Das Schlachten beenden: Upton Sinclairs „The Jungle“ – zweiter Teil

Im 1905 erschienenen Enthüllungsroman „The Jungle“ schilderte Upton Sinclair die drastische Ausbeutung von Menschen und Tieren im damals größten Schlachthof der Welt, den Union Stock Yards in Chicago. Die Rückbesinnung auf die in Sinclairs bekanntestem Werk geschilderte Utopie einer Gesellschaft, die ohne das „große Schlachten“ auskommt, ist heute nötiger denn je.

Sommer 1904, Chicago: Der Massenstreik der Schlachtarbeiter in den Stock Yards hat dafür gesorgt, dass der Preis für Fleisch um 30 Prozent gestiegen ist. Der Fabrikdirektor tritt vor die Tür, droht den Arbeitern mit der Faust und brüllt: „Ihr seid weggelaufen wie die Ochsen, und wie die Ochsen kommt ihr auch zurück!“ Um die Streikenden zu ersetzen, werden schnell neue Belegschaften aufgebaut, etwa durch Schwarze aus den Baumwollgebieten des tiefen Südens, „die man wie Schafe in die Fabriken trieb“, wie Upton Sinclair in The Jungle schreibt. Weiter heißt es dort: „In diesen tierischen Kampf aller gegen alle, in diesen Dschungel waren die Männer hier hineingeboren worden, ohne dass man sie gefragt hatte; sie nahmen daran teil, weil ihnen keine andere Wahl blieb.“ Das Ideal des Taylorismus war es, einen Arbeiter hervorzubringen, der mehr einem Automaten gleichen sollte als einem Menschen – einen „Ochsenmenschen“, einen „dressierten Gorilla“, wie Taylor meinte. In Sinclairs Roman wird diese Entmenschlichung des Proletariats anschaulich illustriert, wenn es heißt: „Jeden Tag fischte das Schleppnetz der Polizei Hunderte von ihnen von den Straßen, und in der Verwahrungsanstalt konnte man sie sehen, zusammengepfercht in einem Inferno en miniature, mit hässlichen, tierischen Gesichtern, aufgedunsen und von venerischen Krankheiten gezeichnet, lachend, schreiend, kreischend in allen Stadien der Trunkenheit, wie Hunde kläffend, schnatternd wie Affen, im Delirium tobend und sich selbst zerfleischend.“ Als der Hauptprotagonist sich gegen Ende des Romans den organisierten Sozialisten anschließt, lesen wir:

Jurgis erinnerte sich, wie er kurz nach seiner Ankunft in Chicago beim Schweineschlachten zugeschaut, es grausam und brutal gefunden und sich dann beglückwünscht hatte, kein Schwein zu sein. Jetzt machte ihm sein neuer Bekannter klar, dass er damals doch eines gewesen sei – ein Schwein im Besitz der Fabrikanten: Aus dem Schwein wollen sie den höchstmöglichen Profit herausholen, und genauso wollen sie das auch aus dem Arbeiter und aus der Gesellschaft. Was das Schwein davon hält und was es leidet, bleibe außer Betracht, und dieselbe Einstellung hätten sie auch gegenüber dem Arbeiter und dem Käufer von Fleisch. Das sei überall auf der Welt so, aber in Packingtown zeige es sich in konzentrierter Form; Schlachten scheine ganz besonders roh und grausam zu machen. Jedenfalls würden für die Fabrikanten hundert Menschenleben leichter wiegen als ein Cent Profit.

„Arbeiter, ihr seid von Jugend an dazu erzogen, ihr schleppt euch weiter ab wie die Lastesel und denkt nur ans Heute und an dessen Plagen. Ist aber einer unter euch, der glauben kann, dieses System werde ewig weiterbestehen?“, fragt ein Redner in einer Versammlung von Sozialisten, die Jurgis besucht. Das Leben sei ein „Kampf ums Dasein“, der Starke bezwinge den Schwachen und werde seinerseits von dem noch Stärkeren bezwungen. Die Verlierer in diesem Kampf gingen im Allgemeinen zugrunde, doch hin und wieder hätten sie bekanntlich überlebt, und zwar dann, wenn sie sich zusammengeschlossen hatten – und dadurch eine neue und höhere Art von Stärke erreichten. Auf diese Weise hätten sich in der Natur die Herdentiere gegen die Raubtiere gehalten und in der Geschichte der Menschheit die Untertanen gegen die Könige durchgesetzt. Der Arbeiter sei der Untertan der Industrie, die sozialistische Bewegung der Ausdruck seines Überlebenswillens; es sei Aufgabe der Sozialisten, das Volk aufzuklären und zu organisieren, es auf jene Zeit vorzubereiten, „da es die Fleisch-Trust genannte riesige Maschine in Besitz nehmen und dazu benutzen wird, Menschen Nahrung zu verschaffen, statt einer Bande von Piraten Reichtümer anzuhäufen“.

