wird. Die Geschichte zeigt, dass Emanzipation von Befreiungsbewegungen erkämpft werden muss – gegen ein System, das von der Ausbeutung und Unterdrückung profitiert und bestrebt ist, seine Profitinteressen zu wahren.

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