Die gefährliche Intensivierung der Tierhaltung

Eine neue Untersuchung, die von der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Auftrag gegeben und gestern veröffentlicht worden ist, stellt fest: Auf mehr als 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen der Europäischen Union wächst Futtermittel für Tierhaltung. Das Niveau der Produktion von Fleisch und Milch in Europa habe die wissenschaftlich definierten Grenzen für den Schutz von Umwelt und Klima damit weit überschritten, da die intensive Tierhaltung und der Verbrauch von Tierprodukten schwerwiegende Auswirkungen auf unser Klima, unsere Umwelt und unsere Gesundheit hätten.

Erst im Januar veröffentlichten einige der weltweit führenden Wissenschaftler und Gesundheitsexperten in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift The Lancet eine alarmierende Studie: Die Diskrepanz zwischen der Art, wie wir gegenwärtig essen, und den gesunden und nachhaltigen Nahrungsmittelsystemen, die wir zum Schutz der Natur, des Klimas und der öffentlichen Gesundheit bräuchten, könnte kaum größer sein, warnten sie. Eine Ernährungsumstellung, die „eine drastische Verringerung des Konsums ungesunder Lebensmittel wie rotem Fleisch“ und gleichzeitig eine „allgemeine Steigerung des Verbrauchs von Hülsenfrüchten, Nüssen, Obst und Gemüse“ nach sich ziehen müsse, sei dringend notwendig. Die Lancet-Untersuchung ist nur die jüngste in einer langen Reihe von Untersuchungen, die gezeigt haben, dass die Tierindustrie erhebliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit, die Umwelt und das Klima haben.

Globaler Gesundheitsnotfall

Der nun veröffentlichte Greenpeace-Report Feeding the Problem –The dangerous Intensification of Animal Farming in Europe führt noch einige weitere Studien an: Würden sich die Menschen in Europa vegetarisch oder vegan ernähren, könnte das die Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft um 63 bzw. 70 Prozent senken. Auch gegen Umweltverschmutzung könnte damit vorgegangen werden; so ist etwa der größte Teil der Luftschadstoffe aus der Landwirtschaft auf die Tierproduktion zurückzuführen, und über 80 Prozent der landwirtschaftlichen Ammoniak- und Stickstoffemissionen der EU hängen mit der Tierhaltung zusammen. Man schätzt, dass allein die Luftverschmutzung zu über 400.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr führt. Die Produktion und der Verbrauch von Tierprodukten stehen hinter einer latenten globalen Gesundheitskrise. Der Verzehr von rotem Fleisch beispielsweise ist unter anderem mit Krebs, Herzkrankheiten und Diabetes assoziiert. Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist einer der Hauptgründe für Resistenzen, die kürzlich von der Weltgesundheitsorganisation als „globaler Gesundheitsnotfall“ bezeichnet worden sind. Im Report heißt es dazu:

Die industrielle Produktion und der übermäßige Verbrauch von Fleisch und Milchprodukten haben gravierende Auswirkungen auf unser Klima, unsere Umwelt und unsere Gesundheit. Eine ständig wachsende Anzahl wissenschaftlicher Nachweise macht die Notwendigkeit, unsere Produktion und den Verbrauch tierischer Produkte zu reduzieren, klarer und dringlicher als je zuvor. Die Verbrauchsgewohnheiten und das Produktionsniveau in Europa haben die von der Wissenschaft festgelegten Grenzen für Gesundheit, Umwelt und Klima weit überschritten.

Im Jahr 2017 machten Tierprodukte 40,9 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Produktion der EU aus. Die Erzeugung von Fleisch stieg zwischen 2000 und 2017 um 12,7 Prozent von 41.956.000 Tonnen auf 47.273.000 Tonnen an. Im Milchsektor steigerte sich die Produktion von Kuhmilch von 150 Millionen Tonnen im Jahr 2000 um 10,4 Prozent auf 165,6 Millionen Tonnen im Jahr 2017. Die Verdoppelung des Verbrauchs tierischer Erzeugnisse in Europa seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde durch eine entsprechende Steigerung der Produktion ermöglicht, welche wiederum durch eine unterstützende Agrarpolitik begünstigt wurde: Die Politik hat die Verfügbarkeit billiger Futtermittel sichergestellt und die Preise für Tierprodukte auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig gehalten – durch Ausfuhrsubventionen und Einfuhrzölle sowie durch die Regulierung des Marktes über Produktionsquoten und den Ankauf überschüssiger landwirtschaftlicher Erzeugnisse bei drohendem Preisverfall.