Utopie

Sinclair fordert, die Produktionsmittel zur Herstellung lebenswichtiger Güter müssten Gemeineigentum sein und demokratisch verwaltet werden, und dies sei nur mittels der klassenbewussten politischen Organisation der Lohnarbeiter zu erreichen; seien die Schlüsselindustrien einmal vergesellschaftet, müsse es darum gehen, die Versorgung der Bevölkerung systematisch und rationell zu organisieren. Heißt das, dass in den Fabriken, wären sie in Arbeiterhand, weiter geschlachtet werden würde wie bisher und die Erzeugnisse nur gerechter verteilt würden?

Jedenfalls nicht, wenn es nach der Utopie geht, die Sinclair in The Jungle einem Sozialisten namens Schliemann in den Mund legt. Denn die Tierindustrie ist eben nicht rational, im Gegenteil findet hier eine riesige Verschwendung von Ressourcen und Arbeitskraft statt. Schon August Bebel wusste: „Die Vielseitigkeit der Pflanzenkultur ist ein Zeichen höherer Kultur. Auch können auf einer gegebenen Ackerfläche viel mehr vegetabilische Nährstoffe gebaut werden, als auf derselben Fläche durch Viehzucht Fleisch erzeugt werden kann“, und George Bernard Shaw, ein Freund und Förderer Sinclairs und sicher einer der bekanntesten vegetarischen Sozialisten, sagte über das Essen von Fleisch, dass es auch eine „Versklavung der Menschen“ mit sich bringe: „Kühe und Schafe mit ihrer Dienerschaft von Geburtshelfern, Viehzüchtern, Schafhirten, Fleischern, Milchmädchen und so weiter beanspruchen eine Menge menschlicher Arbeitskraft, die man der Aufzucht und Betreuung von Menschen widmen sollte.“

Entsprechend lässt Sinclair am Schluss des Buches Schliemann sagen, es sei „erwiesen, dass der Mensch kein Fleisch braucht. Und Fleisch ist doch unstreitig schwerer zu erzeugen als pflanzliche Nahrung, unangenehmer zu verarbeiten und auch leichter verderblich. Doch was macht’s – Hauptsache, es kitzelt den Gaumen!“ Wie der Sozialismus das denn ändern könne, fragt jemand. Solange es Lohnsklaverei gibt, erwidert Schliemann, „spielt es überhaupt keine Rolle, wie erniedrigend oder abstoßend eine Arbeit ist – es lässt sich ja leicht jemand finden, der sie macht. Aber sobald die Arbeiter befreit sind, wird der Preis für solche Arbeiten steigen. Man wird die schmutzigen und ungesunden Fabriken eine nach der anderen abreißen – neue zu bauen wird billiger sein; man wird die Dampfschiffe mit automatischer Feuerung ausrüsten und überhaupt alle gefährlichen Berufe ungefährlich machen oder aber für ihre Erzeugnisse Ersatz finden. Proportional dazu, wie sich die Bürger unserer Industrie-Republik kultivieren, werden sich die Schlachthausprodukte von Jahr zu Jahr verteuern, bis schließlich, wer Fleisch essen will, selber schlachten muss – und wie lange, glauben Sie, wird sich der Brauch dann noch halten?“

Fundamentale Kritik

The Jungle ist ein Tatsachenroman: Sinclair schilderte, was er selbst erlebt hatte, als er unter den Arbeitern der Fleischfabriken lebte. Während er ab Februar 1905 in Fortsetzungen in der Wochenzeitung Appeal to Reason erschien, bemühte Sinclair sich zugleich um eine Vertragsvereinbarung für die Veröffentlichung als Buch. Diverse Verlage lehnten das Manuskript ab oder verlangten von ihm, „Blut und Eingeweide“ herauszulassen, sprich, das Werk um brisante Stellen zu kürzen, was der Autor ablehnte. In seiner vor genau 100 Jahren erschienenen fundamentalen Medienkritik The Brass Check berichtet Sinclair auch vom Kampf gegen die Zeitungsmonopole im Zusammenhang der Aufdeckung der Verhältnisse in den Schlachthöfen und seinen Schwierigkeiten, die Ergebnisse seiner Recherchen in Artikeln zu veröffentlichen: Zuerst wurde er ignoriert, dann lächerlich gemacht – so stellte ihn der damals meistgelesene Journalist der USA, Arthur Brisbane, als „empfindsamen jungen Dichter hin, der zum ersten Mal in seinem Leben Schlachthäuser gesehen, und den die Entdeckung, dass Tiere in ihrem Innern Blut hätten, zu stark aufgeregt habe“ –, dann wurde versucht, ihn zu kaufen; Sinclair berichtet, sich gegen den Vorwurf erwehrend, ihm ginge es nur darum, im Rampenlicht zu stehen:

Einige Kapitalisten hatten mir vorgeschlagen, eine Musterfleischkonservenfabrik zu gründen, und mir dreihunderttausend Dollar in Aktien für den Gebrauch meines Namens angeboten. Hätte ich dieses Angebot angenommen und als Leiter eines solchen Unternehmens ganzseitige Inserate an die Zeitungen der Stadt freigiebig genug verteilt, wäre ich auf eine weniger anstößige und vornehmere Art berühmt geworden. Ich wäre einer derjenigen gewesen, von denen jedes Wort mit Andacht in den Zeitungen wiedergegeben wird. Aber ich griff das Profitsystem an – sogar den Profit im Nachrichtenwesen. Ich lehnte es ab, dem Geld nachzujagen, und deshalb war meine Art anstößig.

Es war der Verlag Doubleday, Page & Company, der einen Bestseller witterte. Er beauftrage einen Reporter des Chicago Tribune damit, den Wahrheitsgehalt des Romans zu begutachten. In einem 32-seitigen Papier wurden Sinclairs Schilderungen der Schlachthöfe zurückgewiesen. Als der Verlag daraufhin einen eigenen Gutachter nach Chicago entsandte, stellte sich heraus: Das Papier war vom Publicity-Agenten des Fleisch-Trusts persönlich angefertigt worden! So erschien der Roman Ende Februar 1906. Eins der ersten Exemplare schickte Sinclair an Präsident Roosevelt, woraufhin dieser ihn nach Washington einlud; das Ergebnis des Treffens: Zwei Referenten begaben sich nach Chicago, um erneut zu recherchieren, diesmal im Auftrag des Weißen Hauses. Sie kamen zurück mit einem Bericht, der Sinclairs Schilderungen bestätigte.

Das Buch wurde tatsächlich ein sofortiger Bestseller und machte Sinclair mit einem Schlag international bekannt – die realistisch geschilderten Einzelheiten der Zustände in den Schlachthöfen gingen weltweit durch die Presse, Übersetzungen des Buches in 17 Sprachen erschienen innerhalb weniger Monate. Jene Medienhäuser, die Sinclairs Artikel zum Thema und The Jungle selbst abgelehnt hatten, hätten nicht, wie es in The Brass Check heißt, aufs „falsche Pferd“ gesetzt, wie sie im Nachhinein behaupteten, sondern aufs „goldene Pferd“, das „ganzseitige Fleischkonservenanzeigen“ in Auftrag gab. Angriffe auf große Industrien sind vor allem für Zeitungen und Zeitschriften eine heikle Sache: „Wenn eine Zeitung ihre Großinserenten nicht genügend schützt, sorgen die schon selbst für ihren Schutz“, so Sinclair – nämlich schlicht dadurch, dass sie keine Anzeigen mehr in Auftrag geben. „Ich hatte Gelegenheit, einen solchen Anzeigenboykott anlässlich meines Artikels Die Fleischkonservenindustrie vor Gericht genau zu beobachten. Viele Inseratenseiten wurden aus Everybody’s Magazine abbestellt, – nicht nur Anzeigen von Schinken und Speck, auch von Düngemitteln, Seifen und Eisenbahnen.“