Konzentrationsprozess

Angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Auswirkungen der industriellen Tierhaltung und des hohen Verbrauchs tierischer Produkte gab Greenpeace eine Evaluierung der Verwendung der öffentlichen Mittel, die über die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) bereitgestellt werden, in Auftrag, deren Ergebnisse in den Report mit eingeflossen sind. Mit knapp 60 Milliarden Euro pro Jahr ist die GAP eines der wichtigsten Politikfelder der EU; die Gelder, Markt- und Handelsregeln aus Brüssel bestimmen maßgeblich mit, wie die Lebensmittel, die wir konsumieren, erzeugt werden, wie dafür Boden, Wasser und Saatgut genutzt werden – und auch, wie und wie viele Tiere gehalten werden. Feeding the Problem wertet diese Daten aus, analysiert die Trends im europäischen Tiersektor und stellt Informationen zur Nutzung landwirtschaftlicher Flächen in Europa zusammen. Zur Zielsetzung der Evaluation heißt es:

Angesichts der wesentlichen Rolle, die die GAP bei der Gestaltung der europäischen Landwirtschaft spielt, muss unbedingt untersucht werden, wie diese öffentlichen Gelder verwendet werden. Es ist von besonderem Interesse, zu beurteilen, ob die GAP die notwendigen politischen Instrumente geschaffen hat, um das massive Wachstum des industriellen Tiersektors und seine Folgen zu bewältigen und die dringend notwendige Verringerung des Verbrauchs und der Produktion tierischer Erzeugnisse zu fördern. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die zunehmende Industrialisierung und Spezialisierung der Landwirtschaft, insbesondere im Tiersektor, den stetig zunehmenden Konsum tierischer Produkte unterstützt. Der Verbrauch tierischen Proteins in Europa ist seit den 1960er-Jahren um 80 Prozent gestiegen.

Als Haupttrend im europäischen Tiersektor zeigen die Zahlen eine ständig wachsende Konzentration der Fleisch- und Milcherzeugung auf weniger und größere Betriebe. Insgesamt sinkt die Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe; die großen aber werden immer größer und erhöhen ihre Tierbestandsdichte. Ein Konzentrationsprozess erfolgt auch in geografischer Hinsicht: Nur vier europäische Länder – Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien – produzieren 54 Prozent der Rinder, 50 Prozent der Schweine und 54 Prozent der Schafe und Ziegen in der EU. Der Trend der Konzentration der Produktion in den Händen weniger und größerer Akteure korreliert mit dem immer weniger diversifizierten Agrarsektor Europas. Heutzutage stammen 82 Prozent der Tiere aus spezialisierten Großbetrieben und nur noch 16 Prozent aus gemischten landwirtschaftlichen Betrieben.

Ineffiziente Nutzung

Aus den Daten der EU-Kommission geht außerdem hervor, dass im Jahr 2017 ganze 71,2 Prozent des europäischen Agrarlandes für die Herstellung von Futtermitteln benutzt worden sind. Dieser Prozentsatz, der sowohl Ackerland als auch Grünland umfasst, ist seit 2007 stabil und variiert leicht zwischen 70 und 72 Prozent. Selbst wenn man die für die menschliche Ernährung nicht verwertbaren Flächen wie Wiesen und Weiden davon abzieht, werden noch immer 63 Prozent der Ackerflächen mit Pflanzen zur Erzeugung von Futtermitteln anstatt für die Lebensmittelproduktion bebaut. Dabei ist die Nutzung von Land als Tierfutter eine äußerst ineffiziente Nutzung der natürlichen Ressourcen – ob in Europa oder anderswo: Tiere können nur zwischen 10 und 30 Prozent der Futtermittel, die sie verbrauchen, in Lebensmittel für Menschen umwandeln, was erhebliche Auswirkungen auf die benötigte Landfläche hat. Die Autoren schreiben:

Eine so große Fläche, die häufig mit synthetischen Düngemitteln und Pestiziden intensiv bewirtschaftet wird – mit entsprechenden Auswirkungen auf Gesundheit, Umwelt und Klima – könnte auch zu ihrem größten Teil der Produktion von Nahrungsmitteln für Menschen gewidmet sein. Eine Verringerung des Verbrauchs tierischer Erzeugnisse sollte mit einer gleichzeitigen Verringerung der Tierproduktion und einer Zunahme von Alternativen zu Fleisch und Milchprodukten einhergehen, die auf Ackerland angebaut werden, auf dem früher Futterpflanzen für Tiere angebaut wurden.

Derzeit aber ist ein erheblicher Teil der GAP-Zahlungen – etwa 78 Prozent der Gelder – an die Tierhaltung gebunden und wird in Flächen investiert, auf denen Futterpflanzen erzeugt werden. Zwischen 69 und 79 Prozent der Direktzahlungen der GAP gehen an Erzeuger von Tierfutter oder direkt an Tierhalter – das sind zwischen 18 und 20 Prozent des EU-Haushalts in Höhe von 157,86 Milliarden Euro im Jahr 2017; das bedeutet, dass jeder fünfte Euro des EU-Gesamtbudgets für die Subvention des Futteranbaus aufgewendet wird, zwischen 28 und 32 Milliarden Euro gehen jährlich in Form an Direktzahlungen an die Tierindustrie.