Agitationsmittel

Für Dieter Herms legitimiert der tatsächliche Aufschwung der Socialist Party zwischen 1904 und 1912 den geradezu hymnischen Schluss des Romans, wo es heißt: „Wir werden die Feinde unserer Klasse überrennen und sie vor uns herjagen – und Chicago wird unser sein!“ Die Gewerkschaftsbewegung auf dem Sektor der Fleischverarbeitung war in dieser Zeit noch zu schwach, und, so Herms, „zu sehr unterminiert von Spitzeln und Agenten, um erfolgreich sein zu können. Erst um 1918/1919 sollte es gelingen, dem mächtigen Rindfleisch-Imperium Armour and Company, das im Roman als ,Durham’s‘ abgebildet ist, die Anerkennung der Gewerkschaft abzutrotzen.“ Die Wahlerfolge der Sozialistischen Partei dagegen, deren linkem Flügel Sinclair zu dieser Zeit angehörte, waren zwischen 1902 und 1912 so beeindruckend, dass eine Regierungsübernahme durchaus im Bereich des Möglichen lag. Allerdings: Was als Agitationsmittel für den Sozialismus gedacht war, kam bei den Massen in erster Linie als Anklage gegen die katastrophalen hygienischen Zustände in der Fleischindustrie an – Sinclair hatte einen internationalen Fleischskandal verursacht. „Auf die Herzen der Menschen hatte ich es abgesehen, ihre Mägen habe ich getroffen“, kommentierte er daher wiederholt die Wirkung seines Buches, die, anders als er sich erhofft hatte, keineswegs revolutionär war. Vielmehr zog sie nur Reformen nach sich, konkret eine Bundesgesetzgebung über hygienische Fleischverarbeitung.

Die Bekanntgabe der Ergebnisse der von Präsident Roosevelt in Auftrag gegebenen Untersuchung über die Zustände in der Fleischverarbeitung hatte zunächst den Effekt, dass im Juni 1906 der amerikanische Fleischabsatz in Europa schlagartig zurückging, was den Zusammenbruch der Lobby des Fleisch-Trusts im US-Kongress einleitete. Bereits am 26. Mai hatte der Bundessenat das Gesetz gebilligt, als „direkte Folge der Enthüllungen in Upton Sinclairs Roman“, wie die New York Times damals titelte. Einen Monat später verabschiedete der Kongress die – allerdings durch zahlreiche Kompromisse verwässerte – Vorlage des Senats. „Die Wirkung des Jungle reduzierte sich letzten Endes auf jenen Ausschnitt von Lebensqualität, der durch das Essen einiger konservierter Fleischsorten bestimmt ist“, resümiert Dieter Herms. Das war ganz gewiss nicht das, was Sinclair im Sinn hatte, als er The Jungle schrieb. Entsprechend resigniert äußerte er sich rückblickend. Selbst die eklatanten Hygienemängel seien lediglich kaschiert worden, sein Enthüllungsroman habe bloß bewirkt, „dass die Wände einiger Schlachthäuser weiß gewaschen wurden, und war Veranlassung, dass ein oder zwei Dutzend Maniküren beschäftigt wurden, aber an der Lage der Lohnsklaven in jenen von ungeheuren Mauern umfassten Schlachthöfen änderte er nicht das geringste“, schrieb er im Jahr 1919, und weiter: „Die Lobby-Kreaturen der Fleischpacker in Washington setzten ihren Willen durch. Nachdem dem Gesetz über die Fleischbeschau die schärfsten Spitzen genommen waren, wurde es von Roosevelt gegengezeichnet, der dann auch alles dazu tat, um die Frage einschlafen zu lassen. Ich war bitter enttäuscht, umso mehr, als er wegen der Sache, die mir am nächsten lag, überhaupt nichts unternommen hatte.“

Längst überwunden?