Blankoscheck für die Mächtigsten

Direktzahlungen sind nicht die einzigen GAP-Subventionen, welche die Industriellen erreichen. So gibt es etwa Maßnahmen, die auf Marktversagen reagieren: Wenn ein bestimmter Sektor von einer plötzlichen Krise betroffen ist oder die Marktpreise unter ein bestimmtes Niveau fallen, kann die EU-Kommission eingreifen und Marktstützungsmaßnahmen einleiten, indem sie Finanzmittel zur Verfügung stellt oder Produkte vom Markt kauft, um höhere Preise sicherzustellen. In die Greenpeace-Studie fanden nur die Direktzahlungen Eingang – das heißt, dass der Gesamtbetrag der GAP-Mittel zur Unterstützung der Tierindustrie in Wirklichkeit noch höher ist. Die GAP-Subventionen, so der Report, hätten die großen Betriebe ermutigt, wenn nicht sogar gezwungen, die Tierhaltung immer weiter zu intensivieren. Als die EU-Kommission im Juni 2018 ihren Vorschlag für die GAP nach 2021 vorlegte, behauptete sie, dass dieser einen neuen Plan für Direktzahlungen beinhalte, der zielgerichteter, gerechter und umweltfreundlicher sei – aber:

Auch wenn drei der neun Ziele, die die Mitgliedstaaten bis zum Ende der Politikperiode erreichen sollen, explizit mit Umwelt- und Klimaschutz verbunden sind, bietet der GAP-Vorschlag keinen klaren Mechanismus, um sicherzustellen, dass die Regierungen diese Ziele erreichen. … Mit dem Vorschlag der Kommission erhalten die Regierungen der EU einen Blankoscheck, mit dem sie die laufenden GAP-Zahlungen unverändert beibehalten können, was den mächtigsten Akteuren der Landwirtschaft zugutekommt und einen nicht nachhaltigen landwirtschaftlichen Sektor unterstützt.

Trotz der Behauptung, eine umweltfreundlichere GAP anzustreben, habe die Kommission sich sogar davor gescheut auch nur zu erwähnen, dass die Zielsetzung der GAP sich auch mit jenen Problemen befassen muss, die durch wissenschaftliche Erkenntnisse immer wieder hervorgehoben werden – nämlich dem derzeitigen extremen Überschuss an Produktion und Verbrauch tierischer Erzeugnisse: „Die bloße Tatsache, dass weit mehr als die Hälfte des GAP-Gesamthaushalts mit dem Tiersektor zusammenhängt, widerspricht der dringenden Warnung der Wissenschaftler, den Verbrauch und die Produktion von Tierprodukten erheblich zu senken.“

Pflanzliche Ernährung fördern

Nachhaltigere Agrarsysteme, fasst der Report zusammen, würden nicht auf eiweißreichen Kraftfuttermitteln basieren, die für eine große Anzahl von Tieren in Betonstallungen bestimmt sind – doch genau das habe die GAP gefördert. Öffentliche Mittel müssten aber eigentlich eine „gesunde, nachhaltige, vorwiegend pflanzliche Ernährung fördern“; sie sollten so eingesetzt werden, dass die Zahl der produzierten Tiere verringert und der Lebensunterhalt der ländlichen Gemeinschaften – anstatt nur einiger großer industriellen Akteure – gesichert werde. Ein nachhaltigeres landwirtschaftliches System würde einen Großteil des für Tierfutter genutzten Landes freisetzen, auf dem dann Getreide für die menschliche Ernährung angebaut werden könnte.

Die Umweltorganisation fordert, dass die GAP auf die massiven Auswirkungen des Viehsektors auf Natur, Klima und Gesundheit der Bevölkerung reagieren und den derzeitigen Trend der Intensivierung der Landwirtschaft umkehren müsse. Konkret solle auf jeglichen Einsatz finanzieller Mittel sowie auch auf Marktmaßnahmen oder Absatzförderungsmaßnahmen, die auf die Förderung und Erzeugung von Tierprodukten abzielen oder diese zur Folge haben, verzichtet werden: „Die aktuelle Reform der europäischen Agrarpolitik bietet jetzt die Chance, die bisherige Fehlsteuerung zu korrigieren, in Zukunft Umweltschäden zu vermeiden und eine klimaschonende, naturnahe Landwirtschaft zu unterstützen.“

Der vollständige Report in englischer Sprache ist auf der Website von Greenpeace zum Download verfügbar.

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