In späteren Jahren machte der Schriftsteller allerdings eine Entwicklung durch, die ihn letztlich von seinen einst sehr radikalen Positionen stark abrücken ließ; dem alten Sinclair der späten 1960er-Jahre schließlich bescheinigt Herms, nach 50 Jahren erbarmungslosem Bloßlegen der inneren Bewegungsmechanismen des Großkapitals, nach 50 Jahren des Kampfs für die Sache der Unterdrückten und Ausgebeuteten des „anderen Amerika“, am Ende doch „Frieden gemacht zu haben mit dem amerikanischen Imperialismus“. Inkonsequent war er auch, was Vegetarismus angeht: Über Sinclairs Buch The Fasting Cure (1911) schreibt Dieter Herms: „Zur Zeit der Abfassung des Buches aß er zumindest mittags noch ein fettlos zubereitetes Steak. Später lehnte er jede fleischliche Kost ab.“ Mit „seiner Reis- und Früchte-Diät“ sei er dann immerhin neunzig Jahre alt geworden. Am Ende seiner Autobiografie, die 1962 erschien, listete Sinclair unter den zehn wichtigsten Leistungen seines Lebens in einer Art verklärtem Rückblick dann sogar auf, dass The Jungle dabei geholfen habe, „dass gutes Fleisch auf die Tische der Amerikaner gekommen sei und die Schlachthofarbeiter starke Gewerkschaften erhielten“. 1967, ein Jahr vor seinem Tod, war er sogar bei der Unterzeichnung des „Wholesome Meat Act“ durch Präsident Lyndon B. Johnson anwesend, einem Gesetz, das sich direkt auf die durch seinen Roman erzwungenen Reformen sechzig Jahre zuvor bezog, und ließ sich wegen dessen bahnbrechenden Wirkung im Weißen Haus ehren und vom Präsidenten die Hand schütteln. Der greise Autor betonte jetzt, dass die von ihm 1905 beschriebenen Zustände längst überwunden seien: „Seitdem haben wir den ,New Deal‘ und den ,Fair Deal‘ gehabt; die Arbeiter in den Schlachthöfen haben starke Gewerkschaften und so viele soziale Vergünstigungen, dass man darüber ein neues Buch schreiben könnte.“

Heute, über 50 Jahre später, leben wir in einer Zeit, in der das Diktat des unbegrenzten Wirtschaftswachstums die ganze Welt im Würgegriff hält, was nicht nur mit zahlreichen sozialen Verwerfungen, sondern auch mit einer über alle Maße gesteigerten Ausbeutung der Natur und der Tiere einhergeht. Als eine große „Aktiengesellschaft zur Ausbeutung der Natur“ bezeichnete Theodor W. Adorno den Kapitalismus einmal; der Philosoph kritisierte die „blinde Herrschaft über die Natur“, die „in der Tradition der Ausbeutung und Quälerei an Tieren ihren allersinnfälligsten und fasslichsten Ausdruck“ habe. Dabei ist der Ideologie der gegen die Tiere verübte Gewalt, die sich noch bis in die Moderne hinein aus der Realität einer unter fundamentalem Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklären ließ, dieses ökonomische Strukturmoment heute objektiv abhanden gekommen, wie der Soziologe und Philosoph Moshe Zuckermann sich in seinem Vorwort für einen 2007 erschienenen Sammelband zum Thema ausdrückt. „Obwohl also die Entwicklung der Produktivkräfte inzwischen einen Stand erreicht hat, der es ohne Weiteres ermöglichen würde, auf die traditionell in der westlichen Kultur verankerte Tierausbeutung und das damit verbundene Leid zu verzichten, wird sie fortgesetzt. Gerechtfertigt wird das mit speziesistischer Ideologie“, heißt es im Buch Antispeziesismus (2013) der theorie.org-Reihe.

Millionen ohne Stimme

Die massive Verschwendung und die verheerenden Umweltzerstörungen, welche die Tierindustrie zu verantworten hat, sind längst allgemein bekannt. Doch weiterhin wird „im Sekundentakt geschlachtet, immer schneller, immer billiger, immer schmutziger“; hierzulande wird das Gemetzel „von einer Geisterarmee aus Osteuropa“ erledigt, wie Die Zeit sich Ende 2014 in einem Artikel mit dem Titel Die Schlachtordnung ausdrückte. „Sie schlafen in Mulden unter Bäumen, ohne Dächer und ohne Schutz, sie decken sich mit Blättern zu. Sie liegen da zusammengekauert wie wilde Tiere“, schreibt die Wochenzeitung über die „Schattenwelt“ der osteuropäischen Schlachtarbeiter in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Fleischindustrie. Morgens ziehen sie dann in einen der Schlachtbetriebe, „die wie Gefängnisse gesichert sind, mit Kameras, Wächtern und Zäunen aus Stahl“. Unter der Überschrift Lohnsklaven in Deutschland berichtete die Süddeutsche Zeitung bereits im Jahr zuvor: „Was sich in Schlachthöfen abspielt, ist für viele Kritiker mehr als Ausbeutung. Die Rede ist von Menschenhandel und organisierter Kriminalität.“ Daran hat sich in den letzten Jahren nichts geändert. Erst Ende Januar berichtete die Nordwest Zeitung über die Situation von Werkvertragsarbeitern in Niedersachsen: „In einem Schlachthof im Landkreis Cloppenburg waren Mitte Dezember mehrere Mitarbeiter an Tuberkulose (TBC) erkrankt. Einer der Betroffenen starb. Die Männer stammten aus Rumänien. In dem Landkreis hatte es bereits Anfang des vergangenen Jahres einen Tuberkulosefall gegeben. Im Oktober und November hatten Tierschützer Videoaufnahmen aus mehreren Schlachthöfen veröffentlicht und Vorwürfe der Tierquälerei erhoben.“ Die Schlachtindustrie ist tödlich – nicht nur für die Tiere, sondern mitunter auch für die Arbeiter.

Sinclairs „Dschungel“ ist längst schon wieder Realität. Eine Rückbesinnung auf die in seinem Roman geschilderte Utopie einer Gesellschaft, die ohne „das große Schlachten“ auskommt, ist nötiger denn je. Politik, die heute fortschrittlich sein will, muss mehr wollen als nur die schlimmsten Auswüchse der Tierindustrie zu beschneiden. Wir brauchen dringend einen grundlegenden Wandel – und eine neue politische Bewegung, welche die Konversion der Tierindustrie, die Umstellung auf eine menschen-, tier- und umweltfreundliche Produktion durchsetzt. In einem vor zwei Jahren veröffentlichten Thesenpapier zum Thema heißt es dazu:

Objektiv ist die Ausbeutung der Tiere heute nicht nur unnötig, sondern irrational und antifortschrittlich. Sie sorgt für einen massenhaften und steigenden Verbrauch von etwa Wasser oder Soja, die nicht für sinnvolle Zwecke, sondern zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern eingesetzt, und erst recht nicht rational verteilt werden. Die ökologischen Schäden durch Rodungen von Regenwäldern, monokulturellem Anbau oder Wasserverschmutzung sind bereits heute zum Teil irreparabel. Wer also meint, die Fleischproduktion ignorieren oder sie sogar in einen sozialistischen Betrieb überführen zu können, sitzt jenem naiven und romantisierten Bild industrieller Lebensmittelproduktion auf, das die Lobbygruppen des Kapitals von ihr zeichnen. Der Umbau der Lebensmittel- und Fleischindustrie zu einer ökologisch nachhaltigen, veganen und gesellschaftlich geplanten Produktion wäre demgegenüber eine zeitgemäße sozialistische Forderung.

In The Jungle hält ein Sozialist eine flammende Rede, in der es heißt: „Ich spreche für die Millionen, die ohne Stimme sind! Für die Unterdrückten, die niemand tröstet! Für die vom Leben Enterbten, für die es keine Ruhe und keine Erlösung gibt, für die die Welt ein Kerker ist, eine Folterkammer, eine Gruft!“ Fortschrittliche politische Bewegungen dürfen damit heute nicht mehr nur die Menschen meinen, sie müssen auch für die sprichwörtlich bis aufs Blut ausgebeuteten Tiere sprechen – und den Weg hin zu einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft weisen, in der endlich Schluss gemacht wird mit dem großen Schlachten.

Zum ersten Teil des Artikels: Das große Schlachten.

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